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geschrieben von Kater Moritz.
Veröffentlicht: 15.06.2026. Rubrik: Fantastisches


Woodstock-Feeling

Jonas kratzte sich mithilfe des Schraubenziehers auf dem Rücken. Dann zog er die letzte lockere Schraube am Kopf des Androiden fest und trat zwei Schritte zurück. Was er sah, begeisterte ihn jedes Mal aufs Neue. Und das nicht erst, seit sein Meisterwerk kurz vor der Vollendung stand. Nein, schon als er die ersten Skizzen des Typen erstellt hatte, war er für dieses Projekt in Feuer und Flamme ausgebrochen. Jetzt gratulierte er sich dazu, an seinem Enthusiasmus festgehalten zu haben, auch in Zeiten, in denen es danach aussah, dass das Ganze zum Scheitern verurteilt sein könnte.

Das Ziel seiner nun schon fast zwei Jahre andauernden Sisyphusarbeit bestand darin, einen Roboter zu erschaffen, der anlässlich des 100-jährigen Jubiläums eines der faszinierendsten Musikevents der Welt, im Sommer 2069, seinen Auftritt als Rockstar haben würde. Natürlich im Original-Outfit der Hippies und mit einer KI programmiert, die das gesamte Musikrepertoire der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts beinhaltete.

Jonas hatte sich für das bald stattfindende Event ein besonderes Highlight einfallen lassen. Denn während weltweit daran gewerkelt wurde, mechanische Avatare von allen damals beteiligten Rock-Größen, inklusive der Software zur Interpretation ihrer dargebotenen Songs, zusammenzubasteln, war Jonas’ Schöpfung, die er übrigens Samuel taufte, vor 100 Jahren gar nicht dabei gewesen. Trotzdem sollte sein Baby auftreten. Dafür würde Jonas schon sorgen.

Die Organisatoren des Revival-Festivals hatte professionelle Vorarbeit geleistet. Das Originalgelände konnte dank einer Crowdfinanzierung erworben werden und wurde innerhalb von fünf Jahren peu a peu den 1969 herrschenden Zuständen angepasst. Im Jahr 2064 begann die Rekrutierung der Zuschauer. An Interessenten erging der Aufruf, ihr Aussehen auf die Zeit von 1969 umzustellen.

Da damals schulterlange Mähnen bei Männlein und Weiblein die gängigsten Frisuren waren, schien eine Zeitspanne von fünf Jahren bis zum Erreichen einer solchen Haarpracht durchaus realistisch zu sein. Im Frühjahr 2069 entschied das Los, wer als einer der ca. 400 000 Fans dabei sein durfte.

Für die Hauptakteure, also die Solisten und Bands sowie ihre Designer, begann die heiße Phase des Castings Anfang Juli 2069. Zuerst mussten sich die Bewerber das Daumenhoch einer weltweiten Community erarbeiten, bevor abschließend von einer Jury entschieden wurde, wer von den von der Crowd Auserwählten tatsächlich vor den 400 000 spielen durfte.

Jonas und Samuel schafften es bis vor die letztentscheidende Kommission. Dort traf sie allerdings der Bannstrahl der Experten. Eine deutliche Mehrheit bemängelte, dass es einen Samuel im August 1969 nicht gegeben hatte, er sich also 100 Jahre später auch nicht so einfach bei den Interpreten einschmuggeln könnte.

Obwohl damit Jonas’ Traum zerplatzte wie ein Luftballon, der sich dazu entschlossen hatte, eine brennende Kerze zu küssen, mischte er sich mit Samuel unter die Zuschauer. Dieses Privileg war den Teilnehmern der Ausscheidungsrunden vergönnt. In Sichtweite der Bühne fanden sie auch ein Plätzchen. Dort tat sich zur Zeit nichts, da gerade umdekorierte wurde.
Samuel nutze diese relative Ruhe, um ein bisschen herumzuklampfen und ein paar Lieder zum Besten zu geben. Darauf rückten die Leute ein stückweit von ihm ab, um für ihn einen Freiraum zu schaffen. Der Kreis der Besucher der sich aber bildete, wurde zusehends dichter. Applaus brandete auf und die Menge verlangte ständig Zugaben.

Irgendwann stieß eine zierliche Blondine ihren hünenhaften Begleiter in die Seite und rief ihm zu: „Hey Greg, ich glaube der Junge gehört auf die Bühne. Was er hier abzieht, müssen alle zu hören bekommen.“ Der zweimetrige Holzfällertyp schien derselben Meinung zu sein. Ohne große Umstände warf er sich den Androiden über die Schulter und schleppte ihn Richtung Bühne. Ein Trupp ebensolcher Gestalten wie Greg bahnte den Beiden den Weg durch die Menge.

Als sie die Bühne erreicht hatten, brüllten sie den Roadies zu, dass sie ihnen ihre Last abnehmen sollten und gemeinsam hievten sie Samuel samt Gitarre aufs Podest. „Jetzt zeig, was du draufhast!“, feuerte Gregs Gang Samuel an.

Nach den ersten Gitarren-Riffs ebbte der Lärm, der über der tausendköpfigen Menge waberte, schlagartig ab. Die Massen lauschten den Klängen auf der Bühne und Samuel kam in Fahrt. Sein Repertoire faszinierte die 400 000. Und nachdem die letzte Ballade verklungen war, musste sich sogar Greg über die feuchten Augen wischen. Als alle ihre Ergriffenheit überwunden hatten, wurde geklatscht, gegrölt, gepfiffen, gekreischt. Die Begeisterung steigerte sich zu einer solchen Ekstase, dass kaum noch jemand das heraufziehende Unwetter mit seinen monsunartigen Regengüssen wahrnahm.

Übrigens wurden die Organisatoren des Happenings Tage später in den Medien auch dafür gefeiert, dass es ihnen gelungen war, selbst für das historisch verbriefte Sauwetter gesorgt zu haben.

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https://katermoritzspricht.de/fantasy-stories

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