Veröffentlicht: 03.07.2026. Rubrik: Spannung
Innerliche Ketten
Francis schaute sich um. Er wusste, dass der Raum unwirklich sein musste. Dass er nicht existierten konnte. Oder, falls es ihn doch geben sollte, dann als bloßes Produkt seiner Fantasie. Obwohl Fantasie im Zusammenhang mit diesem Gemäuer wahrscheinlich der falsche Begriff war. Eher ließ er sich in einem Albtraum verorten. In einem der übelsten Sorte.
Die Mauern, die Decke und der Boden schienen aus Beton gegossen zu sein. Vielleicht befand er sich aber auch in einer Höhle, die vor langer Zeit von elenden Geschöpfen, also solchen wie ihm, aus dem Fels gemeißelt worden war? Natürlich nicht freiwillig, sondern als Strafe. Als doppelte Strafe. Für die noch Lebenden als Kerker. Für die zugrunde Gegangenen als Grab.
Francis fühlte sich zwar hilflos und ermattet, aber noch lebte er. Demnach bedeutet das Hiersein für ihn den Aufenthalt in einem Verlies. Ein Für-Immer-Weggesperrt-Sein. Schließlich würde keine Macht der Welt Ressourcen damit verschwenden, jemanden in ein solches Loch zu pferchen, um ihn irgendwann einmal wieder daraus hervorzuholen.
Um ihm die Endgültigkeit dieses Ortes unmissverständlich vor Augen zu führen, hatte man ihm zusätzlich Ketten angelegt. Keine, die seinen Körper umschlangen oder die an Schellen endeten, die um ihn herumgeschmiedet worden waren. Nein! Die Glieder der rostigen Fesseln wuchsen aus ihm heraus. Ihr Ursprung lag tief in seinem Inneren und sie endeten festverankert in den Wänden des Verlieses.
Eine weitere Besonderheit dieser Albtraumoase fiel ihm erst jetzt auf, nachdem seine neugierigen Augen ihre 360-Grad-Reise beendet hatten. Es fehlte die Möglichkeit hinein- oder hinauszukommen. Es gab keine Tür. Nicht einmal ein Loch, durch das man sich hindurchzwängen konnte, vermochte er zu entdecken. Zuerst schockierte ihn diese Erkenntnis, doch dann beruhigte sie ihn, ließ ihn sogar zuversichtlich werden, denn sie unterstrich noch einmal ganz deutlich, in welch surreale Situation er sich hineinfantasiert hatte.
Aus irgendeinem Grund war sein Verstand mit ihm auf Wanderschaft zu einem allegorischen Ziel gegangen, das sie auch erreicht zu haben schienen. Jetzt oblag es Francis, allein von dort zurückzukehren. Aber nicht mit leerem Inneren. Es musste eine Art Bestimmung sein, sich mit Erfahrungen zu wappnen, die ihm bisher fehlten, die er jedoch für das richtige Leben unbedingt brauchte, um dessen Unwägbarkeiten besser Paroli bieten zu können. Im Grunde genommen ging es auch um eine Befreiung von den Zwängen, die durch die Ketten symbolisiert wurden.
Die erste Kette, deren Sinn Francis durchschaute, lag wie eine Schlinge um seinem Gehirn. Sie lähmte sein Denken. Unterband manche Gedanken und brandmarkte sie als falsch und schädlich, obwohl sie richtig und logisch waren. Doch sie widersprachen dem Zeitgeist und trugen deshalb den Stempel „Tabu!“
Die zweite Kette blockierte seine Zunge. Verhinderte, dass er Worte aussprach, die dem Gehirn trotz dessen Blockade dennoch entschlüpften und einen Weg nach draußen suchten. Da dieser Weg nur über die Zunge führen konnte, war deren Fesselung nur folgerichtig.
Kette Nummer drei hinderte sein Herz am freien Schlagen. Es durfte sich nicht dem zuwenden, nach dem es sich sehnte, sondern wurde auf einen Pfad gezwungen, den andere ausgewählt und für zielführend erklärt hatten. Francis wünschte sich nichts sehnlicher, als diesen falschen Pfad endlich verlassen zu können.
Die vierte Kette zwang seine Muskeln zur Untätigkeit. Durch sie wurden seine Kräfte im Zaum gehalten, die sich aus purem Selbsterhaltungstrieb gegen jede Gängelung auflehnten und deshalb keineswegs entfesselt werden durften.
Francis war klar, dass es ausreichte, nur eine dieser Ketten zu sprengen, dass dadurch die Energie freigesetzt werden würde, sich auch der anderen zu entledigen. Doch welche sollte es sein?
Er entschied sich dafür, die Zunge zuerst zu befreien. Denn, wenn er sich wieder einer freien Sprache bedienen konnte, war es vielleicht möglich, mit seinen Worten Aufmerksamkeit zu erregen und Dinge in Gang zu setzen, die nur ein richtiges Wort als Anstoß dafür benötigten.
Er begann diesen Kampf mit der Zuversicht, ihn eines Tages erfolgreich zu Ende führen zu können. Wann das sein würde, wusste er nicht. Aber er war fest davon überzeugt, dass es Zeit wurde, endlich damit anzufangen.
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