Veröffentlicht: 22.06.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Eine Geschichte über Inflation und das Geld
Sechs Freunde trafen sich wie jeden ersten Freitag im Monat, um gemeinsam Kaffee zu trinken, Kuchen zu genießen und über die verschiedensten Themen zu diskutieren. Alle waren 55 Jahre alt, denn sie waren Schulfreunde und waren stets in der selben Klasse gewesen. Jedes Mal fanden die Treffen bei einer anderen Freundin oder einem anderen Freund statt. Heute war Martha die Gastgeberin. Seit zwei Jahren war sie Witwe, und ihr Mann hatte ihr ein wenig Geld vererbt, welches jedoch schon wieder weg war. Martha hatte ein großes Haus, und um dieses zu halten, musste sie oft einiges an Geld dafür investieren. Heute war auch Marthas zehnjährige Enkeltochter Lara zu Besuch, welche sich schon auf das Treffen mit den anderen Freunden freute, denn Ilse, Marthas engste Freundin, brachte den achtjährigen Enkel Daniel mit, welchen Lara sehr gerne mochte. Immer, wenn es die Zeit zuließ, spielten die beiden Kinder dann miteinander, während die Erwachsenen diskutierten. Martha hatte einen Kuchen gebacken, diesmal ein Kuchen mit Himbeeren. Jedoch stieg auch Sorge in ihr auf, wenn sie den Kuchen betrachtete. Schon wieder waren die Zutaten zwar kaum merkbar, aber doch teurer geworden. Die Inflation in Österreich im Mai lag bei 3,7 Prozent, hatte sie im Internet gelesen, doch es kam ihr höher vor. Immer wieder dachte sie an früher, als die Währung noch Schilling hieß und man deutlich mehr für sein Geld bekam. Ein Klingeln riss sie aus ihren Gedanken, und Ilse stand mit dem kleinen Jungen vor der Tür. Sowohl die Erwachsenen, als auch die Kinder begrüßten sich freudig, als es auch schon wieder klingelte. Nun waren Hans und Mathilde eingetroffen, ein Ehepaar. Zum Schluss kamen noch Josef und Fred. Alle setzten sich an den Tisch, und Martha servierte Kaffee für die Erwachsenen, Apfelsaft für die Kinder und den gebackenen Kuchen.
"Ich mache mir ein wenig Sorgen um die Inflation", sagte sie zu ihren Freunden, während sie den Kuchen aßen. "Ja, die Inflation ist immer wieder Diskussion", fügte Josef hinzu. "Ich frage mich, wo das alles enden wird", meinte Ilse. "Was ist denn Inflution, Oma?", mischte sich Daniel ein, welcher von seiner Großmutter sofort einen strafenden Blick erhielt, weil er mit vollem Mund gesprochen hatte. "Inflation", verbesserte Martha. "Das bedeutet, dass alles immer teurer und das Geld weniger Wert wird. Ein Beispiel. Wenn deine Lieblingssüßigkeit früher €1,25, jetzt aber €1,55 kostet, dann nennt man das Teuerung, und diese Teuerung ist oft die Folge von Inflation." Der Junge nickte und aß weiter seinen Kuchen. "Dürfen wir spielen gehen?", fragte Lara ungeduldig, und die Oma nickte. Sofort liefen die beiden Kinder in den Garten, um dort ihre Zeit zu verbringen.
"Ich lese gar nicht mehr über Inflation nach", griff Hans die Diskussion erneut auf. "Durch das viele Lesen von Nachrichten bekomme ich sonst noch ein Magengeschwür. Wir haben einen großen Teil unseres Geldes auf ein Sparbuch gelegt, das reicht uns." "Blödsinn!", rief Ilse. "Ein Sparbuch gibt doch kaum noch Zinsen!" Hans zuckte mit den Schultern. "Mir und meiner Frau Mathilde reicht das Geld, und es ist eine sichere Anlageform." "Nur so lange sicher, bis die Bank pleite geht", meinte Ilse dazu, was Hans zum Lachen brachte. "Warum sollte die Bank denn pleite gehen? Das kann ich nicht glauben." "Wie auch immer, ich bewahre mein Erspartes lieber unter meiner Matratze auf. Ich traue den Banken nicht mehr." "Dann will ich für dich nur hoffen, dass du keinen unerwünschten Besuch bekommst", meldete sich nun auch Fred zu Wort.
"Bisher hatte ich mein Geld einfach auf dem Konto liegen", erklärte Martha. "Aber ich muss mir etwas überlegen, denn ich habe große Angst, irgendwann in Altersarmut zu enden. Mein Lohn steigt nicht einmal annähernd wie die Inflation es tut." "Auf dem Konto wird dir dein Geld nicht viel bringen", meinte Josef. "Du musst es investieren!" "Und was sollte ich deiner Meinung nach tun?", fragte Martha. "Investiere in Aktien! Wenn der Kurs einer Aktie steigt, erzielst du Gewinn!" "Und wenn der Kurs fällt, kann es aber auch schnell in die andere Richtung gehen", meinte Fred und schüttelte den Kopf. "Ich habe bisher nur Gewinne erzielt", wandte Josef ein. "Dann hattest du aber großes Glück." "Aktien wären mir zu unsicher. Man muss sich täglich, nein stündlich mit den Kursen beschäftigen, um auf dem neuesten Stand zu bleiben und zu wissen, wann man sie verkaufen oder kaufen soll", entschied Martha für sich. "Dann versuche es doch mit einem Sparbuch", schlug Hans vor. "So wenig Zinsen, wie dieses noch abwirft, lohnt sich das nicht", entgegnete Martha. "Auf dem Konto nützt dir dein Geld noch weniger", meinte Hans. "Frag doch einmal deinen Bankberater", schlug Josef vor. "Wenn du keine Aktien möchtest, vielleicht kann er dir etwas für dich passendes empfehlen." Ilse rümpfte die Nase. "Bankberatern würde ich nicht trauen. Sie sind nicht nur deine Freunde." Fred nickte ihr beiläufig zu, sagte jedoch nichts. "Unsinn", meinte Hans. "Banken arbeiten schließlich mit deinem Geld, warum sollten sie dann nicht das Beste für dein Geld wollen? Sie wären doch dumm, wenn sie dir eine Anlageform empfehlen würden, welche dich dein Geld kostet, denn dann würde es den Banken doch ebenfalls fehlen." Für einen Moment sagte niemand ein Wort, und Martha dachte über die Aussagen ihrer Freunde nach. Jeder schien eine andere Meinung zu haben, nur Fred hatte seine eigene Meinung noch nicht kundgetan.
"Und wie legst du dein Geld an, Fred?", fragte Josef plötzlich. Der ältere Mann lächelte. "Ganz anders, als ihr vielleicht denken würdet." Die Freunde sahen ihn fragend an. "Ich habe mein Vermögen lediglich umgeschichtet", meinte er. "Umgeschichtet? Was soll das heißen?" Er antwortete nicht, sondern kramte etwas aus seinen Taschen hervor. Mit einem klappernden Geräusch landete etwas auf dem Tisch, und die Freunde bekamen große Augen. Vor ihnen lag eine Münze. Keine Euro- oder Centmünze, sondern eine aus purem Gold! "Gold?", fragte Martha ungläubig. Fred nickte. "Edelmetalle, um genau zu sein", erklärte er. Für einen Moment wusste niemand, was er dazu sagen sollte, bis Hans sich wieder meldete. "Edelmetalle sind doch viel zu teuer!", wandte er ein. Fred nickte. "Teuer zwar, aber eine gute Wertanlage. Natürlich kann es auch dabei zu Schwankungen kommen, wie auch bei Aktien, aber die Geschichte hat gezeigt, dass Edelmetalle tendenziell steigen statt fallen, auch, wenn es natürlich auch manchmal nach unten geht." "Du spinnst", meinte Josef und tippte sich an die Stirn. "Keineswegs. Gold ist in Krisenzeiten der sichere Hafen, während Silber und andere Metalle für die Wirtschaft gebraucht werden. Ohne Platin gäbe es viele Geräte nicht." Die Freunde schwiegen, um das Gesagte auf sich wirken zu lassen, doch als sie weiter darüber diskutierten, wurden sie sich dennoch nicht einig. "Jeder muss schlussendlich selbst entscheiden, wie er sein Geld anlegt", beendete Fred die Diskussion. "Lasst uns in zehn Jahren noch einmal darüber sprechen." Die Freunde nickten und verließen Marthas Haus.
Zehn Jahre später waren alle Freunde kurz vor der Pension. "Wie ist es dir ergangen?", wollte Martha von Hans wissen. Dieser seufzte auf. "Ich habe nicht mehr viele Rücklagen aus meinem Sparbuch. Unsere Tochter hat noch ein Kind bekommen und brauchte etwas Unterstützung von uns, und dann ist auch noch unser Auto kaputt gegangen. Im Moment kommen wir zwar noch einigermaßen über die Runden, doch ich möchte mir nicht ausmalen, wie es dann mit der Pension sein wird." Josef schien zufrieden. "Die meisten meiner Aktien sind gestiegen, wie ich es vorausgesehen habe, nur eine, in welche ich jedoch einiges an Geld investiert habe, ist leider gefallen, und ich musste sie verkaufen, bevor mein Verlust noch größer geworden wäre. Na ja, was solls." "Mein Erspartes unter der Matratze schrumpft", meinte Ilse. "Es ist fast egal, ob ich es auf einem Konto oder in einem Versteck lagere, es wird nicht mehr. Wahrscheinlich werde ich mein Haus irgendwann verkaufen müssen." Nun waren alle gespannt, was Fred zu berichten hatte und wie sich Martha entschieden hatte. "Es ist so, wie ich es prognostiziert habe", meinte Fred. "Die Edelmetalle sind zwar immer wieder kurzzeitig gefallen, doch genauso sind sie auch immer wieder gestiegen, sodass der Wert meines Geldes erhalten blieb." Martha nickte. Auch sie hatte sich inzwischen für Edelmetalle entschieden und war glücklich darüber. So einigten sich die Freunde darüber, dass Edelmetalle wohl doch eine der sichersten Anlageformen waren.





