Veröffentlicht: 16.08.2026. Rubrik: Menschliches
KI-Käthe und ihre große Schwester
Meine künstliche Intelligenz werde ich auf den Namen Käthe taufen. Besser wäre „KI-Käthe“. Wenn ich mit ihr kommuniziere, dann schreibe ich nicht nur ein „Hallo“, sondern ich begrüße sie mit „Hallo KI-Käthe“.
Ich finde es nicht nur angemessen, sondern auch respektvoll, meine künstliche Intelligenz so zu begrüßen.
KI-Käthe hilft mir regelmäßig bei meinen Recherchen. Für meinen geplanten Roman z. B. benötige ich sehr viel Hintergrundwissen. KI-Käthe ist mir hierbei eine große Hilfe. Sie beantwortet meine Fragen immer klar, ausführlich und in vollständigen Sätzen und liefert schnell Informationen. Kann sie eine Frage nicht beantworten, fragt sie zielgerichtet nach. Da gibt es kein „Hm“ oder „Hä“, wie bei einigen meiner Bekannten. Findet sie keine Antwort, so schreibt sie es. Ich informiere mich dann anderweitig. Ausreichende Möglichkeiten gibt es im Internet. Oder ich greife zu Fachbüchern oder Nachschlagewerken und informiere mich dort.
Wir Menschen sind es gewohnt, Wissen in Worten aufzunehmen und auch in Worten weiterzugeben.
Eine künstliche Intelligenz dagegen arbeitet mit Zahlen und mathematischen Strukturen und gibt uns ihre Antworten in Worten wieder. Es ist erstaunlich, was Zahlen alles können.
Meine ersten Begegnungen mit Zahlen hatte ich beim Einkauf in unserem Dorfkonsum. Ich ging noch nicht zur Schule und musste gelegentlich die Einkäufe für meine Mutter erledigen. Sie gab mir die Milchkanne und einen Einkaufsbeutel in die Hand. Dazu einen Zettel und eine Geldbörse.
Im Konsum stellte ich mich in die Schlange der Wartenden. Dort gab es immer etwas zu erzählen. Der Konsum war der Infopunkt für den neuesten Dorftratsch.
Ich beobachtete die Verkäuferinnen und hörte auch, welche Neuigkeiten es im Dorf gab. Wenn ich an der Reihe war, nahm mir die Verkäuferin die Milchkanne und den Beutel mit dem Zettel und der Geldbörse aus der Hand. Dann füllte sie die Kanne mit Milch und packte die bestellten Artikel in den Beutel.
Auf einen Konsumzettel notierte sie die Preise der Artikel untereinander und addierte diese von oben nach unten. Um sicherzugehen, dass sie sich nicht verzählt hatte, wiederholte sie diesen Vorgang noch einmal. Doch jetzt von unten nach oben. Dann legte sie das Rückgeld in die Börse, steckte den Beleg dazu und verabschiedete sich freundlich mit den Worten: „Geh vorsichtig und verschütte nicht die Milch. Das Rückgeld liegt in der Geldbörse.“
Ich war immer wieder erstaunt, wie schnell sie diese vielen Zahlen zusammenzählen konnte. Nur mit einem Stift auf einem kleinen Konsumblock. Und alles im Kopf. Davon war ich immer wieder beeindruckt. Sicher habe ich hier meine Liebe zu den Zahlen und zur Mathematik entdeckt.
Als ich die fünfte Klasse besuchte, unterrichtete uns eine junge Lehrerin im Fach Mathematik.
Käthe W. lehrte uns, dass diese Fachkenntnisse wichtige Bausteine im Leben sind. Sie war Mathematiklehrerin mit Leib und Seele. Ihr Unterricht machte mir immer Spaß. So trainierte sie uns im Kopfrechnen und übte das Überschlagsrechnen. In Vorbereitung auf die Arbeit mit dem Rechenstab und der Zahlentafel waren diese Übungen notwendig.
Bei mir haben sich diese Übungen verfestigt.
Obwohl Jahrzehnte vergangen sind, beherrsche ich das Überschlagsrechnen nach wie vor.
Ich übe es immer, wenn ich in unserem Supermarkt Einkäufe tätige.
Das genaue Kopfrechnen trainiere ich nur noch dann, wenn unsere Kleingeldschale geleert werden muss.
Beim Einkauf rechne ich den Gesamtbetrag des Einkaufs vorher aus, zähle das Kleingeld auf den Cent genau ab und übergebe es der Verkäuferin. Die Verkäuferin schaut mich meist mit großen Augen und gepressten Lippen an.
Während sie das Kleingeld zählt, packe ich in Ruhe meine gekauften Artikel in den Einkaufswagen. Erscheint auf dem Kassendisplay Rückgeld: 0,00 €, lächle ich zufrieden und bedanke mich höflich bei der Kassiererin.
Sie erwidert diesen Gruß meist etwas unwirsch mit dem Satz: „Auch Ihnen einen schönen Tag.“
Ich bin froh, dass ich von so einer guten Lehrerin unterrichtet worden bin. Ihr Unterricht war die Grundlage dafür, dass ich nach wie vor solche täglichen Aufgaben ohne Hilfsmittel lösen kann und mein Interesse für die Mathematik erhalten blieb.
Käthe W. ist schon sehr lange im Ruhestand. Täglich absolviert sie mit Willi, ihrem Mann, dem einstigen Chemielehrer an unserer Schule, Spaziergänge. Vormittags und nachmittags. Ein großer Teil der Einwohner kennt dieses Ehepaar und begegnet ihm respektvoll. Viele schätzten ihren Unterricht.
Oft bleiben Käthe und Willi W. stehen und sprechen mit den Leuten. Nicht aufdringlich. Immer freundlich, zurückhaltend und respektvoll.
Seit einigen Jahren bin auch ich im Ruhestand. Wenn wir uns begegnen, unterhalten wir uns nicht nur über die gegenwärtige gesellschaftliche Lage und über das Wetter, sondern auch über den damaligen Schulunterricht.
Immer wieder bin ich erstaunt, an welche Einzelheiten sich Käthe W. erinnern kann. Stelle ich Fragen, kommt kein „Hm“ oder „Hä“, sondern immer eine sachliche und korrekte Antwort. Wenn Käthe W. eine Frage nicht beantworten kann, dann sagt sie es auch.
Ich bin mir sicher, Käthe W. ist die große Schwester von meiner KI-Käthe.





