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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2019 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 30.09.2019. Rubrik: Menschliches


Antjes Trick

Noch gibt es in Europa rund 200 Sprachen, doch viele davon sind gefährdet oder schon im Aussterben begriffen. Das gilt auch für das Nord- und das Saterfriesische in Deutschland. Ersteres ist in Schleswig-Holstein beheimatet, letzteres in Niedersachsen.

Die junge Lehrerin Antje lebte in einem norddeutschen Ort, dessen Bevölkerung noch um 1900 herum fast ausschließlich friesischsprachig gewesen war. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde Friesisch dort nur noch von über 90-Jährigen gesprochen.

Auch Antje war keine Muttersprachlerin, aber sie hatte außer Deutsch und Englisch auch Friesisch studiert und wollte den Rückgang der Sprache stoppen. Die Schule, an der sie eine Anstellung fand, bot freiwillige Friesischstunden an, die so wenig gefragt waren, dass sie bei Antjes Dienstantritt gerade abgeschafft werden sollten. „Nein!“, protestierte sie. „Ich werde den Unterricht so gestalten, dass alle begeistert sein werden! Ich habe einen Trick!“

Um es kurz zu machen: Nur zehn Jahre später war Friesisch nicht nur bei den Schülern (m/w/d), sondern im ganzen Ort gegenwärtig, und außerdem hatte sich das Zusammenleben zwischen Jung und Alt positiv verändert. Alle Regionen Europas, in denen ebenfalls Sprachen ums Überleben kämpfen, wurden auf Antje aufmerksam und wollten wissen, wie sie dieses Wunder vollbracht hatte.

Auf einem Kongress für bedrohte Sprachen, der in der Bretagne abgehalten wurde, erläuterte sie grinsend: „Zuerst habe ich die Kids gefragt: ‚Wollt ihr nicht mal eine Geheimsprache lernen? Die kaum jemand versteht?‘ Das fanden die irre cool. Als alle dann prima Friesisch sprachen, kam Stufe Zwei.“

Antje hielt kurz inne und fuhr dann fort, während alle gebannt lauschten:

„Immer mehr Eltern kamen zu mir und beschwerten sich, weil ich ihren Süßen eine Geheimsprache beigebracht hatte. ‚Dann müssen Sie sie auch uns beibringen! Wir müssen doch wissen, was die Kinder tun und treiben!‘ Ich antwortete dann immer: ‚Selber beibringen kann ich Ihnen das Friesische nicht. Erstens hätte ich keine Zeit, und zweitens wäre das den Kids gegenüber doch irgendwie unfair. Aber es gibt hier noch etliche Senioren, die Friesisch sogar als Muttersprache sprechen, im Gegensatz zu mir. Besuchen Sie doch mal wieder Ihre alten Verwandten! Oder fragen Sie im Seniorenheim nach, ob jemand Ihnen beim Lernen helfen könnte.‘ Tja – und so nahm die Entwicklung ihren Lauf.“

Tosender Beifall brandete auf. Als er verklungen war, fragte ein Journalist die trickreiche Lehrerin: „Aber waren die Schulkinder denn nicht sauer, als ihre Geheimsprache nicht mehr geheim war?“

Antje lachte laut. „Zuerst schon! Aber zum Glück wechselten viele auf ein Gymnasium, an dem mein Mann Latein unterrichtet. Auch dieses Fach war anfangs unbeliebt. Da hat er Latein einfach zur neuen Geheimsprache erklärt…“

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Weißehex am 04.10.2019:

Ich finde es enorm spannend, was man durch deine Geschichten über Sprachen lernen kann, und unterhaltsam und lustig sind sie noch dazu! Ich freue mich immer, wenn ich eine neue Geschichte von dir entdecke.




geschrieben von Christine Todsen am 04.10.2019:

Vielen Dank! Auf Seeltersk (Saterfriesisch): „Fuul Tonk!“ Auf Halunder (Nordfriesisch der Insel Helgoland – es gibt mehrere Dialekte des Nordfriesischen): „Feln Dank!“




geschrieben von Ludwig Schimmel am 09.11.2019:

Die Geschichte ist sehr lustig und lehrreich, warst Du die Lehrerin ?




geschrieben von Christine Todsen am 11.11.2019:

Vielen Dank! - Nein, die Geschichte ist frei erfunden :-)

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