Veröffentlicht: 05.07.2026. Rubrik: Aktionen
Die Freundschaft zu einem Wolf
Marc und seine Eltern lebten in der Nähe eines Waldes, welcher schon immer eine Faszination auf den Jungen ausgeübt hatte. "Geh niemals zu tief in den Wald", sagten seine Eltern, denn dort gab es ein Rudel böser Wölfe, so sagte man sich zumindest. Aber Marc wäre nicht er selbst, wenn er nicht trotzdem eines Tages tiefer in den Wald gegangen wäre, um seine kindliche Neugier zu stillen.
Noch vor dem Morgengrauen machte sich der Achtjährige mit einer Taschenlampe auf den Weg in den Wald. Trotz aller Warnungen verspürte er keinerlei Angst, sondern ging immer tiefer in den Wald hinein. Er musste sich beeilen, denn bald würde die Sonne aufgehen, und wenn seine Mutter ihn dann nicht in seinem Zimmer fand, würde dies ein gewaltiges Donnerwetter nach sich ziehen. Marc wusste nicht mehr, wie lange er bereits gegangen war, da hörte er ein vielstimmiges Heulen ganz in der Nähe. Sein Herz begann zu rasen, jedoch nicht aus Angst, sondern aus freudiger Erregung. Bald würde er die Wölfe mit eigenen Augen sehen. Dennoch versteckte er sich zur Sicherheit hinter einem Baum, denn ein wenig Vorsicht konnte nie schaden. Dann wartete er gespannt.
Freude überkam Marc, als er Schritte von Tieren hörte, welche schnell näher kamen. Er lugte hinter seinem Versteck hervor, und ihm wurde nun doch etwas mulmig. Sage und schreibe zwölf Wölfe näherten sich seinem Versteck in einer Reihe. Ihre Blicke wanderten suchend über den Boden, als witterten sie etwas. "Lass es nur irgendein anderes Waldtier sein, welches sie fressen wollen", flehte Marc in Gedanken. Plötzlich trat ein Wolf aus der Gruppe heraus und ging zielstrebig auf den Baum zu. Marcs Herz setzte vor Angst einen Schlag aus, und in diesem Moment wünschte er sich, nicht so neugierig gewesen zu sein. Da hörte er eine tiefe Stimme, welche zu ihm sprach. "Hab keine Angst, mein kleiner Freund. Ich habe lange schon auf dich gewartet. Mein Name ist Akiro, und ich habe dich Ausgewählt, mein Gefährte zu werden." Marc konnte kaum glauben, was der Wolf sagte. Er sollte sein Gefährte werden? "Wir könnten viele Abenteuer miteinander erleben, wenn du Ja sagst", fuhr Akiro fort. Marc war hin und hergerissen. Eigentlich wollte er nicht von seinen Eltern weg, andererseits wollte er Abenteuer erleben.
Plötzlich hörte er ein Knurren und sah, dass die anderen elf Wölfe sich in Kampfhaltung auf ihn zubewegten. "Schnell", sagte Akiro. "Steig auf meinen Rücken. Die anderen Wölfe sind böse." Marc überlegte nicht lange und setzte sich auf den Rücken. So schnell ihn die Beine trugen, rannte der Wolf durch den Wald, dicht gefolgt von seinen alten Kameraden. "Warum sind sie so böse?", fragte Marc seinen neuen Freund. "Weil ich mich von ihnen abgewandt habe", erklärte dieser. Die Jagd ging immer weiter, denn die Wölfe wollten nicht aufgeben. Mordlust war in ihrem Blick zu erkennen, und sie starrten Marc gierig an. Ängstlich krallte sich der Junge an Akiros Rücken fest und wandte seinen Blick ab.
Nach einer Ewigkeit hatten sie ihre Verfolger endlich abgeschüttelt und blieben stehen. "Wie kommt es eigentlich, dass du mit mir sprechen kannst", fragte der Junge seinen Begleiter. "Weil du mein Auserwählter bist. Das wurde schon vor deiner Geburt bestimmt. Deine Eltern wussten das genau, deshalb haben sie dir verboten, in den Wald zu gehen. Du wirst eines Tages fähig sein, dich ebenfalls in einen Wolf zu verwandeln, wenn wir die Verbindung eingehen."
Plötzlich hatte Marc keine Zweifel mehr. Es fühlte sich an, als wäre er nun endlich angekommen. Obwohl er seine Familie liebte, hatte er stets das Gefühl gehabt, dass noch irgendetwas fehlte. Es war nichts Greifbares, eher wie ein einzelnes Puzzleteil, welches er immer wieder gesucht hatte. Also nickte er, ohne noch einmal darüber nachzudenken, und da spürte er einen leichten Schmerz an seiner Hand. Akiro hatte ihn gebissen, und Marc sah ihn vorwurfsvoll an. Blut kam aus der kleinen Bisswunde, welches der Wolf aufleckte. Sofort schloss sich die Wunde wieder, und nur ein Mal in Form eines Wolfes blieb zurück. "Jetzt musst du auch mein Blut trinken", erklärte der Wolf und kratzte sich mit einer Kralle, sodass ein wenig Blut aus einer Wunde lief. Marc überwand seinen Ekel und nahm das Blut in sich auf.
In dem Moment, als er den letzten Schluck getrunken hatte, spürte er eine Kraft. Es waren Wolfsinstinkte, welche er nun in sich spürte, und plötzlich fühlte er sich unbesiegbar. "Lass uns nun zu meiner Behausung gehen. Ich besitze eine Höhle in einem anderen Wald, die niemand kennt und wo ich bisher nur selten war, seit ich mich dann doch einem Rudel angeschlossen hatte. Ich habe mich nur deshalb dem Rudel angeschlossen, um in deine Nähe zu gelangen, denn ganz genau wusste ich nicht, wo du lebst." Wieder setzte sich Marc auf Akiros Rücken, und der Wolf lief davon.
Das Knacken von Zweigen, begleitet von lautem Knurren, unterbrach die Stille, und Marc schreckte hoch. Gerade hatte er noch tief auf dem Rücken seines Freundes geschlafen, doch jetzt war er hellwach. Seine Instinkte reagierten schneller, als es seine Gedanken vermochten, und er sondierte die Lage. Ein Knurren entwich Akiro, als er die elf Wölfe seines ehemaligen Rudels erblickte. Scheinbar hatten diese sich nur versteckt und auf den besten Moment gewartet, erneut zuzuschlagen. Sie formierten sich in einem Kreis, und bevor Akiro davonlaufen konnte, hatten sie ihn umzingelt. Akiro benutzte seine Krallen zum Kampf. Marc sprang kurz vom Rücken seines Freundes, um sich einen von einem Baum hängenden, scharfen Ast zu holen, bevor er wieder auf Akiros Rücken landete. Stehend fuhr er herum und schlug dem ersten Angreifer auf der rechten Seite den Ast so heftig auf den Kopf, dass dieser zu Boden ging. Ein weiterer Wolf tauchte von rechts auf, doch Marc war schneller und schlitzte dem Gegner mit seinem Ast den Bauch auf.
"Ich kann nicht mehr lange kämpfen", meldete sich Akiro zu Wort, und der Junge drehte sich um. Gleich drei Wölfe attackierten seinen Freund von vorne, und er war bereits verletzt worden. Von links schlich sich einer der Wölfe an, das Maul weit geöffnet und seinen Blick auf Akiros Hals gerichtet. Das durfte nicht geschehen! Aber wie sollte Marc es verhindern? Eine Welle der Kraft schoss plötzlich durch seinen Körper, und er sprang den hinterlistigen Wolf an. Bevor dieser Akiros Hals erreichen konnte, hatte ihn Marc bereits mit seinem Ast getötet. Er sah sich um und erkannte, dass noch vier Wölfe übrig waren, welche sich jetzt zu einer Reihe formierten, bereit, den letzten Sturmangriff zu vollführen.
Auf einmal passierte etwas mit Marcs Körper. Zuerst konnte der Junge es nicht einordnen, doch bald traf ihn die Erkenntnis. Sein ganzer Körper hatte sich innerhalb von Sekunden verändert, und ihm war ein dichtes Fell gewachsen. Akiro sah erstaunt zu dem Wolfsjungen hinab, welcher sich nun laut knurrend auf die übrigen Gegner stürzte. Diese erkannten die Gefahr und wollten Reißaus nehmen, doch Marc kannte keine Gnade, bis der letzte Wolf tot vor ihm lag. Als der Kampf beendet war, verwandelte er sich wieder in einen Jungen zurück und blickte an sich hinunter. Seine Kleidung, welche vorher noch so geordnet saß, hing ihm nun in Fetzen vom Körper. "Du bist besser, als ich dachte", sagte Akiro. "Du hast dich bereits jetzt verwandelt!" Marc nickte und kletterte wieder auf dessen Rücken.
Die Sonne war bereits untergegangen, als sie endlich an einer großen Höhle eintrafen. "Das ist meine Wohnhöhle", verkündete der Wolf, und Marc stieg von seinem Rücken. Bevor sie jedoch die Höhle betraten, sammelten sie noch Früchte, damit Marc noch etwas zu Essen hatte. Der Wolf selbst hatte auf dem Weg noch einige Waldtiere für sich selbst gejagt. Nach dem Essen gähnte der Junge, und sein Freund nahm ihn vorsichtig in die Pranken, darauf Bedacht, ihm nicht weh zu tun. Marc kuschelte sich an das weiche Fell seines Freundes und schlief glücklich ein. Er war sich nun sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und freute sich auf weitere Abenteuer mit Akiro.
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