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geschrieben von Dirk Hoffmann.
Veröffentlicht: 15.05.2026. Rubrik: Satirisches


Die internationale Sofaritzen-Verschwörung

Berni fläzte auf seinem Sofa und schaute wie jeden Abend die Nachrichten. Schlimm, dachte er, wirklich schlimm, was gerade alles so auf der Welt passierte. Mit einem frustrierten Seufzer rutschte er näher an den Rand und langte nach dem vollen Glas auf dem Couchtisch. Das Glas war heute schon durchaus des Öfteren gut befüllt worden und daher hätte er fast die Vase mit den Blumen gepackt. Obwohl, Blumen… naja, wohl eher deren sterbliche Überreste, halt was Zeit und Vernachlässigung so in dem halben Jahr, vor dem seine Gattin verschieden war, so davon übrig gelassen hatten. Sie fehlte ihm und ganz eventuell neigte er seit ihrem Tod ein kleines Bisschen zur persönlichen Verwahrlosung. Anfangs hatte er es einfach nicht über sich gebracht den Korb mit ihren Handarbeitssachen wegzuräumen und mittlerweile fiel er Berni kaum noch auf. Das Ding war ein fester Bestandteil seines geliebten Wohnzimmers geworden, fast wie sein eigener Hintern bald fester Bestandteil des Sofas werden würde. Er müsste sich wirklich wieder mehr bewegen, dachte er, aber wozu? Was da gerade wieder über seinen Fernseher flimmerte, diente nun wirklich nicht der Motivation, es war geradewegs zum verrückt werden und zum ins Kissen weinen. Berni nahm noch einen beherzten Schluck von seinem Weinbrand und war dabei besonders vorsichtig, denn so wie seine Verunsicherung immer weiter stieg, so stieg auch die Anzahl der braunen Flecken auf dem von ihm hochgeschätztem Sofa. Berni hatte in seinem Witwerdasein viel Zeit seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und Alkohol und Langeweile hatten bereits so manch kognitives Schlagloch auf deren ausgetretenen Wegen hinterlassen. Die Realität zu verstehen, schien ihm kaum noch möglich und er versuchte verzweifelt sich auf die Dinge, die da abseits seines geliebten Wohnzimmers passierten, einen Reim zu machen.

SatirepatzerSatirepatzerVon der eigenen Ratlosigkeit frustriert, nahm er die Fernbedienung und schaltete die Glotze aus. All diese schrecklichen Dinge mussten doch irgendwie zusammenhängen, ein Ziel verfolgen und sich so erklären lassen, denn sonst wäre man ja völlig überfordert von allem. Berni erhob sich stöhnend vom Sofa, geriet dabei aber etwas ins Wanken und stieß an das nahe Bücherregal. Er selbst hätte ja auf die vielen Bücher verzichten können, aber seine Frau hatte furchtbar gern gelesen. Sie war, wenn auch zu früh, doch ziemlich belesen verstorben, immerhin. Sein kleiner Ausfallschritt brachte etwas Bewegung in die Reihen der Bücher und einen Stapel Zeitschriften. Die begehrte Sonderausgabe „Feinste Häkeldeckchen selbst gemacht“ fiel zu Boden und der zeitlose Klassiker „Fensterdeko im Laufe der Geschichte" folgte ihr promt. Aus einem der beiden literarischen Gassenhauer löste sich ein Lesezeichen und verschwand unter dem Sofa. Berni ging in die Knie, aber der Spalt war zu eng, er kam einfach nicht heran. Gerade überlegte er, das Lesezeichen einfach zu vergessen, hatte dann aber ein posthum schlechtes Gewissen seiner geliebten Frau gegenüber.
Berni war stets ein eher praktisch orientiertes Kerlchen gewesen und fackelte nicht lang. Er schnappte sich den Wagenheber, den seine Frau als dekorativen Türstopper missbraucht hatte. Er nahm eine Schere, entfernte entschlossen diverse Papierblumen und den schreiend hässlichen Stricküberzug. Nur Sekunden später wurde das Sofa unter rhythmischen Quietschtgeräuschen aufgebockt. Noch ein letztes Mal pumpte Berni und...

„Hey, was soll der Scheiß, lassen sie ihr Sitzmöbel gefälligst in seiner gewohnten Position und behindern sie nicht unsere Arbeit!“ Kam die befehlsgewohnte Stimme etwa aus dem Sofa? Berni lehnte sich zur Sitzfläche und hauchte:
„Hallo?“
„Ja, auch hallo. Haben sie mich verstanden?“
„Was machen sie denn in meinem Sofa?“
„Natürlich bin ich nicht in ihrem Sofa, wie sollte das denn funktionieren, bitteschön?. Ich organisiere lediglich gerade ihren monatlichen Münztransfer.“
„Meinen was?“ Er griff erneut zum Glas und begradigte eine weitere Gehirnwindung.
„Ich erkläre es ihnen. Sie schauen doch sicherlich regelmäßig die Nachrichten, oder? Glauben sie wirklich, dass passiert alles einfach so? Natürlich nicht, wir stecken dahinter und steuern alles, was da gerade so schön schief läuft“, schnarrte die Stimme überlegen.
„Und wer sind sie?“
„Na, die schwedische Möbelindustrie, natürlich. Wir sind überall, bei jedem und zu jeder Zeit. Wir kennen die privatesten Winkel eurer Leben und eure größten Geheimnisse. Wir sind die, die alles lenken, wir sind die Macht im Hintergrund. Wir sind die Internationale Kleingeld Einzugs Armee!“
„Das erklärt so einiges. Aber wie finanzieren sie das denn?“
„Natürlich durch das Kleingeld aus Millionen von Sofaritzen, da kommt ganz schön was zusammen, genial was?“, die Stimme lachte.
„Und jetzt sammeln sie gerade das Kleingeld aus meiner Ritze?“
„So sieht`s aus“, bestätigte die Stimme.
„Aber wie funktioniert das denn, wenn sie gar nicht hier sind?“, wollte Berni nun schon gerne wissen.
„Wie gesagt, wir sind wirklich verflucht mächtig und haben unsere Möglichkeiten. Dürfte ich sie nochmals bitten das Sofa wieder abzusenken?“
„Ja, klar...“ Berni brachte das Sofa wieder in die Waagerechte.
„Danke für ihre Kooperation, wir werden uns nicht wieder hören.“ Die Stimme verstummte und Berni zog sein Handy aus der Tasche.
"Hallo Polizei?"
"Vergessen sie es, wir sind überall", meldete sich die vertraute Stimme vom anderen Ende der Leitung und legte auf.

Berni stand nach zwei erstarrten Minuten vom Boden auf und ging ein wenig im Wohnzimmer auf und ab. Schließlich, ein Glas später und deutlich wankend, tat er das, was die meisten Menschen halt so taten. Er schrieb seine neu gewonnenen Erkenntnisse ins Internet und lernte viele neue Leute kennen, darunter auch eine äußerst charmante Flacherdlerin, die er ein Jahr später heiratete. Ihr erstes gemeinsames Sofa kauften sie bei Roller.

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