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geschrieben 2026 von Ansgar Kummerfeld (Ansgar Kummerfeld).
Veröffentlicht: 03.08.2026. Rubrik: Grusel und Horror


Die Abkürzung

Es war ein kalter, dunkler Novembernachmittag.
Der Tag war gar nicht richtig hell geworden. Dichter Nebel lag über der kleinen Stadt und schien sich im Park zwischen den kahlen Bäumen besonders hartnäckig zu halten.
Die feuchte Kälte schien selbst durch die dicksten Wintersachen zu kriechen und drang durch Aarons Jacke.
Nach der Schule hatte Aaron sich mit Felix zum Spielen verabredet. Mit elf Jahren fühlte er sich schon zu groß, um wegen der Dunkelheit Angst zu haben.
Es hätte ein ganz normaler Nachmittag werden sollen. Stattdessen war er in einem heftigen Streit geendet. Nun war Aaron auf dem Heimweg.
Wütend.
Enttäuscht.
Und mit dem unguten Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein.
Es war erst fünf Uhr nachmittags. Trotzdem war es bereits stockdunkel.
In seinem Bauch rumorte noch immer die Wut über Felix. Am meisten ärgerte ihn, dass Felix' Mutter ihn einfach nach Hause geschickt hatte – als wäre allein er an dem Streit schuld gewesen.
Aaron fröstelte.
Und das nicht nur vor Kälte.
Um den Weg abzukürzen, beschloss er durch den Park zu gehen.
Einige der Laternen waren dunkel. Jugendliche hatten sich am Abend zuvor einen Spaß daraus gemacht, sie auszutreten, sodass ein großer Teil des Weges unbeleuchtet vor ihm lag.
Er blieb auf dem Hauptweg, so wie seine Mutter es ihm immer eingeschärft hatte. Doch durch den dichten Nebel konnte er kaum zwei Meter weit sehen. Er wünschte, er hätte eine Taschenlampe dabei.
Ohne den Streit wäre er auf der beleuchteten Straße geblieben. Jetzt wollte er nur noch so schnell wie möglich nach Hause. Der Weg durch den Park war eine gute Abkürzung.
Langsam bewegte er sich durch den Park, der heute fremd und bedrohlich wirkte.
Die Äste der alten Bäume knarrten. Nasses Laub raschelte im Wind.
Eine Krähe flatterte durch die kahlen Äste. Sie stieß einen heiseren Schrei aus. Aaron fuhr zusammen.
„Mistviecher“, brummte er.
Sein Herz schlug schneller.
Die Bäume wirkten im Nebel größer. Unförmiger. Fast gespenstisch. Es schien, als beugten sie sich zu ihm herab.
Aaron setzte seinen Weg fort.
Plötzlich spürte er Wasser unter seinen Schuhen. Er blieb erschrocken stehen.
Vor ihm hatte sich in einer flachen Senke Regenwasser gesammelt. Er war unbemerkt vom Hauptweg abgekommen.
„Sumpfloch“, hatte sein Bruder die Stelle früher immer genannt. Aaron wusste natürlich, dass das Unsinn war. Trotzdem gefiel ihm der Gedanke in diesem Moment überhaupt nicht.
Hastig machte er zwei Schritte zurück. Erst dann erkannte er den Sandweg wieder und folgte ihm weiter.
Nur noch um diese Kurve, dachte er.
Durch die kahlen Äste schimmerte Licht. Hier hatten die Jugendlichen ihr Zerstörungswerk offenbar nicht fortgesetzt.
Aaron atmete auf. Der Lichtkegel spendete wenigstens etwas Trost.
Er dachte immer noch an den Streit mit Felix. Er zog die Nase hoch und wischte sie sich mit dem Handrücken ab. Aaron wusste schon gar nicht mehr, wer eigentlich angefangen hatte.
Im Gebüsch neben ihm raschelte es.
„Nur ein Tier“, dachte er.
Doch ganz sicher war er sich nicht mehr.
Er blickte sich um. In den Baumrinden glaubte er Gesichter zu erkennen. Einige schienen ihn höhnisch auszulachen, andere blickten grimmig auf ihn herab.
Der Wind bewegte die Zweige. Aaron stellte sich vor, wie die Bäume mit langen, dünnen Fingern nach ihm griffen. Einige Zweige streiften seinen Nacken. Er unterdrückte einen Schrei und schlug sie hektisch beiseite.
Endlich!
Die Laterne.
Er blieb im Licht der Laterne stehen und starrte in den Nebel. Der vertraute Park kam ihm plötzlich fremd vor.
Er sah sich um.
Ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Magen aus.
Er hörte ein merkwürdiges Geräusch.
Schnell und rhythmisch.
Ein Knirschen. Ein Schaben. Schritte?
„Vielleicht ist es …“
Aaron mochte den Gedanken nicht zu Ende denken.
Seine Neugier war stärker als die Angst. Hier irgendwo musste die große Rasenfläche sein. Im Sommer breiteten Familien dort ihre Picknickdecken aus, und Kinder tobten über die Wiese. Am Rand standen hohe Sträucher und dichte Büsche. Ein ideales Versteck.
Mit wenigen Schritten erreichte er den Rand der Wiese. Er hockte sich hinter einen immergrünen Busch und hielt den Atem an. Die Schritte kamen näher.
Aarons Herz raste. Er nahm den Geruch von feuchter Erde überdeutlich wahr. Normalerweise mochte er diesen Geruch nach Herbst. Doch heute stach er ihm in der Nase. Er bildete sich ein, der Geruch gehöre zu einem namenlosen und grausamen Wesen.
„Unsinn“, dachte Aaron.
„So etwas gibt es nicht!“
Doch der Gedanke hatte sich in ihm festgesetzt.
Die Schritte entfernten sich.
Aaron richtete sich auf und lugte hinter dem Busch hervor. Im Nebel erkannte er eine schemenhafte Gestalt. Sie bewegte sich leicht nach vorn gebeugt. Schnell und gleichmäßig.
Er erkannte die Bewegung und musste über sich selbst lachen.
„Ein Jogger!“
Nur jemand, der seine Runde durch den Park drehte.
Er blieb noch einen Moment hinter dem Busch. Das flaue Gefühl im Magen wollte nicht verschwinden.
Aaron schüttelte den Kopf und kehrte zum Hauptweg zurück.
Der Jogger war nach links abgebogen. Aaron wollte jetzt wirklich nur noch nach Hause und folgte dem Weg nach rechts.
Die nächste Laterne schien unendlich weit weg.
Er hörte einen unheimlichen Ruf.
„Kuwitt.“
Aaron zuckte zusammen und blickte in die kahlen Äste. Dort oben zwischen den Zweigen sah er zwei helle Punkte.
Er blinzelte.
Die Punkte waren verschwunden.
Alles blieb ruhig.
Aaron wollte weitergehen. Da ertönte der Ruf erneut.
„Kuwitt.“
Er fröstelte. Der Wind fuhr ihm kalt unter die Jacke.
Er ging weiter und versuchte, nicht auf die Geräusche um sich herum zu achten. Eine Nebelschwade zog an ihm vorbei. Hier und da knackten Äste. Aaron blickte sich um. Im Laub raschelte es. Seine eigenen Schritte kamen ihm ungewöhnlich laut und dumpf vor.
Sein Herz raste.
Am liebsten wäre er schneller gegangen.
Sein Atem ging stoßweise.
Schweiß bildete sich auf seiner Stirn.
Nur noch an dem Spielplatz vorbei und bis zu den Tennisplätzen, die wenige Meter entfernt lagen. Die beleuchtete Straße war nicht mehr weit.
Doch Aaron blieb abrupt stehen.
Die Parkbank.
Im dichten Nebel konnte er erkennen, dass etwas darauf lag.
Oder war es jemand?
„H-hallo?“, hauchte Aaron.
Seine Stimme war so leise, dass sie kaum bis zur Bank gelangt sein konnte.
Er räusperte sich.
„Hallo?“
Diesmal klang sie fester, zitterte aber noch.
Aber es kam keine Antwort.
Die Gestalt auf der Bank bewegte sich nicht.
„Ein Toter“, dachte Aaron zusammenhanglos.
Ihm stellten sich die Nackenhaare auf.
Etwas, das wie ein Kopf aussah, lag am einen Ende der Bank. Ein eingedrückter Kopf.
Ihm wurde übel.
Der Körper wirkte merkwürdig flach und die Beine unnatürlich verdreht.
Aaron zögerte.
Er schluckte hörbar, wagte dann aber doch einen Schritt näher.
„Hallo, Sie!“
Immer noch keine Antwort.
Wenn er auf die Straße wollte, musste er an der Bank vorbei.
Von irgendwo jenseits des Parks drang Hundegebell zu ihm herüber. Das Geräusch ließ Aaron heftig zusammenzucken.
Das Herz hämmerte in seiner Brust.
Er drehte den Kopf zur Seite und kniff die Augen zusammen.
Nur noch ein Schritt näher.
Ein Windhauch berührte sein Gesicht.
Aaron riss die Augen wieder auf.
Er sah zur Bank.
Ein Arm rutschte schlaff von der Sitzfläche und baumelte herunter.
Ihm sträubten sich die Haare.
Im Nebel erkannte er, dass dem Toten eine Hand fehlte.
Aaron wollte nicht daran vorbeigehen.
Er bewegte sich seitlich, mit sicherem Abstand.
Die Bank ließ er dabei nicht aus den Augen.
Er überlegte, einfach umzudrehen und zu Felix zurückzulaufen. Er wollte sich wieder mit ihm vertragen, ihm sagen, dass ihm das alles leid tat und darum bitten, dass seine Mutter ihn nach Hause fährt.
Er war schon fast an der Bank vorbei.
Durch den Nebel konnte Aaron die Gestalt jetzt etwas deutlicher erkennen.
Er stutzte.
Sein Puls raste noch immer.
Etwas an dem Toten sah merkwürdig aus.
Der eingedrückte Kopf … war das nicht …
Aaron blieb stehen und sah genauer hin.
Dann lachte er nervös auf.
Was er für einen eingeschlagenen Schädel gehalten hatte, war ein alter, kaputter Ball, der auf einer Seite eingedrückt war.
Der unnatürlich flache Körper bestand aus einem alten Mantel. Einer der Ärmel war von der Sitzfläche gerutscht und hing schlaff herab. Kein Wunder, dass die Hand fehlte.
Und die merkwürdig verdrehten Beine waren nichts weiter als mehrere kleine Müllbeutel, die hintereinander auf der Bank lagen.
Ein Paar alte Stiefel war dahinter abgestellt worden. Einer der Stiefel war umgekippt und hatte im Nebel den Eindruck eines verrenkten Fußes erweckt.
Er atmete erleichtert auf.
Im Gebüsch hinter ihm raschelte es erneut.
Aaron rannte los.
Egal, wer oder was dort im Gebüsch war – er wollte es nicht wissen.
Er lief an den Tennisplätzen vorbei.
Endlich!
Die hell erleuchtete und belebte Straße lag vor ihm.
Autos quälten sich durch den dichten Feierabendverkehr.
Er rannte noch ein Stück weiter.
An der nächsten Straßenlaterne verlangsamte Aaron seine Schritte.
Er hatte Seitenstechen und rang nach Luft.
Im Gehen drehte er sich zu dem Park um.
Er lag düster hinter ihm. Der Nebel hatte die Wege, die Bäume und die Parkbank wieder verschluckt.
Aaron atmete tief durch und ging die Straße entlang nach Hause.

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