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geschrieben 2026 von Rosé (Rosé_schreibt).
Veröffentlicht: 10.07.2026. Rubrik: Lyrisches


Wo Gedanken Räume bauen

Mein Kopf ist ein Haus
Manche Räume groß manche klein
Die einen dreckig die anderen rein
Und jeder, der hineinkommt, kommt nicht mehr raus.

Mein Haus hat viele Räume
und jede woche kommt ein neuer dazu
niemand weiß wo welcher sich befindet
Es kommt auch vor, dass einer verschwindet.

In jedem Raum kleben bunte Post-its
Große, kleine, alte, neue,
Jeder hat etwas was ich bloß nicht vergessen darf,
Die Geburtstage aller Personen, die ich traf.
Abertausende Gesichter, die ich nicht vergessen darf.

Kommt man hinein sieht man
Ein Raum am Ende des ganges,
eine Rennbahn
Gedanken drehen ihre Runden
Auf und ab
Auf und ab
Formeln, Vokabeln und Zahlen laufen dort im Trapp

Ein Mänchen mit einem Mülleimer rennt die Gänge und Treppen entlang
Wirft alles hinein was es findet
Und ich kann nicht anders als hinzusehen
Während alles darin verschwindet

Auf dem Weg durch die Gänge steht
An jeder Ecke ein Schrank
Und jeder ist voll bis zum Rand
Doch die Beschriftungen sind falsch
Englisch in Mathe
Musik in Latein

Bei der knarzenden Kellertreppe liegt ein Raum, in dem sind nur Fäden
keiner davon ist gleich
Und zieht man an einem
Kommen fünf hinterher

Im Haus ist's laut, geschäftig
Türen knallen, Schritte hallen,
Einer singt laut ein Lied
Einer darin ist Goldschmied
Und einer, der ist Schriftsteller


Mein Haus ist eine Baustelle, in jedem Stockwerk kann man eine sehen
Überall werden neue Räume gebaut
Räume mit neuem wissen,
Räume mit neuen erinnerungen

Zwei Wendeltreppen hinunter:
Dort liegt ein Heimkino
In dem laufen Filme, die nie passiert sind
und Filme, die ich gerne vergessen würde
Und manche laufen immer wieder
Wie Narben, die nie richtig verblassen werden.

Noch tiefer hinunter
In meinem Keller, unter dem Heimkino sind verstaubte Akten
Dort riecht es nach altem Papier und Staub
Antikes Wissen aus längst vergessener zeit
Wissen wie man liest, die Schuhe bindet oder teilt
Wissen das man nicht mehr braucht, wissen das man ohnehin schon weiß

Mein Haus hat viele Farben, in jedem Gang kann man eine neue sehen
Manche Räume grell andere blass,
Die einen platzend voll mit Ideen
Die anderen kurz vorm verschwinden

Mein Garten riecht nach Erde und ist voller Löcher,
Tiefe, niedrige, lange, kurze
Dort vergrabe ich meine Geheimnisse
auf einigen wachsen bereits Blumen
Und vielleicht überwuchern sie eines Tages alles.

Im hinterletzten Eck, dort wo sich kaum einer befindet, liegt ein unscheinbarer Raum,
Er ist weiß und leer
Keine türen knallen, keine Schritte hallen
Licht scheint durch ein großes Fenster
Und für diesen Moment ist es still.

Unterm Dach liegt ein Gerichtssaal
Der strengste Richter sitzt dort
Er urteilt über jeden Gedanken, jedes Wort, jedes Kleidungsstück und Körperteil
Und das schlimmste:
er sieht aus wie ich

Mein Haus hat viele Bilder, jedes Zimmer hat mindestens drei
Gemälde und Fotos
Von Menschen, die ich kaum mehr kenn
Orten an denen ich nie war
Und ich vermutlich niemals sein werde

Neben der abgenutzten Treppe die ins nichts führt steht ein Spiegellabyrinth
Egal wo ich Hinsehen,
seh ich mich
In allen Formen die ich mir nur erdenken kann, klein, dick, sportlich und groß
Alle Formen die ich nie sein werde

In meinem Haus wohnt ein Kind
Es möchte spielen und Freude haben,
Einen lila Federhut und orangenen Raben
Und für einen Moment stoppt alles
Es versteckt sich oft und man sieht es nicht
Doch egal wie selten man's sieht,
Mich sieht's immer

Mein Haus hat einen Schornstein
Es raucht und qualmt immerzu
Niemals gibt er seine Ruh
Denn die leisen Gedanken steigen rauchig nach oben und verschwinden

Ein abgelegener Raum ist schwarz und keiner geht hinein
Er ist leer und das Licht geht nie an
und auch die Wände sind kalt
Als wäre alles positive herausgesaugt worden
es ist die behausung des Pessimisten
doch ganz leer ist es nicht, denn dort stehen lauter Kisten
Ich spüre ein Ziehen im Magen:
Hier will ich lieber nicht sein

Auf einer tür steht “Achtung Gefahr” und ein Totenkopf,
die tür ist abgeschlossen,
Das Zeichen hab ich selber angebracht,
Denn niemand soll den Inhalt kennen,
Auch ich trau mich nicht hinein
Ich trau mich nicht weil ich weiß was darin liegt

Mein Kopf ist ein Haus
Und manchmal frag ich mich ob ich's besitze
Oder nur ein Bewohner bin der sich verlaufen hat und den Ausgang nicht mehr findet

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