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geschrieben 2026 von Hubert Staller.
Veröffentlicht: 28.05.2026. Rubrik: Satirisches


Rente auf Bewährung

Früher war die Rente eine Belohnung. Mit 65 Jahren verabschiedeten sich die Werktätigen in den Ruhestand. Auf dem Balkon pflegten sie ihr Kräuterbeet und unterhielten sich mit dem Nachbarn über das Wetter. Wenn es der Rücken zuließ, jäteten sie in ihrem Kleingarten Unkraut, mähten den Rasen und kehrten die Gehwege. Bei schönem Wetter legten sie gern eine Bratwurst oder ein Steak auf den Grill. Der Nachbar brachte die Getränke und die neuesten Nachrichten mit. Solche Abende waren wie das Wetter: einfach schön.

SatirepatzerSatirepatzerDoch jetzt hat eine Debatte begonnen, die solche Rentnertätigkeiten als staatsgefährdenden Luxus bezeichnet. Wer heute noch mit 67 eigenständig atmet und freihändig laufen kann, hat gefälligst dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen.
Die Debatte läuft immer auf das Gleiche hinaus: „Wir müssen länger arbeiten.“
Das klingt, als ob ein Arzt sagt: „Sie benötigen mehr Bewegung.“

Mit 70 ist der Mensch in der Blüte seines Lebens, verkünden unternehmensnahe Gesundheitsstiftungen auf ihren Plattformen. Man müsse lernen, umzudenken.
Früher galt man mit 70 als alt. Heute ist man mit 70 „beruflich leicht angegraut“. Die Menschen sind fitter, aktiver und leistungsfähiger. Außerdem wurde festgestellt, dass Rentner erschreckend viel Zeit haben.
In Talkshows wird inzwischen argumentiert, dass der Ruhestand zum unbezahlbaren Luxus wird. Jeder freie Nachmittag klingt wie eine Belastung für den Staatshaushalt.

Also muss an die gesellschaftliche Verantwortung der Bevölkerung appelliert werden. Menschen, die ein Leben lang ihre Arbeitskraft zur Verfügung gestellt haben, müssen ein schlechtes Gewissen bekommen und sollen auf ihren Ruhestand verzichten.

Wie meine Nachbarin zum Beispiel: 45 Jahre verkaufte sie Brot, Brötchen und Kuchen in einer Bäckerei. 10 Stunden täglich. Drei Kinder hat sie aufgezogen. Allein. Heute bekommt sie 845 € Rente. Um über die Runden zu kommen, sammelt sie täglich Flaschen. Und während meine Nachbarin Pfandflaschen sammelt, verstehen andere erstaunlich gut, wie man vom System lebt, ohne viel zu tun. Oft Leute, die glauben, Solidargemeinschaft sei eine intergalaktische Netflix-Serie.

Politiker sitzen derweil in Talkshows und erklären: Arbeit erhält jung. Sie sprechen von Eigenverantwortung, Leistungsbereitschaft und Generationengerechtigkeit.

Wohlmeinende und fürsorgliche Ratschläge lassen sich gut mit vollen Mägen, sicheren Pensionen und sauberen Händen geben. Besonders dann, wenn man vom wirklichen Leben weit entfernt ist und nicht weiß, worüber man spricht.

Vielleicht ist das die neue Definition von Solidarität:
Die einen arbeiten bis zum Umfallen, damit andere weiter erklären können, warum das nötig ist. Und wenn meine Nachbarin eines Tages wirklich nicht mehr kann, wird man ihr oberlehrerhaft vorhalten, sie hätte besser vorsorgen müssen.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Hessehex am 28.05.2026:
Kommentar gern gelesen.
Bravo !!! Und wieder einmal bewundere ich Deinen Mut lieber Hubert. Herzlichst Anne




geschrieben von Butterblume am 29.05.2026:
Kommentar gern gelesen.
Genauso sehe ich das auch.






geschrieben von Angricolan am 29.05.2026:
Kommentar gern gelesen.
Hier zeichnet der Autor ein aktuelles Bild der BRD, dem Mekka Deutschland.
Die Nichtmigranten arbeiten für den Wohlstand der Anderen.
Satirische Grüße vom qualmenden Grill am Pool.
Heute ist der Mörder nicht mehr der Gärtner sondern?




geschrieben von Hessehex am 29.05.2026:
Kommentar gern gelesen.
Generationengerechtigkeit?? Meine Generation hat noch den Samstag als Arbeitstag gekannt bei schwerer Arbeit, niedrigem Lohn und 14 Tagen Jahresurlaub. Mit 14 Jahren in den Beruf....
Die verwöhnte und verhätschelte Generation Z bitte ich zu bedenken - ehe sie über die kostspieligen Alten lästert - daß wir mit unserem Fleiß und Verzicht den Wohlstand begründet haben, von welchem sie heute partizipiert. Die meisten von ihnen fangen erst mit 20 mit dem Geldverdienen an. Dann müssen sie halt länger arbeiten, das ist m.E. Generationengerechtigkeit!




geschrieben von Angricolan am 29.05.2026:
Kommentar gern gelesen.
Wieder einmal sind wir einer Meinung liebe Hessehex. Was unsere Generation erarbeitet hat, daran laben sich gerne die Nachkommen. Sie würden sich gerne laben, wenn genug vorhanden ist. Ich konnte immer nein sagen oder zurückfordern. Die Kaufsucht hat die leichtlebige Generation im Griff und ein verschenkender Staat ist da das beste Vorbild derzeit.
Hier in der Provinz wird man nicht so sehr damit konfrontiert wie in einer Großstadt mit dem menschlichen Müll um es einmal drastisch auszudrücken.




geschrieben von Andy Loginius am 29.05.2026:
Kommentar gern gelesen.
Deine Geschichte ist ein Volltreffer. Du vertretest die Meinung Vieler.Schade, daß wir nur meckern, kritisieren, aber nicht aktiv dagegen handeln. Sehr gern gelesen.




geschrieben von Hessehex am 29.05.2026:
Kommentar gern gelesen.
Wir sind leider ein Volk von Duckmäusern geworden. Das Ausland lacht über uns.




geschrieben von Hubert Staller am 30.05.2026:

Vielen Dank für das „gern gelesen“ und eure Kommentare.
Das Thema Rente ist seit Jahren von der Politik nicht beachtet worden. Jetzt scheint das Kind so tief in den Brunnen gefallen zu sein, dass eine Reform zwingend wird.
Das Thema Rente/Pensionen und Ruhestandsgehälter gibt ganz sicher noch genügend Stoff für satirische Betrachtungen.
Ich wünsche allen ein angenehmes Wochenende mit viel Power im Grill.
Liebe Grüße
Hubert





geschrieben von Babuschka am 31.05.2026:
Kommentar gern gelesen.
Das Kind ist nicht zuletzt dadurch in den Brunnen gefallen, oder fällt gerade noch, weil jetzt wir geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter kommen. Bislang hat sich noch keine Regierung umfassende und ausreichende Gedanken gemacht, wie das Problem gelöst werden könnte. Irgendwann brennt es lichterloh und keiner weiß, wie man das Problem angehen und lösen könnte.

Du hast die Situation treffend geschildert, Hubert.
LG Babuschka

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