Veröffentlicht: 29.08.2026. Rubrik: Satirisches
Die Post macht mobil.
Im Lebensmittelmarkt erhielt ich heute eine Nachricht, die mich ins Mark traf.
Einfach unglaublich, dachte ich. Es ist nicht zu fassen: Zum Jahresende wird unsere Postfiliale geschlossen.
Damit wird unsere Ortschaft bald endgültig im digitalen Zeitalter ankommen. Dem Zeitalter ohne Postfilialen. Der Dorftratsch wird dann nicht mehr vor der Postfiliale stattfinden können. Er wird sich auf den Lebensmittelmarkt und die Bushaltestelle beschränken müssen.

Dass etwas in unserem Ort passieren würde, ahnte ich im Frühjahr. Urplötzlich wurde ein Graben auf dem Gehweg vor unserem Wohnblock ausgehoben. Darin verlegten Mitarbeiter einer bulgarischen Firma ein starkes orangefarbenes Kabel. Sie schütteten diesen Graben wieder zu und verlegten das Gehwegpflaster. Wir Anwohner waren erstaunt über die Schnelligkeit und Akkuratesse, mit der diese Arbeiten erledigt wurden. Nach der Fertigstellung kamen Mitarbeiter des Bauamtes, um festzulegen, welche Maßnahmen zur Vorbereitung des Verlegens des Kabels notwendig werden. Sie besprachen das Sicherheitskonzept. Sie sprachen darüber, welche Hinweisschilder aufgestellt werden müssen, und ob der Verkehrssicherheit Genüge getan wird, wenn die Straße einseitig gesperrt wird.
Einige Bewohner, die diesem gewissenhaften Tun zusahen, erklärten den Mitarbeitern, dass das Kabel bereits verlegt worden sei. Die Mitarbeiter des Bauamtes nahmen diese Informationen zur Kenntnis und zogen schulterzuckend von dannen.
Das digitale Zeitalter in unserer Ortschaft hatte begonnen. Dass die Mitarbeiter des Bauamtes nicht rechtzeitig informiert worden sind, lag wohl daran, dass das Glasfaserkabel noch nicht verlegt war.
Ich mache mir nun Gedanken, wo ich künftig Briefmarken erwerben kann. Ja, ich schreibe noch Briefe. Ich nehme noch einen Füllfederhalter in die Hand und schreibe auf weißes Schreibpapier.
Zehn Enkel warten immer auf Post von mir. Nicht nur zum Geburtstag und an Weihnachten. Sie freuen sich auch auf Post, die sie zwischendurch von mir erhalten. Dafür benötige ich immer auch Briefmarken. Ein großes Problem, wenn die Postfiliale geschlossen wird. Die nächste Poststelle befindet sich in der Kreisstadt. Für den Kauf der Briefmarken müsste ich künftig immer in die Kreisstadt fahren. Ich bin zwar Rentner, aber auf einen Rollator angewiesen. Zu Fuß sind mir diese 10 km zur Kreisstadt zu weit. Mir bleibt nur der Bus.
Der Erwerb von Briefmarken bedeute für mich einen Ausflug zur Kreisstadt. Das hat natürlich seine Vorteile. Ich werde mich mehr bewegen müssen. Die Post macht mobil. Sie sorgt für meine Gesundheit. Die Aktionäre der Post werden sich freuen, dass es noch Briefeschreiber wie mich gibt.
Doch wer bisher glaubte, eine Briefmarke koste 95 Cent, hat die Rechnung ohne den öffentlichen Nahverkehr gemacht.
Zum Glück gibt es das Deutschlandticket. Mit diesem Ticket darf ich für 63 Euro einen Monat lang die öffentlichen Nahverkehrsmittel nutzen. Um dieses Ticket für mich zu nutzen, muss ich wenigstens zehnmal im Monat in die Kreisstadt fahren. Jedes Mal könnte ich einen Brief an einen meiner Enkel mitnehmen, ihn auf der Poststelle frankieren und zum Versand freigeben. Um die verbleibenden zwanzig Tage sinnvoll zu nutzen, werde ich mehr Briefe schreiben. Meine Enkel freuen sich sicher, wenn sie jeden Monat drei Briefe erhalten.
Zur Unterstützung der Rentner in den Ortschaften ohne Postfilialen, werde ich der Deutschen Post den Vorschlag für den Druck einer neuen Briefmarke unterbreiten.
Eine Briefmarke mit dem Aufdruck „65+“. Sie besitzt den Verkehrswert einer 95-Cent-Marke und darf nur an Rentner verkauft werden, die in Ortschaften ohne Postfiliale wohnen. Als kleiner Rabatt für die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs.
Ich würde dann diese Briefmarken in der Kreisstadt erwerben und in unserer Ortschaft an jüngere Bewohner weiteräußern. Sagen wir, für 80 Cent.
Die jüngere Generation könnte dann ihre 95 Cent Briefe frankieren. Voraussetzung ist natürlich, dass die jüngere Generation zu Stift und Briefpapier greift und Briefe schreibt.
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