Veröffentlicht: 14.06.2026. Rubrik: Satirisches
Die Unerbittlichkeit der Wirklichkeit
(Das Institut der deutschen Wirtschaft prognostizierte im Juni 2026, dass bis zum Jahr 2036 4,3 Millionen Arbeitskräfte in der Bundesrepublik Deutschland fehlen werden.)
Es gab einmal ein sehr vermögendes Land.
Viele Generationen hatten sehr fleißig gearbeitet und sehr viel geschaffen. Die einen bauten Häuser und Straßen, andere gründeten Betriebe, bestellten Felder oder entwickelten Maschinen.
Nicht immer waren sie einer Meinung, doch wussten alle, dass sie Wohlstand nur durch ihre Tatkraft erreichen würden.
Mit dem erwirtschafteten Wohlstand jedoch wuchs auch eine neue Klasse von Menschen heran.
Diese produzierte nichts.
Sie reparierte nichts.
Sie riskierte nichts.
Aber sie erklärte allen anderen, wie die Welt künftig zu funktionieren habe, und nannte es Fortschritt.
Der Fortschritt bestand darin, Traditionen zu überwinden, die sie nie verstanden hatten.
Die Leistungen anderer betrachteten sie kritisch,
die eigenen Überzeugungen hingegen als wissenschaftlich erwiesen.
Wer auf Bewährtes verwies, galt als rückwärtsgewandt.
Wer jede Mode der Gegenwart bejubelte, galt als visionär.
So entstand ein seltsames System: Je weniger jemand mit den Folgen seiner Entscheidungen leben musste, desto größer wurde sein Einfluss auf die Entscheidungen.
Die Architekten dieser Veränderungen schienen ihre eigenen Theorien selten einem Praxistest zu unterziehen.
Denn die Wirklichkeit ist unerbittlich.
Ein Dach hält dicht oder nicht.
Eine Ernte gelingt oder nicht.
Ein Unternehmen macht Gewinn oder geht unter.
Eine Gesellschaft bleibt zusammen oder zerfällt.
Die Wirklichkeit kennt keine Sprachregelungen.
Sie lässt sich weder wegdiskutieren noch umbenennen.
Und genau deshalb misstraut sie allen Ideologen. Ganz gleich, unter welcher Fahne sie auftreten.
Die Menschen wussten, dass Freiheit Verantwortung bedeutet.
Dass Ordnung kein Schimpfwort ist.
Dass Heimat mehr ist als ein Verwaltungsbezirk.
Doch die neuen Verwalter des Fortschritts hielten solche Gedanken für gefährlich.
Sie glaubten, jede Generation beginne bei null. Sie verwechselten Erbe mit Ballast.
Und sie wunderten sich, warum immer mehr Menschen den Eindruck hatten, in ihrem eigenen Land zu Gästen geworden zu sein.
Am Ende stand das Land noch immer.
Nicht wegen der Strategiepapiere und Kampagnen.
Auch nicht wegen der moralischen Belehrungen.
Sondern wegen jener Menschen,
die jeden Morgen aufstanden,
ihre Arbeit machten, ihre Kinder erzogen,
Vereine am Leben hielten,
Steuern zahlten und Verantwortung übernahmen.
Menschen, die wissen, dass eine Gesellschaft nicht von denen getragen wird,
die nicht pflügen, die nicht säen, die nicht ernten
und ständig alles besser wissen,
sondern von denen,
die sie jeden Tag aufs Neue erhalten.
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