Veröffentlicht: 05.05.2026. Rubrik: Grusel und Horror
Metamorphose
„Metamorphose“, murmelte Merlinago vor sich hin als er die Gestalt umrundete, die im Schneidersitz auf einem steinernen Podest vor ihm hockte. Merlinago war von hagerer Statur. Seine schlohweiße Mähne und der wie von einer dunklen Macht mit Gewalt nach vorn gebeugte Oberkörper verrieten, dass ihn die Zahl der Lebensjahre diese Körperhaltung aufgezwungen hatte.
Trotz seiner greisenhaften äußeren Erscheinung bewegte er sich behänd vorwärts. Noch einmal umschritt er seine reglose Besucherin, dabei sprach erneut mit sich selbst: „Zweifellos muss ich hier eine Metamorphose vollziehen. Und ich bin sicher, dass mir das gelingen wird. Vor allen Dingen dann, wenn du mich dabei unterstützt.“ Der letzte Satz richtete sich offensichtlich an seinen Gast, rief aber keine Reaktion hervor. „Wobei mir schon sehr damit geholfen wäre, wenn du in deiner Starre verbleibst. Nichtstun kann auch eine Unterstützung sein“, feixte Merlinago und beendete seinen Gedankengang mit einem Kichern.
Dann trat er einige Schritte zurück, um die Besucherin in Gänze betrachten zu können. Was er erblickte, ließ ihn verzückt aufseufzen. Der Grund für seine Ergriffenheit lag darin, dass er der Erschaffer dieser Dämonin war. Er hatte ihr einen Körper gegeben, dessen wohlproportionierten Formen jeden Betrachter sofort faszinieren mussten. Die üppigen weiblichen Rundungen, die langen Beine, dazu die bronzefarbene Färbung ihrer Haut zogen ihre Gegenüber stets in ihren Bann. Bevor diese sich von den sinnlichen Verlockungen abzuwenden vermochten, hatte sich das Verderben ihrer schon bemächtigt. Das Verderben, das sich offen im Antlitz der Dämonin zeigte, aber immer erst bemerkt wurde, wenn die Frist verstrichen war, in der ein Entkommen noch möglich gewesen wäre.
Merlinago schüttelte sein Haupt. Die Gesichtszüge verfinsterten sich. Seine Laune verschlechterte sich zusehends. Ihn peinigte der Makel, der der Dämonin anhaftete, ohne dass er ihn beseitigen konnte. All sein Mühen, all seine Kunst- und Fingerfertigkeit versagten an ihrer Bestimmung. Das schönste Gesicht, das er ihr erschuf, verzerrte sich sofort zur Fratze mit glühenden Augen, sobald die dämonische Bosheit, die ihr Inneres beherrschte, von dem Antlitz Besitz ergriffen hatte. Dieses Manko war wie ein Haar in der Suppe, das sich von Merlinago nicht aus der Mahlzeit fischen ließ.
Seine Verstimmung hielt jedoch nur kurz an. „Metamorphose“, stieß er wieder aus. „Dieses Mal wird deine Schönheit vollkommen sein. Innen und außen. Denn ich werde dich zu einer Kreatur umformen, die dem Guten dient und deshalb einen Anspruch auf absolute Makellosigkeit haben wird.“
Er machte sich ans Werk. „Dein Körper soll so bleiben wie er ist. An ihm gibt es nichts zu verbessern. Er taugt sowohl für das eine wie für das andere. Für das Böse, als auch für das Gute. Und dorthin, wo du zurückkehren wirst, gibt es niemanden mehr, der sich an dein Erscheinen erinnern und dich deshalb verraten könnte. Denn alle, die je mit dir in Berührung kamen, sind von deiner dämonischen Magie vertilgt worden. Allerdings werde ich all mein uraltes Wissen bündeln müssen, um deinen Charakter und deine Bestimmung zu tauschen. Eine Metamorphose vom Bösen zum Guten wurde mir noch nie abverlangt. Dagegen kann ich mich an die Zahl derer kaum noch erinnern, denen ich das Gute austrieb und es durch das Böse ersetzte. Doch obwohl ich mit meinem jetzigen Tun Neuland betreten werde, bin ich guter Dinge und voller Zuversicht, die Herausforderung zu meistern.“
Da Merlinago beabsichtigte, den einen Teil seines früheren Wirkens unverändert zu übernehmen, konnte er sich mit ganzer Inbrunst dem Modellieren eines herrlichen Gesichts widmen. Nichts würde seine Ästhetik zerstören, weil der Charakter des gewandelten Wesens und das neue Antlitz jetzt in Harmonie verbunden waren. „Wie herrlich“, frohlockte Merlinago. „Endlich ist es mir vergönnt, jeden Widerspruch von dir zu nehmen. Endlich kann ich mir mit dir ein Denkmal erschaffen, das alle Zeiten überdauern und die Kunde von meiner Erhabenheit in die jetzige und künftige Welt tragen wird.“
Stunde um Stunde hantierte er am Gesicht der Noch-Dämonin. Ersetzte die glühenden Pupillen durch blaue. Gab ihrer Miene einen weichen Ausdruck. Der Mund erhielt sinnliche Lippen, die Nase eine klassische Formung. Er ließ statt der schwarzen Mähne eine blonde von ihrem Haupt wallen. Mehr zeitlose Schönheit konnte er unmöglich erschaffen, befand er dann und war mit seinem Werk rundum zufrieden.
Jetzt galt es nur noch, eine Ergänzung vorzunehmen, die die Dämonin äußerlich endgültig für ihre neue Bestimmung prädestinieren würde. Er verschwand und kehrt mit einem Paar langfedriger Schwingen zurück, die er an die Stelle ihrer Schulterblätter setzte.
Als das vollbracht war, regte die Gestalt sich zum ersten Mal. Die Flügel schwangen auf und ab. Erst glich diese Bewegung einem hilflosen Flattern. Dann fand sie ihren Rhythmus, der sich in einem wohlklingenden Rauschen orchestrierte. Und schließlich erfüllten die Schwingen ihren eigentlichen Zweck. Sie trugen die Dämonin in die Höhe.
Erschrocken starrte Merlinago zu ihr auf. „Senke dich wieder herab!“, rief er ihr zu. „Ich muss noch das Gutsein in dich pflanzen. Sobald das geschehen ist, kannst du von dannen ziehen.“
Diese Worte schienen nicht bis zu der von ihm erschaffenen Kreatur durchgedrungen zu sein. Von der Aufforderung unbeeindruckt zog sie ihre Kreise, übte sich im Fliegen. Und als sie schließlich zu der Erkenntnis gekommen zu sein schien, dass sie keiner fremden Hilfe mehr bedurfte, stieß sie herab und stürzte sich auf Merlinago. Das Handgemenge, das die beiden austrugen, dauerte nicht lange. Nach kurzer Zeit ermattete der alte Magier und wurde zum Opfer der von ihm erschaffenen Kreatur.
Bevor seine Augen brachen, konnte er noch einige Worte von sich geben: „Wehe dir Welt. Ein Geschöpf mit engelsgleichem Antlitz, aber abgrundtief schlechter Seele, wird fortan sein Unwesen treiben, ohne dass jemand es aufzuhalten vermag, weil niemand sein wahres Wesen erkennen kann. Erst, wenn seine Boshaftigkeit befriedigt ist, wird es zufrieden sein. Wann das jedoch sein wird, kann niemand ermessen.“
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