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3xhab ich gern gelesen
geschrieben von Justin Sane.
Veröffentlicht: 11.05.2026. Rubrik: Lyrisches


Das Mahnmal

In Witchfield, wo die Gischt peitscht und der Fels wie Filz sich biegt,
Wo der Schatten einer Hexe schwer auf jedem Hausdach liegt,
Lebt Moira Berwick, bleich und dürr, ein Tim-Burton-Fragment,
Das jede Form von Sonnenschein nur vom Hörensagen kennt.

Ihr Haar ist schwarz wie Ofenruß, die Glieder dünn wie Glas,
Das Schicksal war ein schlechter Gast, der ihr die Eltern fraß.
Ein Sturm, ein Blitz, eine Eiche – das Paar lag drunter platt,
Was Moira immerhin den Stoff für neue Hobbys spendiert hat.
Aus jenem Holz, das Vater brach, schnitzt sie sich einen Bogen,
Die Sehne aus Verzweiflung fest und kerzengerade gezogen.

Nun haust sie bei der Großmama, der alten Margot Berwick,
Die hält von Enkeln gar nicht viel, ist geizig und hysterisch.
Als Gratis-Magd poliert sie Glas, schrubbt Böden voller Groll,
Und schlägt sich mit dem Garten-Käfer mal den Magen voll.
„Iss, Moira, iss!“, die Oma lacht, „Du bist so dünn wie Zwirn!“,
Und spuckt ihr metaphorisch noch ein bisschen ins Gehirn.

Doch Hoffnung keimte, kurz und hell, durch Toby Morleys Blick,
Er lud sie zum Hexenhut – o weh, was für ein Missgeschick!
Denn Toby war kein Kavalier, er war ein dummes Schwein,
Stellte sie bloß vor aller Welt, beim fahlen Mondenschein.
Das Lachen der Mitschüler hallte wie Spott durch die Bucht,
Da hat Moira leise den Tag ihrer Geburt verflucht.

Die Rache kam an Halloween, die Schule war geschmückt,
Moira schlich als Werratte hinein, den Bogen fest beglückt.
Dort tanzte Toby, siegessicher, unter dem Kronleuchter-Licht,
Ein schweres Ding aus Eisen und Glas, das bald auf ihn niederbricht.
Sie legte an, den Pfeil im Visier, die Finger zitterten sacht,
Es wäre das schönste Begräbnis, das Witchfield je mitgemacht.

Doch das Holz der Eiche, verflucht und schwer, begann sich zu bewegen,
Es wollte nicht nur Pfeile mehr auf Tobys Schädel legen.
Der Bogen bog sich rückwärts um, wie Sehnen, die man bricht,
Und suchte sich ein anderes, viel dürreres Gesicht.
Die Äste schossen aus dem Knauf, sie krallten sich in Moira fest,
Ein Baum braucht schließlich Dünger für den ganzen kläglichen Rest.

Statt Tobys Tod gab’s nur ein Krachen, ein Knacken von Bein und Holz,
Inmitten der Feier erstarb plötzlich Moiras grimmiger Stolz.
Sie wurzelte im Parkettboden ein, ein Baum aus Fleisch und Rinde,
Während Toby laut lachend verschwand im nächtlichen Winde.
Jetzt steht sie dort als Mahnmal, im Festsaal, stumm und allein,
Und Margot spart die Haushaltshilfe – so muss es wohl sein.


(Mir kam die Idee als ich mal wieder einen alten Tim Burton Film schaute.)

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