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geschrieben 2019 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 08.09.2019. Rubrik: Menschliches


Das geträumte Todesdatum

In der Nacht vom 26. auf den 27. August 2019 träumte Marlies, dass sie am Sonntag, dem 1. September 2019, sterben würde.

Sie wagte nicht, jemandem davon zu erzählen, aus Angst, für verrückt gehalten zu werden. Sowieso hatte sie seit ihrer Pensionierung vor vier Jahren nicht mehr viele Kontakte. Alleinstehend und kinderlos, lebte sie in ihrer Eigentumswohnung und fühlte sich als Single recht wohl. Jetzt allerdings hätte sie gern einen Menschen gehabt, dem sie sich hätte anvertrauen können. Kurz dachte sie daran, die Telefonseelsorge anzurufen, ließ es dann aber bleiben.

Stattdessen versuchte sie, mit Vernunftargumenten ihre Angst zu bekämpfen. Doch immer wieder meldete sich der Zweifel: „Und wenn der Traum doch die Wahrheit sagte?“

Schließlich fragte sie sich: „Wäre es nicht möglich, den 1. September zu umgehen? Wie war das noch mal mit der Datumsgrenze?“

Bei ihrer Recherche im Internet fand sie zu ihrer Enttäuschung heraus, dass die Datumsgrenze irgendwo im Pazifik verlief und für sie, die nie aus Europa herausgekommen war, unerreichbar war. Zumal inzwischen schon der 29. August auf dem Kalender stand.

Dennoch vertiefte Marlies sich in das Thema. Sie fand im Internet heraus, dass die US-amerikanischen Midwayinseln in der westlichsten Zeitzone um 13 Stunden hinter der Mitteleuropäischen Sommerzeit liegen, die zu Kiribati gehörenden Linieninseln in der östlichsten Zeitzone dagegen 12 Stunden vor ihr.

„Wenn bei uns der 1. September anbricht, also um 0.00 Uhr MESZ“, rechnete sie, „ist es auf den Midwayinseln also erst 11 Uhr am 31. August, auf den Linieninseln dagegen schon 12 Uhr am 1. September.“

Marlies dachte scharf nach, und ihre Angst vor dem geträumten Todesdatum führte schließlich zu einer bizarren Idee.

„Da ich nicht zum Pazifik reisen kann, ernenne ich meine Eigentumswohnung in der fraglichen Zeit zu einer Exklave – zuerst der Midway-, danach der Linieninseln. Es ist sehr gut, dass der Zeitunterschied zwischen den beiden sogar 25 Stunden beträgt. Das gibt einen Zeitpuffer, sodass ich keine Sekunde lang dem 1. September ausgesetzt bin. Um 23 Uhr am 31. August werde ich meine Wohnung zur Exklave der Midwayinseln erklären und die Uhr auf 10 Uhr zurückstellen. Um 23:30 Uhr Midwayinseln-Zeit, wenn es hier (außerhalb meiner Wohnung!) 12:30 Uhr am 1. September ist, wird die Wohnung von einer Midway- zu einer Linieninseln-Exklave umbenannt – um 0:30 Linieninseln-Zeit am 2. September. Erst wenn auch nach der Mitteleuropäischen Sommerzeit der 2. September angebrochen ist, endet die Exklaven-Zeit meiner Wohnung.“

Es kam Marlies‘ Plan entgegen, dass der 1. September 2019 auf einen Sonntag fiel. Ihre wenigen Verwandten und Bekannten wussten, dass sie an Sonn- und Feiertagen oft im Bett blieb und nicht auf Anrufe oder Nachrichten reagierte. Somit würde sich niemand Sorgen machen, wenn sie nicht erreichbar war.

Nach sorgfältigsten Vorbereitungen war es am 31. August um 23 Uhr MESZ soweit. Feierlich befestigte Marlies eine aus dem Internet ausgedruckte US-Flagge sowie ein ebenfalls ausgedrucktes Foto der Midwayinseln an der Wand über der Uhr auf ihrem Sideboard und stellte diese auf 10 Uhr zurück. Dann erklärte sie die Wohnung zur Exklave der Midwayinseln. Eigentlich hatte sie noch The Star-Spangled Banner singen wollen, unterließ es aber. Dann hätte sie bei der späteren Umwidmung der Wohnung in eine Exklave der Linieninseln nämlich auch die Nationalhymne von Kiribati singen müssen, und sie wusste nicht, wie Teirake kaini Kiribati ausgesprochen wurde.

Jetzt hatte sie im Grunde über einen halben Tag lang Ruhe. Sie ging zu Bett, machte aber kaum ein Auge zu, aus Angst, zu verschlafen. Um nicht von der tatsächlichen Zeit vor ihren Fenstern irritiert zu werden, hatte sie vorab geplant, bis zum Abschluss der Aktion sämtliche Rollos fest geschlossen zu lassen.

Um 23:30 (31.08.) Midwayinseln-Zeit = 12:30 (01.09.) MESZ = 0:30 (02.09.) Linieninseln-Zeit tauschte Marlies die US-Flagge und das Midwayinseln-Foto gegen die Flagge Kiribatis und ein Foto der Linieninseln aus, stellte die Uhr vor, vollzog mit feierlicher Stimme die Exklaven-Umwidmung und sank erschöpft in einen Sessel. Sie hatte das geträumte Todesdatum übersprungen! Allerdings nur, solange sie in ihrer Wohnung blieb. Erst in knapp elfeinhalb Stunden würde die Gefahr auch außerhalb der Wohnung gebannt sein.

Da es nach Linieninseln-Zeit noch mitten in der Nacht war, ging Marlies wieder zu Bett. Jetzt brauchte sie zumindest keine Angst mehr zu haben, zu spät aufzuwachen. Sie schlief auch sofort ein, aber von erholsamem Schlaf konnte keine Rede sein. Vielmehr durchlebte sie einen fürchterlichen Alptraum. Im Internet hatte sie erfahren, dass der Inselstaat Kiribati, zu dem ihre Wohnung ja jetzt gehörte, aufgrund des Klimawandels vom steigenden Meeresspiegel tödlich bedroht war. Jetzt träumte sie, ihr Schlafzimmer würde überflutet, das Wasser reiche schon bis an ihr Bett, und sie sei gelähmt und könne nicht fliehen…

In letzter Minute vor dem Ertrinken wachte sie auf. Mit unendlicher Erleichterung erkannte sie, dass alles nur ein Traum gewesen war. Und ihr wurde klar, dass Träume nicht der Wirklichkeit entsprechen und dass dies auch für das geträumte Todesdatum galt.

„Wie dumm ich war!“, sagte sie sich. Sie stand auf, stellte die Uhr auf MESZ und öffnete die Rollos. Es war 14 Uhr am 1. September, und die goldene Spätsommersonne durchflutete die Wohnung.

Marlies lebt noch immer, allerdings hatte sie etwa bis zum 4. September einen Mega-Jetlag, was ja auch nicht verwunderlich ist, wenn man unvernünftigerweise zwischen drei weit voneinander entfernten Zeitzonen hin- und herspringt.

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Weißehex am 09.09.2019:
Wow, tolle Geschichte, spannend und lehrreich! Als ich noch ziemlich jung und ziemlich versponnen war, wäre ich womöglich selbst mal auf so eine Idee gekommen, nur hätte ich nicht gewusst, welche Zeitzonen ich hätte nehmen müssen :) am besten gefallen hat mir in der Geschichte, dass Marlies die jeweilige Nationalhymne singen wollte, es aber dann unterlassen hat. Toll geschrieben!

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