Veröffentlicht: 21.08.2026. Rubrik: Unsortiert
Der Große Erfinder (2)
„Wie ich am Telefon schon sagte, benötige ich ein ziemlich kleines Raumschiff.“ Die Frau mit der bemerkenswert tiefen Stimme war mit einem luftigen Harlekinkostüm bekleidet. Hurll war sich überhaupt nicht sicher, ob da nicht möglicherweise eine non-binäre Person vor ihm stand. Nur eines wusste er genau: Aus seinem 3D-Drucker stammte sie nicht.
„Lässt sich machen“, sagte er leichthin. „Mit meinen Druckern kann ich nicht nur vergrößern, sondern selbstverständlich auch verkleinern. Wie winzig soll es denn sein, Ihr Raumschiff?“
„So klein wie möglich“, sagte die Person, deren Stimmlage keineswegs zu ihren smarten Gesichtszügen passte. „Eventuell sogar noch etwas kleiner.“
„Und warum gerade so klein?“
„Große Raumschiffe benötigen schon bei einem Zehntel Lichtgeschwindigkeit enorme Mengen an Treibstoff. Und ich will die Kosten nach EROS 2möglichst gering halten.“
„Verstehe.“
„Hinzu kommt noch, dass der Zielplanet auch sehr klein ist, so klein, dass man ihn mit bloßem Auge nicht erkennen kann. Alles, was wir von ihm wissen, verdanken wir der Auswertung von Radiosignalen. Auch wenn man die Entfernung berücksichtigt, die ja bekanntlich auch klein macht, kann er unmöglich größer als ein Fesselballon sein. Was soll ich da mit einem normalen Raumschiff?“
„Klingt logisch. Darf man fragen, wozu Sie diese Sonderanfertigung benötigen?“
„Ich beabsichtige, eine interstellare Partnerschaftsvermittlung aufzubauen. Wissen Sie, es gibt so viele junge Männer und Frauen auf der Erde, die händeringend eine ehrliche Partnerin oder einen Partner suchen und keine geeignete Person finden. Und ich nehme mal an, dass es auf anderen Planeten auch nicht anders aussieht. Ich würde Pionierarbeit leisten.“
„Durchaus, durchaus!“, rief Hurll begeistert, „ich kann ein Lied davon singen! Musste meine letzte Lebensabschnittsgefährtin Eva wieder auflösen, weil sie in gewissen Kleinigkeiten –“ hier hüstelte der große Erfinder verlegen – „überhaupt nicht meinen Anforderungen entsprach. Dabei wäre sie körperlich durchaus in der Lage gewesen. Hmm . . . nun ja. Irgend so ein dummer Softwarefehler. Hätte nicht vorkommen dürfen.“ Er stutzte. „Sie sagten eben Eros zwei?“
„Der Zielplanet. Liegt irgendwo im Sternbild Zentaurus. Aber Zentaurus xyz klingt mir viel zu unerotisch. Damit befreie ich kein einsames Herz aus der Datingfalle.“
„Erlauben Sie eine Frage?
„Ja.“
„Verstehe. Diese Fahrt ist jetzt Ihr zweiter Versuch.“
„Wie kommen Sie denn darauf?“
„Eros zwei legt nahe, dass es bereits Eros eins gegeben–“
„Ach so. Nein. Eros ist ein römischer Liebesgott, der bei der Namensgebung Pate gestanden hat.“
„Ah ja. Und das Raumschiff heißt dann –“
„Amor 2.“
„Klingt logisch.“
„Wollen Sie nun liefern, ja oder nein?“, rief Frau Christofori ungeduldig.
„Aber ja doch! Wird aber nicht billig sein und einige Zeit in Anspruch nehmen. Einige Grundstoffe muss ich extra aus China importieren. Und jetzt, bei diesen exorbitanten Zollgebühren –“
„Verstehe. Womit muss ich rechnen?“
Hurll überschlug die Kosten und verdoppelte die Summe. „Na sagen wir mal . . . scharf kalkuliert . . . mit 2,5********** bis 3*********************************** Euro –“
Frau Christofori überschlug den zu erwartenden Gewinn und halbierte ihn. „Was!“, rief sie scheinbar aufgebracht, „so viel Geld für so´n paar Petitessen?“
„Was Sie Petitessen nennen“, erwiderte Hurll scheinbar ruhig, „ist eine Weltneuheit! Auch ich müsste Pionierarbeit leisten! Noch nie ist ein derart kleines Raumschiff –“
„Einverstanden. Ich und ein paar Mitreisende sowie eine entsprechend dimensionierte Hilfstruppe müssen ebenfalls hineinpassen.“
Der Große Erfinder rieb sich das kratzige Kinn. „Hmm . . . Da gibt es allerdings ein Problem.“
„So?“
„Ja. Leider. Ich kann winzige Bausteine erzeugen, zum Beispiel Körperteile für künstliche Menschen oder Teile für Maschinen. Aber ich kann keine erwachsenen Menschen auf die Größe eines Mweerschweinchens verkleinern.“
„Schade“, sagte die Frau mit noch tieferer Stimme und ließ den Kopf hängen.
Hurll überlegte, ob er ihr für die Adresse, die er ihr jetzt geben würde, noch eine saftige Gebühr abknöpfen sollte, unterließ es dann aber doch. Vielleicht benötigte er ja noch mal ihre Hilfe. „Ich hätte da jemanden“, sagte er, „der das Problem möglicherweise lösen könnte. Ein Kollege von mir.“ Mit einem angekauten Bleistiftstummel kritzelte er etwas auf einen Fetzen Papier. „Ich geb Ihnen mal seine Handynummer. Rufen Sie ihn doch mal an, und bestellen Sie ihm einen schönen Gruß von mir . . . Ach, übrigens . . . Würden Sie mich auch vermitteln?“
„Natürlich“, sagte Konrad Kasimir Schnurll, und betrachtete interessiert die Gestalt, die wie ein bunter Papagei vor ihm saß, „es müsste möglich sein, aber es wird einiges kosten. Schließlich betrete ich mit dem Projekt unerforschtes Terrain, abgesehen von den rechtlichen Risiken, die möglicherweise auf mich zukommen.“
„Auch ich betrete unerforschtes Terrain“, erwiderte der Papagei mit einer Stimme, die so rau und tief war wie der Flug einer Hornisse, „und wage es trotzdem. Und um die Bezahlung machen Sie sich mal keine Sorgen. Ich kenne jemanden, der gut geerbt hat. Auch ich bin nicht mittellos.“
„Na schön. Wie klein soll ich die Personen denn nun machen?“
„So klein, dass zwei Dutzend davon in ein Raumschiff von der Größe . . . na sagen wir –“
„Und zu wann benötigen Sie diese . . . äh –“
„Möglichst zu vorgestern. Das Raumschiff ist bereits im Bau.“
„Gut, ich nehme den Auftrag an“, sagte Schnurll leichthin, obwohl er nicht die geringste Vorstellung hatte, wie er ihn ausführen könnte. „Unter bestimmten Bedingungen erscheint mir die Verkleinerung von Menschen möglich. Dazu benötige ich zwei Versuchspersonen, möglichst einen Mann und eine Frau, schließlich betrete ich –“
„Neuland. Sagten Sie bereits. Ich schicke Ihnen noch heute zwei Probanden, die beide seit Jahren an unerfüllter Liebe leiden und ihr Glück im Außerirdischen erhoffen. Sie werden Ihnen keine Probleme bereiten.“ Der Papagei erhob sich würdevoll.
„Falls noch Fragen sind, wo kann ich Sie erreichen?“
Der Bunte Papagei legte eine Visitenkarte auf den Tisch. Schnurll las:
Colonella Samanthara Christofori,
ehemalige Raumschiff-Kommandantin
z. Z. Mond, Mare ingenii, Krater 6
„Sonst noch?“
„Nein . . . Ja, doch! Würden Sie mich auch vermitteln?“
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