Veröffentlicht: 15.06.2026. Rubrik: Kinder und Jugend
Der sonderbare Junge, Teil 1
Heute schreibe ich einmal keine Fantasy-Geschichte, sondern eine zwar ausgedachte, jedoch realistische Geschichte des Schulalltages. Sie soll zeigen, dass Andersartigkeit nichts Schlechtes, sondern oft eine Bereicherung ist.
Kapitel 1: Der Tag beginnt
Theo war nervös, denn heute begann sein erster Schultag an einem neuen Gymnasium. Wenn der zwölfjährige Junge an seine alte Schule zurückdachte, überkam ihn die Angst. Niemand kam mit ihm zurecht, und er eckte bei seinen Mitschülern stets an. Meist geschah dies, wenn er einen für Andere langweiligen Monolog über sein Interesse, Mathematik, hielt. Alle bezeichneten ihn als Streber, Sonderling, Nerd, und manche von ihnen nahmen sogar das Wort "gestört" in den Mund. Ja, er hatte tatsächlich etwas, das man als Störung bezeichnen konnte, jedoch wurde der Ausdruck "gestört" meist negativ verwendet. Nervös ging Theo in seinem Zimmer im Kreis, wie er es immer tat, um sich zu beruhigen. "Ich werde es schaffen", murmelte er immer wieder mantraartig vor sich hin.
"Es wird Zeit zum aufstehen!", unterbrach seine Mutter ihn. Sofort verließ er sein Zimmer und machte sich auf den Weg ins Badezimmer, wo ein streng strukturierter Tagesplan an einer Wand hing. Diesen brauchte er, um nicht in seine eigene Welt abzudriften. Auf einem kleinen Schränkchen stand außerdem ein Wecker, welcher ihm visuell anzeigte, wie viel Zeit er noch hatte. Für die Körperpflege waren genau 15 Minuten bemessen, und Theo führte den Tagesplan genauestens aus. Tat er dies einmal nicht, kam es stets zu einem Chaos. Entweder er duschte sich, ohne sich vorher ausgezogen zu haben, oder beim Anziehen ging etwas schief. Meist schaffte er es aber, die Zeit einzuhalten, wie auch heute.
In der Küche wartete schon ein Marmeladenbrot und eine Tasse Kakao auf ihn. Theo kontrollierte genau, ob sein Brot in quadratische Stücke geschnitten war, dies war ihm sehr wichtig. Wenn es einmal passierte, dass seine Brote nicht quadratisch geschnitten waren, zog dies einen minutenlangen Wutausbruch nach sich. Dies geschah meist dann, wenn seine Mutter unter Zeitdruck stand, weshalb sie versuchte, dies zu vermeiden.
Sobald das Frühstück verzehrt war, musste Theo seine Schultasche nach Stundenplan packen, was wieder etwa fünf Minuten in Anspruch nahm. Jedes Heft, jede Mappe und auch alle anderen Utensilien hatten einen festen Platz in seinem Rucksack. Wagte seine Mutter oder jemand Anderer es, etwas zu verräumen, gab es wieder Wutausbrüche. Genauso, wenn ihm alles zu viel, zu laut wurde. Endlich war alles für die Schule vorbereitet, denn die Uhr zeigte 07:00 Uhr. Nun hatte Theo einen 20-minütigen Fußweg vor sich, welchen er ohne Probleme meisterte.
Kapitel 2: Katrins Schulweg
Aus einer anderen Richtung näherte sich ein elfjähriges Mädchen der Schule. Fröhlich ging sie die Straße entlang und hielt immer wieder nach ihren besten Freundinnen Lena und Sarah Ausschau. Als sie sie nirgendwo entdeckte, obwohl sie vereinbart hatten, sich in der Mitte des Schulwegs zu treffen, blieb sie einen Moment stehen. Da fiel ihr ein Junge auf, welcher ebenfalls auf diese Schule zusteuerte. Diesen hatte sie noch nie gesehen, da war sie sich sicher, denn Katrin erkannte Gesichter schnell wieder. Irgendwas war an diesem Jungen seltsam, doch zuerst wusste das Mädchen nicht, was es war. Dann jedoch fiel es ihr wieder ein, es war sein Gang. Er machte stets vier Schritte vor, vier Schritte nach links und wieder vier Schritte nach rechts, bevor das selbe Spiel von vorne anfing. Obwohl er Katrin bereits sah, würdigte er ihr keines Blickes, sondern ging unbeirrt weiter. Sein Blick war auf den Boden gerichtet, kein Blickkontakt kam zustande. Selbst dann nicht, als das Mädchen ein lautes "Hallo!" erklingen ließ. "Hallo", antwortete der Junge nur, um sich dann sofort wieder dem Schulweg zuzuwenden. Katrin zuckte mit den Schultern und wollte schon weitergehen, da kamen endlich ihre beiden Freundinnen. "Wo habt ihr denn gesteckt!", rief sie. "Tut uns Leid, aber wir haben verschlafen. Mama hat den Wecker nicht gehört." Katrins Freundinnen waren Zwillingsschwestern. "Los, sonst kommen wir zu spät", meinte Lena und nahm Katrin an der Hand. Gemeinsam rannten sie in Richtung Schule, während Sarah ihnen langsamer hinterher gelaufen kam. "Nicht so schnell", meinte Katrin, als die Schule bereits in Sicht kam. "Sarah kann doch nicht so schnell laufen, das weißt du doch." Lena seufzte und hielt an. Sie liebte ihre Schwester, dennoch kam sie damit nur schwer zurecht, dass ihre Schwester viele Dinge nicht so gut konnte, wie sie. Bei der Geburt hatte sie einen leichten Sauerstoffmangel erlitten und dadurch einige körperliche Probleme. "Ich bin schon da", meinte Sarah und grinste. "Ihr hättet ruhig weitergehen können. Ich kann doch alleine gehen", fügte sie hinzu, doch Katrin schüttelte den Kopf. "Freunde warten aufeinander", sagte sie bestimmt.
Kapitel 3: Die erste Schulstunde
In der Klasse angekommen, sah Katrin den Jungen wieder, welcher ziemlich verloren im Raum stand. Sein Blick schweifte über die anderen Schüler, doch mehr als ein Winken brachte er nicht zustande. Die Tür öffnete sich, und Frau Berger, die Klassenlehrerin, betrat den Raum. Sie war schon älter und hatte den Ruf, streng aber gerecht zu sein. "Liebe Klasse", begann sie zu sprechen, was die Kinder augenblicklich verstummen ließ. "Ich möchte euch einen neuen Mitschüler vorstellen. Das ist Theo, und er ist Autist. Was das bedeutet, werdet ihr in den nächsten Stunden erklärt bekommen. Bitte integriert ihn in eure Klasse." Katrin wusste zwar nicht, was ein Autist war, doch sie spürte, dass dies eine Besonderheit war und dass er Unterstützung brauchte. "Such dir einen Platz", forderte die Lehrerin Theo auf. Unsicher sah sich der Junge im Raum um. "Ich ... ich kann nicht neben anderen Kindern sitzen", sagte er verzweifelt, als er bemerkte, dass es hier keine Einzeltische gab. "Es lenkt mich zu sehr beim Lernen ab." Die Lehrerin überlegte kurz. "Weißt du, Einzeltische sind hier nicht vorgesehen", sagte sie unsicher. Vor lauter Erregung flatterte Theo nun mit seinen Händen, und es schien keinen Ausweg zu geben. Doch da kam Katrin eine Idee. "Vielleicht kann er ja bei mir sitzen", meinte sie. "Ich möchte ihm gern helfen, damit er nicht abgelenkt wird." Sofort spürte Katrin Lenas Blick auf ihr, welche ihr gegenübersaß, doch sie ignorierte ihre Freundin geflissentlich. Neben Katrin war die Schulbank zwar beiderseits besetzt, doch das ließ sich sicher ändern. Frau Berger lächelte. "Gute Idee, Katrin. Möchte sich jemand bereiterklären, den Platz für Theo zu räumen?" Katrin stockte der Atem, denn sie hatte nicht an die Konsequenzen ihres Handelns gedacht. Neben ihr saßen Sarah und Marie. Marie zählte zwar nicht zu Katrins besten Freundinnen, dennoch war sie eine Freundin, und Katrin wollte sie nicht vor den Kopf stoßen. Sarah wollte sie jedoch erst recht nicht gehen lassen. Marie erhob sich und setzte sich einige Reihen nach hinten, aber vorher bedachte sie ihre Freundin noch mit einem missbilligenden Blick. Auf einmal fühlte sich Katrin schlecht. Sie hatte es nur gut gemeint, doch zwischen gut gemeint und gut gemacht lagen oft Welten. "Warum bin ich nur so hilfsbereit?", fragte sie sich. Egal, Katrins Entscheidung war nicht mehr rückgängig zu machen, und so setzte sich Theo zaghaft neben sie.
Nun wurde die Klasse über Autismus und deren Verhaltensweisen kindgerecht aufgeklärt, und Katrin konnte den Jungen plötzlich verstehen. Auch wenn sie sein Schicksal nicht teilte, spürte sie eine seltsame Verbindung. Vielleicht konnten sie doch noch Freunde werden. Bis zur großen Pause erklärte die Lehrerin den Schülern, wie sie den Neuankömmling gut unterstützen und in die Gemeinschaft einbeziehen konnten. Leider jedoch sah Katrin, dass nur wenige ihrer Mitschüler das gleiche Interesse für dieses Thema hatten, wie sie selbst. Sie beobachtete Lena und Sarah dabei, wie diese sich kleine Zettel zuwarfen. Auch andere Schüler kritzelten lieber auf Zetteln herum, statt den Ausführungen von Frau Berger zu lauschen.
Kapitel 4: Die große Pause
In der großen Pause wurde Katrin von Lena und Sarah in eine Ecke gezogen. "Warum hilfst du einem Sonderling?", fragte Lena entrüstet. "Weil er Unterstützung braucht", antwortete Katrin ruhig. "Du hast Marie einfach von deinem Tisch verbannt, das fand ich gemein!", rief Sarah. Katrin seufzte. "Ich hatte keine andere Wahl. Ich wollte ihm gerne helfen, aber das bedeutet nicht, dass ich irgendeinen von euch nicht mehr mag!" Als ihr Blick so durch den Schulhof schweifte, sah sie zwei Jungen, welche Theo in ihre Mitte genommen hatten. Es waren Robin und Tobias, welche dafür bekannt waren, andere Schüler gerne zu verspotten oder andere Gemeinheiten auszuhecken. "Hörst du uns überhaupt zu?", fragte Lena, doch Katrins Blick blieb an Theo hängen, welcher einen Monolog über Mathematik begann. "Katrin ist nicht mehr die Selbe", meinte Lena zu ihrer Schwester. "Komm, lassen wir sie doch mit ihrem neuen Freund allein." Katrin wollte ihre Freundinnen zurückhalten, doch sie waren zu schnell weg. Sollten sie doch beleidigt sein, das war ihr in diesem Moment einerlei. Stattdessen näherte sich Katrin Theo, um seinen Monolog hören zu können. Sie verstand zwar überhaupt nichts von Mathematik, aber sie fand es bemerkenswert für einen zwölfjährigen Jungen, dass er solch komplexe Themen beherrschte. Es waren Themen, welche sie in der Schule noch gar nicht gelernt hatten. Robin und Tobias taten so, als wären sie interessiert, doch am Ende seines Vortrages lachten sie. "Hat euch mein Vortrag gefallen? Ja?" Ein Lächeln machte sich auf dem Gesicht des Jungen breit, und Katrin verspürte Wut in sich aufsteigen. Die Hilfsbereitschaft war wieder geweckt, und sie kam energischen Schrittes auf die Jungen zu. "Theo, die lachen dich nur aus", sagte sie. Der Junge wandte seinen Blick Katrin zu, jedoch ohne direkten Blickkontakt aufzunehmen. "Bist du dir sicher?", fragte er. Katrin nickte. "Komm mit", sagte sie und wollte ihn gerade an der Hand fassen, als ihr einfiel, dass nicht jeder Autist Körperkontakt mochte. Schnell zog sie die Hand wieder zurück und entfernte sich nur einige Schritte. Für einen Moment zögerte Theo, doch dann folgte er ihr.
Fortsetzung folgt





