Veröffentlicht: 29.05.2026. Rubrik: Unsortiert
Am Horizont geht's weiter
Am Horizont geht’s weiter …
Wie fast jedes Jahr verbrachten meine Eltern mit mir den Urlaub an der Ostsee und es war wie beim ersten Mal, dass ich vom Anblick des endlosen Meeres überwältigt wurde. Die Hitze machte uns allen zu schaffen. Dennoch ging es ohne wenn und aber täglich an den Strand. Dort wurde die Strandburg aus Sand mit phantasiereicher Verzierung aus Steinen und Muscheln zum privaten Rückzug, den es täglich neu zu erobern und zu verteidigen galt. Wichtig an der Verzierung waren die landsmännische Herkunft, meist das Wappen und der Name der Heimatstadt, nebst Seepferdchen und nackten Nixen. Nahe am Wasser bauten dann vornehmlich die Väter mit ihren Kindern eine Kleckerburg. Bei all dem Treiben legten die Erwachsenen erstaunlich schnell ihre gewohnten Verhaltensweisen ab. Hier zählte nicht Lebensleistung, Titel und Einkommensverhältnisse…nein hier zählte die Größe der Strandburg und das Können beim Strandvolleyball. Und da war noch etwas Ungewohntes. An jenem Abschnitt des Strandes der direkt hinter unserem Zeltplatz lag, waren alle nackt oder fast nackt. Das war der sogenannt FKK –Strand und die Urlauber die es vorzogen mit Badesachen rumzulaufen waren am Textilstrand. Die Personen die man sonst nur vom Gesicht her kannte, hatten nun auf einmal einen ganzen Leib, der sie zu dem machte, was sie wirklich waren. Auch wenn man als Kind schnell verstand, dass es sich nicht gehörte einen Nackten zu mustern, so konnte ich es nicht lassen die erheblichen Unterschiede in Form, Größe und Beschaffenheit auszumachen. Es war somit am Strand nie langweilig. Die Erwachsenen hatten rund um die Uhr gute Laune und nahmen es mit der Erziehung nicht so genau, wie zu Hause. Ihre Gespräche, die ich hier besonders am Abend belauschen konnte, weil Zelte ja keine Wände hatten, waren interessant und oft auch seltsam und mir unverständlich. Besonders wenn sie leise sprachen, ging es um Dinge, die ich nicht verpassen wollte. Oft sprach man über nicht anwesende Kollegen, denen man lieber aus dem Wege gehen sollte oder von Urlaubsreisen, die man gerne machen würde aber nicht machen konnte. Ein Thema wurde aber immer wieder besonders leise besprochen. Es gab offensichtlich Gefahren die eine Überquerung des Meeres aus irgendwelchen Gründen nicht ermöglichten. Das war spannend, denn ich konnte einfach nicht herausfinden warum man nicht auf die andere Seite, in die fernen Länder durfte. So starrte ich immer öfter auf die See und suchte den Horizont nach dem unbekannten Ufer ab, konnte aber nur bei bester Sicht erahnen, dass da etwas war. Manchmal sah ich in der Ferne ein Schiff seinen Weg ziehen bis es am Horizont verschwand. Dieses konnte offensichtlich das andere Ufer erreichen. Dann standen die Erwachsenen mit einem verklärten Gesichtsausdruck und sagten kaum ein Wort.
Ein Tag verging wie der andere und das Ende des Urlaubs nahte. Wenige Tage vor der Abreise war noch einmal ein schöner Strandtag und ich hatte keine Lust bei der heißen Sonne mit meinen Geschwistern zu spielen, ich wollte alleine sein. Abseits der vielen Leute legte ich mich in eine kleine Kuhle oberhalb der Strandburg, direkt an die Stranddüne. Von dort aus hatte ich alles im Blick und konnte vor mich hin träumen. Eine leichte Briese die eine angenehme Abkühlung brachte und das gleichmäßige Rauschen der brandenden Wellen machten mich schläfrig. Ich beobachtete noch einige Möwen die hoch am Himmel kreischend ihre Kreise zogen, bevor ich einschlief.
Ein gleichmäßiges Geräusch erweckte meine Aufmerksamkeit. Es schwoll langsam an und entfernte sich auch wieder um sich erneut aus einer anderen Richtung anzunähern. Ich konnte die Quelle des flatternden und ratternden Etwas weder zuordnen noch ausfindig machen. Mir wurde langsam klar, dass ich die Augen noch zu hatte und dieses möglicherweise nur ein Traum war, der gleich mit einer bizarren Geschichte seinen Lauf nehmen würde. Diese Annahme erfüllte sich jedoch nicht, nein, da stimmte etwas nicht. Ich wollte die Augen öffnen und sehen was sich da um mich herum bewegte.
Beim nächsten Anflug musste es sein. Ich öffnete die Augen und wurde von der Sonne, die mittlerweile ihren Höchststand erreicht hatte geblendet. Plötzlich wurde das helle Licht durch etwas unterbrochen und warf einen Schatten auf mich. Ich meinte nun hellwach zu sein, denn all meine Sinne konzentrierten sich auf dieses Objekt. Noch war der radikale Übergang zwischen der dunklen Traumwelt und der hellen Realität zu krass und es brauchte noch einige Sekunden bis ich wieder meine volle Sehfähigkeit erlangt hatte.
Da war es wieder das Geräusch, von hinten aus der Düne kam es direkt auf mich zu und schwebte eine Armlänge über meinem Kopf.
Mein Vater ließ schon frühzeitig keine Gelegenheit aus, uns bei Wanderungen und Spaziergängen die Pflanzen und Tierwelt näherzubringen. Das war auch nicht verwunderlich, denn er war Biologielehrer und passionierter Botaniker.
So waren mir die meisten Tiere des Luftraumes, die in unseren Breiten herumflogen und sich auch beobachten ließen, halbwegs bekannt. Was ich da aber sah erstaunte mich, kam wenn überhaupt einer Libelle sehr nahe. Dieser Eindruck wurde durch ein rasselndes Geräusch bestärkt. Nach einer weiteren Flugrunde kam „es“ nun direkt von vorne auf mich zu und schwebte auf der Stelle, sodass ich es jetzt genauer betrachten konnte.
Diese „Libelle“ war tief-schwarz und groß. Sie hatte die Ausmaße eines größeren Vogels. Das Geräusch ihrer Flügel erinnerte mich an einen Hubschrauber, den ich schon auf Bildern gesehen hatte. Zwei riesengroße glänzende Augen vollendeten den schlanken Körper und nahmen mich ins Visier.
Dieses Ding schwebte jetzt langsam tiefer und verharrte unmittelbar vor mir. Ich empfand keine Angst und fühlte mich auch nicht bedroht. Im Gegenteil, ich war wie hypnotisiert, konnte mich nicht bewegen und wollte diese Begegnung nicht stören oder sie durch eine unachtsame Bewegung beenden. Mich beschlich der Gedanke, dass dieses „Ding“ kein Tier war. Es hatte gar keine richtigen Flügel und wirkte enorm künstlich. Die Hartnäckigkeit mit der „es“ mich in seinen Bann zog und dabei bis auf wenige Zentimeter an mich heran kam war ausgesprochen sonderbar.
Im Banne dieser Begegnung wurde es um mich herum immer heller, bis ich nur noch ein gleißendes Licht war nahm und die Augen schützend schloss. Dieses geschah völlig gegen meinen Willen denn gleichermaßen übermannte mich ein leichtes, schwereloses Gefühl, dass mich weit weg von diesem Ort trug. Ich entwickelte keinen Wiederstand und ließ mich auf diese Reise ein. Nun glaubte ich über dem Meer zu schweben und stieg dabei immer höher auf, bis man das andere Ufer erkennen konnte. Obwohl mir diese Situation unwirklich und fremd erschien, beängstigte sie mich in keiner Weise. Dennoch meldete sich nun mein fast schon verloren gegangener Realitätssinn und forderte Antworten auf viele Fragen. Ich mobilisierte meine gesamte Willensstärke, öffnete abrupt die Augen und stand mit einem Ruck auf.
Was nun passierte, ist sicher so unvorstellbar, dass ich es bis heute nicht wagte, es jemanden zu erzählen. Zeitweise habe ich diese Erinnerungen auch völlig ausgeblendet, weil ich als rational denkender Mensch mich damit selbst in Frage gestellt hätte.
Mir war kalt und das Meeresrauschen hatte sich zu einem stürmischen Windgeräusch gewandelt. Mein Blick richtete sich nach unten und ich blickte auf eine riesige Eisfläche. Durch einen Schwenk nach rechts und links stellte ich fest, dass ich mich in einer Felsennische auf einem Berg befand.
Sicher durch das zu schnelle aufstehen war eine Blutleere im Kopf entstanden, die jeglichen klaren Gedanken verhinderte. Ich konnte mich nur schemenhaft an die letzten Ereignisse erinnern. Plötzlich stand ein Mann vor mir und sprach mich in einer anderen, mir dennoch vertrauten Sprache an. Er war mit einem dicken roten Anorak, einer schwarzen Pudelmütze und einer verspiegelten Sonnenbrille bekleidet. Das fast vermummte Gesicht war tiefbraun und leicht vernarbt.
Hallo Mister, sorry it´s time to go! You remember, in one hour we have sunrise!
Was ich sah, kam mir bekannt vor, nur irgendwie aus einem anderen Blickwinkel und einem anderen Körpergefühl. Mein Puls raste und ich musste tief durchatmen um einen klaren Gedanken zu fassen. Ich schaute an mir herab und stellte fest, dass ich offensichtlich ein erwachsener Mann war.
Nur langsam und aus weiter Ferne kamen nun Erinnerungen in mir noch, deren Ursprung mir noch nicht ganz klar war. Ja, ich hatte mich in diese windgeschützte Felsennische gekauert, so dämmerte es mir, um die Zeit bis zum Sonnenaufgang nicht auf dem eigentlichen Gipfel des Kilimanjaro, dem Uhuru Peak, wartend verbringen zu müssen. Dort bin ich vermutlich eingeschlafen, obwohl es höllisch kalt war. Bis zum Gipfel mussten wir nur noch eine kurze unspektakuläre Strecke entlang des Kraterrandes zurücklegen, bei der wir uns schweigend auf den Weg konzentrierten. In der Morgendämmerung konnte man bereits das Innere des erloschenen Vulkantrichters erkennen. Noch wenige Meter und wir erreichten den höchsten Punkt des Berges. Bis dahin hatte ich genug Zeit ein wenig Ordnung in die Ereignisse zu bringen, auch wenn dieses Echo aus einer anderen Zeit nicht so schnell aus meinem Kopf weichen wollte. Mir war schon klar, dass bei der Höhe von fast sechstausend Meter Bergsteiger zu Wahnvorstellungen, oder Halluzinationen neigen. Ich konnte mich aber nicht daran erinnern, bisher etwas Außergewöhnliches beobachtet oder verspürt zu haben, wenn auch das ganze Unternehmen einen eigenartigen Verlauf von Anfang an hatte.
Bis zur deutschen Wiedervereinigung waren die Gipfel der Hohen Tatra die Höhepunkte meiner Bergtouren. Dort war bei 2655 m Meter Schluss mit dem Aufstieg. Eine Bergwanderung mit finaler Bergbesteigung der Lomnitzspitze konnte durchaus fordernd sein, war aber eben nicht spektakulär. Nun standen mir auf einmal alle Wege offen, mich einer echten Herausforderung zu stellen. Als ich den Gedanken einer Besteigung des Kilimanjaro erstmalig von mir gab, erntete ich nur spöttisches Lächeln. Das überstieg das Vorstellungsvermögen meiner Freunde und Verwanden. Der spinnt, war das Geringste, was ich mir da so anhören musste. Aber wie immer in meinem Leben spornten diese Zweifler mich zu einem „ nun gerade“ an.
Die Möglichkeiten der westlichen Freizeitindustrie machten ein solches Vorhaben zu einer einfachen Buchung bei einem bekannten Münchener Adventurunternehmen. Ich ging dieses Vorhaben ohne wenn und aber an und buchte diese Tour. Bis zum Start in dieses Abenteuer hatte ich nun ein Jahr lang Zeit, um mich rundherum fit zu machen. Neben meiner bereits vorhandenen guten Grundkondition, die aus dem regelmäßigen Joggen herrührte, wollte und musste ich Reserven aufbauen um nicht am Berg meine Grenzen zu finden. Aus der Literatur großer Bergsteiger wusste ich, dass Treppen ein besonders geeignetes Mittel für ein erfolgreiches Training der Oberschenkelmuskulatur sind, die bei längeren Aufstiegen besonders gefordert wird. In meiner neuen Heimat Kassel boten sich die Treppen an den Kaskaden der Wasserspiele im Bergpark Willhelmshöhe besonders gut dazu an. Am Wochenende ging es mit kurzen Pausen im Sprint hinauf und herab. Im Winter nutzte ich zusätzlich die Nottreppen eines Hochhauses. Weiterhin täglich 10 km joggen.
Mit einem guten Gefühl und einer hohen Erwartungshaltung ging es endlich im Herbst des Jahres 1993 via Mombasa mit einer kleinen klapprigen Maschine nach Tansania zum Kilimanjaro Airport und dann per Jeep zum Ausgangslager, des Marangu Gate am Fuße des Nationalparks. Ich sollte hier zu einer Reisegruppe die aus weiteren 3 Paaren bestand stoßen. Davon war aber nur ein Paar angereist. Für unsere Führung und Betreuung standen 2 Guides, 6 Träger und ein Koch bereit. Die Tatsache, dass die Gruppe jetzt nur noch aus 3 Personen bestand spielte keine Rolle. Bestellt war bestellt und so zogen wir in voller Besetzung los. Bereits am 2. Tag war klar, dass die Ehefrau des älteren Paares den Aufstieg nicht fortsetzen konnte. Sie war deutlich übergewichtig und hatte völlig falsche Vorstellungen von diesem Unternehmen.
Ihre Kondition reichte für eine nette Schwarzwaldtour mit Kaffee und Kuchen, aber nicht hierfür. Ein Träger führte sie zurück und blieb bei ihr im Hotel. Ihr Mann, nennen wir Ihn einmal Willi, hatte trotz seiner Zuckerkrankheit, von der er mir im Verlauf der Tour aus Sicherheitsgründen berichtete, die bessere Kondition. Die Tagestouren zu den Hütten waren für geübte Sportler zu kurz, wir kamen immer viel zu früh am Ziel an. Am dritten Tag trennten wir uns erneut, weil Willi einfach mehr Pausen brauchte und erst Stunden später das Camp erreichte. Ich hatte jetzt meinen Privatguide. Es war der Sohn des Chefguids. Sein Vater ließ sich mit Willi von nun an viel Zeit und beeindruckte uns mit seiner afrikanischen Ruhe. Mein junger Begleiter, ein fitter, immer freundlicher und intelligenter Bursche war leider meist unpünktlich. Bis zur Horombo Hütte, die letzte Hütte vor dem Aufstieg, gesellte ich mich daher morgens zu den Trägern, die mit Flip- Flops an den Füßen und einem Lied auf den Lippen pünktlich mit 2 x 20 Kg Gepäck bei gutem Tempo die Tagesstrecke bewältigten. Auf halben Weg holte mich dann mein Guide ein, der sich nun mit vielen Worten entschuldigte, weil er Angst um seinen Lohn hatte.
Die Träger lachten sich dabei halb tot. Willi war mir sehr dankbar, da bei seiner Ankunft in den Hütten sein Bett gesichert war und ich ihn in das Lager einwies. Die Zweimannhütten in denen wir übernachteten, wurden nach der Methode „ wer zuerst kommt hat die Wahl „ vergeben. Lage und Zustand bestimmten erheblich die Schlafqualität und somit den Erholungsfaktor. Der eigentliche Aufstieg begann in der Nacht um 01:00 Uhr. Alle Bergsteiger schliefen in der letzten Nacht so gut wie nicht. Viele unterhielten sich in Ihren Doppelstockbetten bis Mitternacht und erzählten von ihren erfolgreichen Bergtouren und gaben sich Ratschläge für den bevorstehenden Aufstieg. Die eingeschränkten Möglichkeiten der täglichen Hygiene führten zwangsläufig zu verstärktem Körpergeruch. Wenn 20 Männer in einem kleinen Raum mit geschlossenen Fenstern um jedes Grad Wärme zu erhalten schlafen, kann man ahnen, wie robust man sich auch mental auf eine solche Herausforderung einstellen sollte. Es stank einfach fürchterlich nach Achselschweiß und Käsefüßen!
Wie sich herausstellte, war auch unser Start in dieser Nacht viel zu früh. Unsere Stirnlampen beleuchteten die Serpentinen einer gewaltigen Geröllhalde, so will ich den Vulkankegel einmal bezeichnen auf unserem Weg hinauf.
Kurz vor dem Gilmans Point kommen noch einige Felsen, die man aber leicht bezwingt und schon ist man am Ziel, falls man nicht den Ehrgeiz hat, wirklich auf dem höchsten Punkt des Berges zu stehen. Willi hatte es bis hierher mit vielen Pausen geschafft und war mächtig stolz auf sich, wozu er auch allen Grund hatte. Für ihn war das mehr als ein Erfolg. Er hatte sich und seine Krankheit besiegt.
Den Uhuru Peak der nur 200 m höher ist, musste ich mir mit einer weiteren Stunde Gehzeit erlaufen. Das hatte ich mir fest vorgenommen, denn ich wollte es wissen und ganz oben stehen. Deutlich vor Sonnenaufgang erreichten wir den Kraterrand und überlegten nun, ob wir auf dem Gipfel oder in einer windgeschützten Felsenspalte die Zeit überbrücken sollten. Auch wenn es mit jedem Meter Höhe deutlich kühler wurde, hatten wir dieses beim Aufstieg kaum bemerkt. Jetzt aber, als wir uns kaum noch bewegten, biss die eisige Kälte erbarmungslos zu. Bei minus 24 Grad Celsius und einem böigen Wind verhinderte nur mein guter Daunenanorak, dass die Körpertemperatur zu schnell absinken konnte. In windgeschützter Lage, den Kopf auf den Knien dämmerte ich vor mich hin, bis ich einschlief. Dieser Schlaf dauerte sicher nur eine halbe Stunde, war aber tief und außergewöhnlich. Wer kennt das nicht, unmittelbar nach dem Erwachen einen Traum noch so deutlich in Erinnerung zu haben, als wenn es sich um ein real erlebtes Ereignis in seinem Leben gehandelt hätte. Doch wenige Minuten später verblasst diese Geschichte so schnell, dass nur noch ein Echo davon übrig bleibt.
So war es auch dieses Mal, als mich mein junger Guide aufweckte und mich aus einer anderen Zeit riss, um die letzten Meter unserer Bergtour zu absolvieren.
Der Sonnenaufgang ist ein einmaliges Schauspiel bei guter Sicht. Der Kegelberg des Kilimanjaro wirft in der Savanne zuerst einen langen Schatten, der dann aber recht schnell und gut zu beobachten immer kürzer wird. Zwei Worte beschreiben die Faszination dieses Schauspiels: Afrika erwacht!
Beim Abstieg zeigte mir mein Guide wie man am schnellsten wieder den Berg runterkommt. Jetzt wurde mir auch klar warum diese Geröllhalde so schlimm aussah. Er nahm Anlauf und surfte mit den Schuhen auf dem feinen Geröll abwärts. ….ich tat es auch ….
Willi war Inhaber einer gut laufendenden Baufirma und hatte mir von Anfang an versprochen, die finanziellen Folgen der fehlenden Teilnehmer zu übernehmen. Die Guides, Träger und Köche hatten eine hohe Erwartung am Ende auch gut entlohnt zu werden. Es sprach sich schnell herum, dass nur ein geringer Teil des Geldes, welches dem Adventurunternehmen von uns gezahlt wurde, bei ihnen landete. Viele Bergsteiger trennten sich daher am Ende von Teilen ihrer Ausrüstung und Kleidung. Kleinere Gastgeschenke hatte ich vorsorglich auch dabei. Diese Art der Entlohnung führte dazu, dass der erste Eindruck der Begleitmannschaft völlig falsche Eindrücke hinterließ. Die Jungs standen nicht selten im Jack Wolfskin oder Northface Anorak und Meindl Bergstiefeln vor ihren Kunden. Beim zweiten Blick bemerkte man dann allerdings das Alter und den Zustand der Ausrüstungsteile. Wer hier einen Job bekommen hatte, war mit allem zufrieden was er bekommen konnte. Der Bergtourismus hatte 1993 in Tansania noch nicht seinen Zenit erreicht. Das spürte man auch an der noch sehr naiven Herzlichkeit und Bescheidenheit der einheimischen Menschen. Berichte aus späteren Zeiten lassen Wissen, dass die westliche Lebensart nun auch besonders die jungen Menschen erreicht und für sie erstrebenswert gemacht hatte.
Das Ende der Bergtour wurde durch ein würdevolles Abschlusstreffen gekrönt. Wir trafen uns alle in einem schicken großen Besprechungsraum. Die ganze Truppe saß mit großen Augen und voller Erwartung wie im Kino vor uns, die Guides, Willi und ich in erhöhter Position auf einer Tribüne. Nun lag es an mir, möglichst in einfachen Worten die alle auch verstanden, Dank zu sagen. Willi hatte zu seinem gleichaltrigen Guide eine sehr freundschaftliche Beziehung geknüpft, zeigte sein Gefühle ganz offen und vergoss hemmungslos einige Tränen. Dann machte Willi sein Portemonnaies auf und zeigte sich von seiner besten Seite. Er war wirklich nicht kleinlich!
Zurück im Hotel bemerkte ich bei einem Blick in den Spiegel, dass ich mir bei der eisigen Kälte die Nase erfroren hatte. Das war offensichtlich in der Zeit geschehen, als ich in der Felsennische eingeschlafen war.
Der Schaden war recht ordentlich. Die Haut war bis in die Epidermis geschädigt, denn es war das rohe Fleisch zu sehen. Je länger ich mich da im Spiegel betrachtete, umso mehr sah ich da noch etwas in meinen Augen. Da war wieder dieses leise Echo aus einer früheren Zeit, dass mich irgendwie daran erinnerte, noch eine Lücke in meinem Leben zu schließen zu müssen.
Am nächsten Morgen ging mein Flug nach Mombasa um mich dort mit meiner Frau und meinem Sohn zu treffen, die sich in der gleichen Zeit bei einer Safari vergnügt hatten. Die letzte Nacht vor dem Rückflug hatte ich schlecht geschlafen und mich höllisch darüber geärgert, dass die Masse meiner Videoaufzeichnungen vom Aufstieg nichts geworden waren. Meinen Gipfelerfolg konnte ich nur noch mit einem Gipfelfoto per Selbstauslöser und einer Urkunde, die obligatorisch von der Parkverwaltung ausgestellt und vom „Direktor“ unterschrieben war, beweisen. Als wir auf dem Rückflug noch einmal den Gipfel des Kilimajaros tangierten und jeder sich seinen Erinnerungen hingab, überfiel mich eine bleierne Müdigkeit. Ich wusste, dass der restliche Flug über der Savanne einige Stunden dauern würde und ergab mich dem übermächtigen Wunsch zu schlafen. Ich hörte noch das Brummen der Flugzeugmotoren und es wurde warm und dunkel. Die gefühlte Wärme steigerte sich immer weiter und ich begann zu schwitzen. Ich glaubte zu verbrennen und zu verdursten. Ich musste etwas unternehmen um nicht verrückt zu werden. Das Hintergrundgeräusch hatte sich mittlerweile auch geändert. Aus dem Brummen war ein leises Rauschen geworden und ich hörte eine Stimme die immer wieder das gleiche wiederholte.
Komm sofort aus der Sonne!
Ich sah auf und erkannte eine Frau die sich über mich beugte und mit mir redete. Es war meine Mutter, die mich weckte und meinte, dass ich mir in der heißen Mittagssonne die Nase verbrannt hätte.
Als alle schon den Strand verlassen hatten ging ich noch einmal für einen Augenblick zurück und schaute auf das weite Meer. Ein mir bis dahin unbekanntes Gefühl ließ mich den Anblick der untergehenden Sonne mit einer euphorischen Freude und Zuversicht beobachten. Meine Zweifel waren auf einmal wie verflogen und ich wusste, hinterm Horizont geht´s weiter. Ich werde eines Tages diese tiefe Sehnsucht nach der Ferne stillen können.





