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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Catarina (Catarina).
Veröffentlicht: 27.06.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Die Nachricht

Mariannes Bruder war plötzlich verstorben. „Plötzlich und unerwartet“ stand in der Todesanzeige der Lokalzeitung. Die übliche Floskel, wie der Schlusssatz „in tiefer Trauer“. Marianne schnitt die Anzeige vorsichtig aus und spulte, im Gedanken, den Film ihrer Erinnerungen zurück. Zurück in ihre Kindheit und Jugend und stellte dabei fest, dass es nur wenige Sequenzen gab, in denen sie zusammen mit ihrem Bruder vorkam. Wer war er? Wie war er? Er war anders – mehr konnte sie nicht sagen.
Als nächste Angehörige sollte Marianne heute seine Wohnung auflösen. Es widerstrebte ihr. Was würde sie wohl alles finden? Was erfahren? Wollte sie das überhaupt? Fragen über Fragen.

Sie startete im Wohnzimmer und öffnete die Schublade einer alten Kommode. Mit jedem Zentimeter, den sie die Schublade weiter öffnete, wurde der modrige, staubige Geruch, der ihr entgegenkam, intensiver. Staubig und modrig, wie ihre Erinnerungen.

Zwischen alten Quittungen, einem zerbrochenen Kugelschreiber und einem zerknitterten Rätselheft lag ein Handy – sein Handy. Das Display gesprungen, die Hülle abgegriffen.

Marianne hielt es einen Moment lang in der Hand, als wäre es ein Lebewesen, das jederzeit zucken oder mit ihr sprechen könnte. Ihre zittrigen Finger strichen über die Tastatur und drückten auf „On“. Der Akku reichte gerade noch für ein mattes Aufleuchten und ein leises Vibrieren, als hätte sich das Gerät erschrocken, wieder berührt zu werden.

Und genauso erschrocken war Marianne, als sie fünf Nachrichten entdeckte – alle an sie adressiert und alle nie abgeschickt.

Die erste war kurz. Eine Entschuldigung, wie ein Versehen. „Tut mir leid wegen damals.“ Kein Kontext. Nur ein Satz, der in seiner Kürze mehr über ihre gemeinsame Sprachlosigkeit sagte als jedes Gespräch.

Die zweite war länger. Ein Versuch, etwas zu erklären, was längst zu spät war. Zwischen den Zeilen stand mehr Schweigen als Worte.

Die dritte brach mitten im Satz ab. „Ich wollte dir noch sagen, dass ich—“ Mehr nicht. Sie starrte auf das abgebrochene Wort wie auf eine offene Wunde.

Die vierte war eigentlich banal. „Wie geht es Dir? “ Ein Satz, der früher harmlos gewesen wäre. Jetzt brannte er. Er brannte in ihren Augen – oder waren es die Tränen?

Und dann die fünfte, die letzte. Sie öffnete sie und las: Nichts. Ein leerer Bildschirm, ein blinkender Cursor, erwiderten Mariannes Blick. Mehr nicht.
Sie saß lange da, das Handy in der Hand, das Licht des Displays auf ihrem Gesicht. Es gab keinen großen Zusammenbruch, keinen dramatischen Moment. Nur dieses leise, schwere Begreifen: Manchmal ist das Schlimmste nicht das, was gesagt wurde, sondern das, was nie gesagt werden konnte.

Das Display erlosch, und mit ihm der letzte Rest eines Gesprächs, das nie stattgefunden hatte. Sie hielt das Handy an ihre Brust, als wollte sie die Worte wiederbeleben. Die Stille im Raum war nicht feindlich, nur alt und staubig. Und sie begriff: Manche Abschiede bestehen nicht aus Tränen, sondern aus einem einzigen, schweren Atemzug, der sagt: „Ich hätte dich gern verstanden.“

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Butterblume am 27.06.2026:
Kommentar gern gelesen.
Liebe Catarina,
dieser Text( Geschichte)
ist sehr berührend.

Eine starke Botschaft.

Beste Grüße
Butterblume

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