Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
hab ich gern gelesen
geschrieben von Marianne Lubos.
Veröffentlicht: 18.07.2026. Rubrik: Unsortiert


Lapunzel

Lapunzel
Da war es wieder, dieses Gefühl der Unzufriedenheit beim Betrachten ihres Spiegelbildes.
In den letzten Jahren waren ihre Haare immer dünner geworden – nicht nur auf dem Kopf. Rosis Gedanken schlugen Purzelbäume. Untenherum spielte das vermutlich keine Rolle mehr, schließlich war es „cool“, rasiert zu sein. Trotzdem empfand sie es als unangemessen, wie ein Baby auszusehen.
Rosi hatte in den letzten Jahren kaum Verlangen verspürt, „nur zu dem einen Zweck“ nach Männern Ausschau zu halten. Ihr genügte die geistige Ebene. Wenn es dann doch zu nächtlichen Treffen kam, fanden im Bett eher Buchbesprechungen statt: Er las vor, sie schlief.
„Sie haben echt ein Händchen für einschläfernde Passagen“, murmelte sie einmal, als er die Biografie eines Kartoffelbauern vorlas. Vor zehn Jahren verabredete sie sich mit einem Mann, der betonte, im höheren Dienst tätig zu sein. „Höher“ war wohl eher ein Synonym für „12. Etage“. Sie trafen sich in einem Restaurant, und als er auf sie zukam, war sie erstaunt: Die Person auf dem Foto hatte nichts mit dem Mann gemein, wahrscheinlich hatte er mehrere Filter benutzt. Es war zu spät, um zu fliehen.
„Hallo, ich bin Horst. Teilen wir uns anschließend die Rechnung?“ Alles klar, dachte Rosi, das passt zu Horst. Aus seiner Aktentasche breitete er eine lilafarbene Bewerbungsmappe aus. Darin befanden sich, ordentlich in Klarsichtfolien sortiert: ein aktuelles Röntgenbild seiner Prostata, die neuesten Blutwerte und die letzte Gehaltsabrechnung. Durch seine Hornbrille schaute er sie erwartungsvoll an.
„Na, Sie sind sicher auch so aufgeregt wie ich?“
Als er ein Blutdruckmessgerät an ihren Arm legen wollte, verließ sie fluchtartig die Lokalität.
Es schlich sich eine gewisse Unzufriedenheit bei ihr ein. Ihre Stirnfalten bildeten tiefe Furchen, in denen sich immer öfter winzige Krümel ablagerten – wahrscheinlich Überbleibsel der morgendlichen Kekse.
„Soll es das gewesen sein?“, fragte sie sich.
Der Vergrößerungsspiegel, ein Geschenk einer Freundin, förderte die Wahrheit ans Licht. Ihr Tag war gelaufen. Mit der Lupe inspizierte sie sogar ihren Hinterkopf. Was war das? Kein Heiligenschein. Nein, es war eine kahle, runde Stelle. Nun stand für sie fest: Sollte zufällig irgendwann ein Date zustande kommen, darf der Mann nicht größer sein als sie. Die sexuelle Stellung von hinten würde sowieso ausfallen.
Da erinnerte sie sich an die Geschichte Lapunzel einer jungen Frau, die sich eine Haarverlängerung machen ließ. Ihr „heißer Typ“ hatte sich an ihrem Zopf hoch gehangelt – und sie waren heute noch zusammen. Das wollte sie auch.
In Prenzlauer Berg fand sie den passenden Salon. Über dem Eingang prangte: „Ihre Haarverlängerung aus Naturhaar von gesunden…“ – schade, dass der Satz nicht zu Ende ging. Mutig betrat sie den Salon. Beeindruckende Fotos hingen an den Wänden: Gesichter umrahmt von lockigen Mähnen. Hier war sie richtig! Das Personal musterte sie wie in „Pretty Woman“. Auf einen freien Stuhl ließ sie sich fallen, lächelte selbstbewusst – und bemerkte, dass die Angestellte sichtlich genervt war. Eine Frau mit Konfektionsgröße 32, langen Wimpern, vollen Lippen und einem Haar, das in schwarz glänzenden Wellen auf den Boden fiel, fragte mit der Stimme einer Operndiva:
„Kann ich Ihnen helfen?“
Etwas unsicher antwortete Rosi:
„Ich bin Rosi. Kann ich einen Schnaps bekommen?“
„Nein“, kam die prompte Antwort. „Einen Yogi-Tee können Sie haben.“
Rosi nickte. „Okay, Tee. Aber bitte ohne Vorlesung über Himalaya-Berge.“ Die Angestellte setzte sich, musterte sie von oben bis unten und runzelte die Stirn.
„Möchten Sie wirklich nur eine Haarverlängerung?“
Rosi beugte sich vor und flüsterte:
„Kennen Sie Lapunzel? Ich möchte, dass mein Zukünftiger sich an meinem Haar hochziehen kann, wenn ich von meinem Balkon hinunterschaue.“
„In welchem Stock wohnen Sie denn?“
„Spielt das eine Rolle?“
Die Servicemitarbeiterin zeigte ihr eine PowerPoint mit Beispielen für Haarverlängerungen: links Tiermähnen, rechts das Ergebnis auf dem Kopf der Frauen. Eine Löwenmähne auf einer älteren Dame faszinierte Rosi besonders – und ihre Schneidezähne vervollständigten das Bild wie von Zauberhand. Rosi blätterte mehrere Stunden in der Mappe und entschied sich schließlich für das Faultier-Fell: weich, flauschig und gemütlich.
„Perfekt“, murmelte sie. Endlich ging es los. Die Prozedur dauerte Stunden, es roch nach verbranntem Fell, und Rosi überlegte kurz, ob Faultiere wohl auch brennen würden.
Auch Monate später hatte sie es nie bereut. Oft hängt sie auf Spielplätzen an Stangen, ihre Mähne wallend um sie herabfallend. Es passiert schon mal im Bus, dass lose Haarsträhnen in den Haltegriffen hängen bleiben. Tragisch allerdings war die Fahrt mit der Rolltreppe, sie blockierte das gesamte Förderband.
Durch die Ruhe dieses wunderbaren Tieres wurde sie im Alltag gelassener – ob im Stau, in der Postschlange oder bei langweiligen Telefonaten mit der Mutter. Egal wann, Geist und Körper waren entspannt. Seitdem schläft sie 20 Stunden am Tag.
Ihre letzte Beziehung verlief weniger optimal, da sie beim Sex lange brauchte – zehn Stunden Vorspiel und anschließend hangelte sie sich an der Gardinenstange hoch, um den Höhepunkt zu erreichen. Ihr Partner zeigte kein Verständnis. Tja, so ticken Männer eben: keine Fantasie, keine Geduld!
Inzwischen geht Rosi oft in den Zoo. Bei den Faultieren fühlt sie sich am wohlsten. Und sie ist Vegetarierin geworden – zu ihrer eigenen Überraschung.

counterhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Mehr von Marianne Lubos:

Ein neues Schlafzimmer muss her!
Dialog mit meinem inneren Ich
Dialog mit meineme inneren Ich
Orientierungssin, was ist das?
Bin ich eine Sammlerin oder Jägerin