Veröffentlicht: 08.05.2026. Rubrik: Aktionen
Vom Bier, Mäusen und Katzen
Der Wirt war sicherlich froh, endlich auch den letzten Gast losgeworden zu sein, der seit einer geschlagenen Stunde in sein halbvolles Bierglas gestarrt hatte, ohne dabei ein Lebenszeichen von sich zu geben. Es grenzte fast schon an ein Wunder, dass dieser letzte Kunde nicht zwischenzeitlich unter den Tisch gerutscht war, denn seinen Deckel zierte eine Strichliste, die im Normalfall dafür ausgereicht hätte, drei Leute ins Koma fallen zu lassen.
Trotz dieses kleinen Ozeans in sich hineingeschütteten Alkohols sprang Jeremie Schadnost flink auf als der Wirt die Sperrstunde verkündete, wertete seine Rechnung mit einem sehenswerten Trinkgeld auf und rief, bevor er den Gastraum verließ, etwas genervt über die Schulter: „Nun komm schon!“
Der Wirt bezichtigte sich daraufhin selbst als „Alter Narr“, denn er meinte doch tatsächlich, einen kleinen Schatten hinter dem späten Zecher zur Tür hinaushuschen gesehen zu haben.
Draußen schnappte Jeremie Schadnost erst einmal nach Luft, geriet ins Schwanken und musste sich an der Wand der Gaststätte abstützen. Zum Glück an der Stelle, an der sein Fahrrad lehnte. Damit ersparte er sich eine mühevolle Suche. Nachdem es ihm gelungen war, seinen fahrbaren Untersatz vom Schloss zu befreien, schwang er sich in den Sattel. Für seinen Begleiter hatte er andere Pläne. „In deinem Zustand kannst du unmöglich aufs Fahrrad. Du läufst vor mir her!“ Die kleine weiße Maus piepste dreimal hintereinander, was ziemlich empört klang, und setzte sich schnurstracks gerade in Bewegung. Jeremie Schadnost folgte ihr unter Ausnutzung der gesamten Straßenbreite.
Sie waren noch nicht weitgekommen, als sich ihnen eine Gestalt in den Weg stellte. Jeremie Schadnost wollte seinen Augen nicht trauen, wer bzw. was sich da vor ihm aufbaute. „Ist mir denn heute der ganze Zoo auf den Fersen?“, murmelte er vor sich hin. Dann sprach er den Störenfried an. „Wer bist du denn? Vielleicht Kater Karlo?“
„Moritz werde ich genannt.
Bin mit Karlo auch verwandt.
Er hat mich heut hierhergebeten,
um ihn ein bisschen zu vertreten“,
ließ ihn der Kater daraufhin wissen. Gleichzeitig schnüffelte er in Jeremie Schadnosts Nähe herum und rümpfte angesichts dessen Fahne die Nase.
„Da radeln ja ein paar Promille
durch des Ortes nächtliche Stille.“
Jeremie Schadnost glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können. „Was bist du denn für einer? Fang dir eine Maus und geh mir aus dem Weg!“ Er rempelte den Kater unsanft zur Seite.
Im Nu stand der Stubentiger auf den Hinterbeinen und machte überhaupt keine Anstalten, Jeremie Schadnost weiterfahren zu lassen.
„Es war der gestiefelte Kater.
wahrlich mein Ur-Ur-Urgroßvater.
Der war flink auf allen Wegen.
und geschickt auch mit dem Degen.
Und zu meinem großen Glück,
vererbte er mir sein Geschick!
Also halt die Füße still, .
weil ich dir nicht wehtun will.“
„Nun mach mal halblang“, protestierte Jeremie Schadnost jetzt. „Von mir aus kannst du von Cleopatras Katzen abstammen, aber ich muss jetzt nach Hause. Und um dorthin zu kommen, rolle ich dir notfalls auch über den Schwanz. Wenn du verstehst, was ich meine?“
„Trunkenheit am Fahrradsteuer
macht den Abend für dich teuer.
Rück den Führerschein heraus,
dann lass ich dich vielleicht nach Haus.“
„Ach du lieber Himmel. Jetzt mimst du auch noch den Dorfsheriff. Ich könnte dir eine weiße Maus anbieten, vielleicht stimmt dich das milder.“ Diesen Vorschlag untermalte Jeremie Schadnost mit einem schrillen Gelächter. „Mein kleiner weißer Freund, bist du bereit, mich freizukaufen?“
Als Antwort kam ein gepiepstes „Nein“ zurück.
„Das ist aber unfair“, beschwerte sich Jeremie Schadnost daraufhin. „Ich habe dich den ganzen Abend freigehalten und jetzt verweigerst du mir deine Hilfe.“
„Mit der Maus ist’s nicht getan,
ich ernähre mich vegan.“
„Auch das noch“, stöhnte Jeremie Schadnost und sank neben seinem Fahrrad zu Boden. Dass sich der Drahtesel über ihn breitmachte, nahm er schon nicht mehr wahr. Als er von leichten Tätscheln im Gesicht geweckt wurde, schlug er verwirrt die Augen auf. Eine Polizistin bemühte sich um ihn.
„Erst ein Kater. Nun eine Mieze“, murmelte er vor sich hin. „Wenn du mir auch Gedichte aufsagst, ziehe ich dir kräftig am Schwanz!“
Es kam weder zu dem einen noch zu dem anderen. Stattdessen schnappten Handschellen zu und die Polizistin meldete ihrer Dienststelle, dass die aufgefundene Person zwar halluzinierte, aber jeden Moment handgreiflich zu werden drohe.
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Weitere Kurzgeschichten von mir gibt es auf meiner Webseite:
https://katermoritzspricht.de/jeremie-schadnost
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