Veröffentlicht: 08.06.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Die Selbstverständlichkeit des Seins
Der Besucher war nun seit einigen Tagen im Dorf.
Je länger er blieb, desto weniger verstand er die Menschen.
Der Schmied war eine Frau.
Der beste Jäger sprach leiser als die meisten Kinder.
Ein Mann in einem langen bestickten Kleid sammelte Kräuter und half den Alten beim Kochen.
Ein Zugewanderter dessen Sprache einst niemand verstanden hatte, mittlerweile aber längst zum Dorf gehörte, sass jeden Abend am Feuer und erzählte Geschichten.
Ein Krieger, der nie kämpfte, wurde genauso respektiert wie jene, die viele Narben trugen.
Kinder liefen zwischen den Zelten hindurch, ohne sich darum zu kümmern, wer woher kam, wie jemand aussah oder welche Aufgaben er übernahm.
Niemand schien sich daran zu stören.
Niemand schien es überhaupt zu bemerken.
Der Besucher beobachtete den Dorfplatz lange.
Schliesslich trat er zum Ältesten.
„Verzeiht mir die Frage.“
Der Alte nickte.
„Warum stört sich niemand daran?“
Der Alte runzelte die Stirn.
„Woran?“
„Nun ...“ Der Besucher deutete über den Platz. „Dass manche anders sind.“
Der Alte schwieg einen Moment.
Dann folgte er seinem Blick.
Er sah die Schmiedin bei ihrer Arbeit.
Er sah den Mann im bestickten Kleid beim Kochen.
Er sah den Fremden am Feuer.
Er sah die Krieger, die Alten, die Kinder.
Eine Weile sagte er nichts.
Dann blickte er den Besucher an.
„Anders als wer?“
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