Veröffentlicht: 14.07.2026. Rubrik: Aktionen
Bobby
Ich war sechs Jahre alt, als meine Mutter an Gelbsucht erkrankte. Damit sie sich erholen konnte, verbrachte ich sechs Wochen bei meinen Grosseltern auf ihrem Bauernhof. Den Kindergarten durfte ich in dieser Zeit ausnahmsweise aussetzen.
Für mich war das ein kleines Paradies.
Da war Bobby, der Hofhund. Vom ersten Tag an waren wir unzertrennlich. Gemeinsam streiften wir über Wiesen und Felder, erkundeten Waldwege, den Bach und verlassene Gebäude. Jeden Morgen wartete schon das nächste Abenteuer auf uns.
Heimweh kannte ich damals nicht. Eigentlich kenne ich es bis heute nicht. Ich freue mich, wenn ich nach Hause komme, aber solange ich unterwegs bin, bin ich ganz im Hier und Jetzt.
Nach sechs Wochen holte mich mein Vater wieder ab. Ich freute mich auf zuhause. Für mich war es das Ende eines schönen Abenteuers.
Jahre später erzählte mir meine Grossmutter etwas, das sie mir als Kind wohl nicht hatte sagen wollen.
Bobby habe mich überall gesucht. Er sei über den Hof gelaufen, habe an den gewohnten Orten nach mir Ausschau gehalten und immer wieder gewartet. Als er begriffen habe, dass ich nicht mehr zurückkam, habe er sich tagelang im Schweinestall versteckt.
Dieser Satz traf mich erst viele Jahre später mit voller Wucht.
Für mich waren es sechs unbeschwerte Wochen gewesen. Für Bobby war ich offenbar mehr als nur ein Feriengast.
Fünfzig Jahre sind vergangen. Doch wenn ich an Bobby denke, spüre ich noch immer einen Stich im Herzen.
Manchmal frage ich mich, wie viele Abschiede für den einen selbstverständlich sind, während sie für den anderen die ganze Welt verändern.
7x



