Veröffentlicht: 25.08.2026. Rubrik: Unsortiert
Der große Erfinder (3)
Dieser Konrad Kasimir Schnurll war ein Dreieiiger Bruder Hurlls, der, da aus demselben Nest gefallen, ebenfalls den Beruf des Erfinders gewählt hatte. Doch während sich Hurll mit alltäglichen Dingen abgab, z. B., um nur einiges zu nennen, mit der Erfindung einer sich auf Befehl öffnenden Konservendose, oder einer Brille, mit der man nicht nur Rechnungen begleichen konnte, sondern auch erkennen, ob die Dame hinter des Kasse ein Mann war oder eine Frau oder keines von beiden – keine leichte Angelegenheit übrigens in einer Gesellschaft, deren Mumifizierung immer weiter voran schreitet. Ist doch die statistische Lebenserwartung mittlerweile auf plusminus hundertsechzig Jahre gestiegen – – beschäftigte sich Schnurll eher mit Dingen des höherwertigen Bedarfs. Zu nennen wäre da zunächst das elektronische Sprunggelenks „Hoppla“, das Stabhochspringer in die Lage versetzte, einen nie dagewesenen Rekord nach dem anderen zu überbieten. Doch was ihm galaktischen Ruhm eingebrachte (und was auch der Grund ist, warum er überhaupt in dieser Geschichte erscheint), war die Kreation seiner Multifunktiosmarmelade „Rackettella“, die, entsprechend dosiert, als Haarwuchsmittel, Brotaufstrich oder Raketenantrieb verwendet werden konnte. Mit diesem Brotaufstrich war es möglich, wenn gehörig dick aufgetragen, ein Raumschiff von der Größe einer Gemüsegurke allen Unkenrufen zum Trotz bis nahe an die Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen. Physikalisch-technisch-undsoweiter unmöglich!, riefen die notorischen Besserwisser, die überall aus ihren Einsiedeleien kriechen, wenn jemand etwas wirklich Neues erfindet. Diesen Zweiflern verschloss er den verqualsterten Mund durch ein Video, das einen Mann zeigte, der nach dem Verzehr einer Überdosis Rackettella mit Überlichtgeschwindigkeit auf der Toilette verschwindet. Kurz: Dieser Brotaufstrich erwies sich als revolutionär für die erweiterte Raumfahrt. Ein wahrscheinlich bewohnbarer Planet, ein so genannter habitabler wie Proxima centauri b in 4 Komma 2 Lichtjahren konnte jetzt in wenigen Jahren erreicht werden und nicht, wie bei den herkömmlichen Antriebsarten, in 100.000 und mehr. Das brachte ihm nicht nur einen Haufen Medaillen ein, sondern auch den Titel „Größter Erfinder des Universums“.
Eines Morgens erwachte Schnurll und sah aus dem Fenster. An einem tiefblauen Himmel erblickte er zwei Sonnen, eine große und eine kleine, sowie eine Anzahl Monde, die sich gegenseitig den Platz streitig machten. Er schlüpfte in seine Selbstlaüferpuschen und schlurfte nach draußen. Die Landschaft war in ein blendendes Weiß getaucht, am fernen Horizont stiegen dicke Rauchsäulen auf, irgendwo flackerten Feuergarben. Er bückte sich, um etwas von dem vermeintlichen Schnee zu kosten – die Reise hatte ihn durstig gemacht – doch statt in Schnee griff er in Staub. Ein Ruf ließ ihn hochfahren – auf einem Hügel gewahrte er drei Personen, eine große und zwei kleine. Er setzte seine Brille auf und erkannte einen Mann mit einem silbernen Bart unter dem Kinn und einer strahlenden Krone auf dem Kopf, sowie zwei junge Frauen mit eigenartigen Hüten, wie sie auf der Erde seit zweihundert Jahren nicht mehr in Mode waren. Daran erkannte er: Er befand sich auf Proxima centauri b, ihrem Zielplaneten. Passt, dachte er, die Christophori bekommt den Alten mit dem Bart, ich und Hurll nehmen die beiden Mädels. Er winkte; die drei Gestalten setzten sich, Schwaden von Staub aufwirbelnd, in Bewegung.
„Ich bin der König“, sagte der Barträger in einem exotischen Akzent, aber doch verständlich, „und diese beiden hier sind meine Töchter Immun und Ammun.“
„Willkommen, Majestät!“, rief Schnurll und verbeugte sich leicht, wurde aber sofort unterbrochen. „Hat sich was mit Majestät“, knurrte der Mann, nahm die Krone ab und warf sie in den Staub. „Ich heiße König und bin der Präsident dieses verflixten Planeten.“ Er riss sich den Bart vom Kinn und warf ihn klirrend hinterher. „Alles Mummenschanz, das Zeug. Können Sie behalten, wenn Sie wollen.“ Auch Immun und Ammun nahmen ihre Kopfbedeckungen ab und warfen sie in die Luft, worauf zwei weiße Vögel vom Himmel schossen und sie wegtrugen. „Wieso verflixt?“, fragte Hurll, der hinzu getreten war, „sieht doch ganz sauber aus, die Gegend hier.“
„Sauber nennen Sie das, Herr . . . äh . . .“
„Gestatten: Hurll, Erfinder!“
„. . . Hurll, seit die Gipsfabrik explodiert ist, ist hier alles zentimeterhoch mit Gipsstaub bedeckt. Man kann keinen Schritt machen, ohne dass einem das Zeug den Hals verklebt.“ Er hustete grob. „Deshalb bin ich so froh, endlich eine Mitfahrgelegenheit gefunden zu – –“
„Nun nicht mal so forsch“, sagte die Colonnella, die der Wortwechsel geweckt hatte, „wir haben auf der Erde schon genug Präsidenten, und das Letzte, was wir gebrauchen können, ist noch einer. Es sei denn . . .“ Die Colonnella steckte den Zeigefinger zwischen die Lippen und dachte nach. „Es sei denn!“, rief sie plötzlich, „Sie geben Ihr Amt als Präsident auf und heiraten mich.!“
„Gerne!“, rief Herr König begeistert, „schlimmer als jetzt kann es nicht werden!“
„Und ich bitte untertänigst um die Hand Ihrer Tochter Immun“, schwurbelte Schnurll und blickte den Noch-Präsidenten bittend an.
„Was red´ste denn so geschwollen“, rief Immun, „der hat doch überhaupt nix mehr zu sagen.“
„Und ich!“, rief Hurll, „bitte um die Hand Ihrer Tochter . . .äh . . .“
„Genehmigt“, sagte die Colonnella. Bei sich dachte sie: Hätte nie gedacht, dass die Vermittlung so fix gehen würde. Dann, laut: „So, jetzt gehen wir alle erst mal Frühstücken. Die Formalitäten können wir später erledigen. Hab seit mehreren Jahren nicht mehr vernünftig gefrühstückt. Herr König, gibt es hier irgendwo ein sauberes Speiselokal?“
„Aber natürlich! Und gar nicht weit entfernt. Gerade mal 4 Komma 2 Lichtjahre.“
„Aha Und wo da genau?“
„Auf der Erde im Bezirk Berlin Kreuzberg.“
„Na dann! Worauf warten wir noch?“





