Veröffentlicht: 22.06.2026. Rubrik: Unsortiert
39°
Die Nacht brachte keine Kühlung. Der Regen, der unter gewaltigen Donnerschlägen fiel, wurde sofort vom durstigen Boden aufgesogen. Die Erde dampfte. Der Regen kam zu spät: Gras und Pflanzen sind gelb verdorrt, die Bäume teilweise kahl, ihre braunen Blätter bedecken den Boden, es raschelt, wenn man darüber hinwegschreitet.
Die Menschen schleichen dahin, die Kinder sind krötig – die eingeatmete Luft fühlt sich breiig an. Sehr viele kippen aus den Pantoffeln.
Der Rhein führt wenig Wasser, viele Dinge werden sichtbar, die man sonst nicht zu sehen bekommt: Felsen und Klippen, neue Inseln sind entstanden. Der Schiffsverkehr wird wohl bald wieder eingestellt werden. Nur die Kormorane begrüßen die zusätzlichen Ruhestellen.
Fenster öffnen bringt nichts, es kommt mehr Wärme herein als die Zimmertemperatur beträgt. Ob ich heute Nacht auf dem Balkon schlafe? Auf jeden Fall Shirt unters Wasser halten, auswringen, anziehen – das hilft.
Ich denke an Wien, wo es Wasservernebelungsanlagen gibt, an Bukarest, wo Tankwagen mit Trinkwasser anfuhren, an Bratislawa, wo überall kleine Brunnen das Wasser aus der Donau zur Erfrischung anboten.
In meiner heruntergekommenen Stadt gib es so etwas nicht – wir haben nur 72° heiße Quellen, die überall aus der Erde sprudeln. Sie liegt in einer Senke, und die kühlenden Taunuswinde streifen wirkungslos über sie hinweg. Im Winter statt Schnee nur schmutzigen Matsch, darunter aufgeweichter Hundekot.
Ab und zu bebt die Erde ein wenig, das fühlt sich an wie schwimmen, und in den Schränken klirren Geschirr und Gläser. Ich glaube, wir leben auf dem Krater eines erloschenen Vulkans, und manchmal stelle ich mir vor daß er ausbräche.
39° - da kommen einem die seltsamsten Gedanken in den Kopf……..
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