Veröffentlicht: 01.09.2026. Rubrik: Aktionen
Die Wandlerin zwischen zwei Welten, Teil 1
Dies ist eine mehrteilige Geschichte zur Aktion in diesem Monat über ein ausgedachtes Mädchen, welches gerade erst herausfindet, warum sie anders ist, als die Anderen.
Kapitel 1: Ein neuer Lebensabschnitt
Mila rannte durch die Straßen ihrer Heimatstadt. Alles um sie herum empfand sie als unglaublich laut und allgemein reizüberflutend. Die Motoren der Autos, die vielen Menschen und deren Stimmen, das Geräusch eines Rasenmähers irgendwo auf einem Grundstück in der Nähe, die Lichter der Stadt, all das nahm sie gleichzeitig wahr. Mila hatte nur ein Ziel. Sie wollte in den Stadtwald, dort, wo es stets ruhig und friedlich war. Schnell rannte sie gerade noch bei Grün über eine Straße und bog dann nach links ab. Sie konnte sich kaum noch konzentrieren und rannte, so schnell sie konnte, um dieser Hölle zu entfliehen. Da, endlich sah sie die ersten Bäume ihres Waldes. Ein erleichterter Seufzer entfuhr ihr, und sie steuerte direkt darauf zu. Kaum hatte sie den Wald betreten, wurde es merklich ruhiger. Nur ein paar Spaziergänger und einige Tiergeräusche waren da. Zielstrebig ging sie zu ihrem Rückzugsort mitten im Wald und legte sich ins Gras. "Endlich Ruhe", dachte sie. Wo sie gerade lag, sah sie kaum jemand, und ihr war es auch egal, was die Anderen über sie dachten, weil sie hier im Gras lag, statt sich auf eine der Bänke zu setzen, welche im Wald überall herumstanden. Mila liebte es, das Gras unter ihrem Körper zu spüren, und es erdete sie wieder ein wenig.
Mila war schon immer anders als andere Menschen. Dies bemerkte sie auch schon sehr früh und versuchte immer, sich an die anderen Kinder anzupassen und ihre Verhaltensmuster nachzuahmen. Mit 14 Jahren dann, als ihr diese Strategien kaum geholfen hatten, endlich Freunde zu finden, gab sie ihre Anpassungen auf, zumal dies auch immer schwieriger geworden war. Damals ließ sie die Maske fallen und zeigte sich so, wie sie eben war. Ihre Mitschüler hänselten sie daraufhin noch stärker, als es ohnehin schon der Fall war, und jetzt, mit ihren 17 Jahren, konnte sie die Schule nicht mehr besuchen. Schon immer wollte Mila Abitur machen und später Tierärztin werden, dies war jedenfalls als Kind ihr Ziel. Tief in ihr war dieses Ziel noch immer da, jedoch von vielen Sorgen, Ängsten und tiefer Traurigkeit überschattet. Seit drei Monaten war sie keinen Tag mehr in der Schule gewesen, da ihr alles zu viel geworden war.
Milas Gedanken wanderten zurück zu dem Termin, welchen sie vor einer Stunde gehabt hatte. Ihre Mutter hatte sie zu einem Psychiater geschickt, und Mila musste einsehen, dass sie Recht gehabt hatte. Nachdem das Mädchen ihm alles erzählt hatte, riet er ihr zu einer stationären Therapie und Diagnostik. Da gerade kurzfristig ein Platz frei geworden war, wurde sie bereits morgen aufgenommen. Gemischte Gefühle kämpften in Mila. Gerne wollte sie wissen, was mit ihr los war und endlich wieder den Weg in ein normales Leben finden, dennoch hatte sie auch Angst davor, was sie nun erwartete. Deshalb wollte sie noch einmal in den Wald gehen, um für mehrere Wochen Abschied von den Tieren zu nehmen. Zum Glück gab es auf dem Klinikgelände ebenfalls ein kleines Waldstück.
Nun zog sich Mila ganz in ihre Gedankenwelt zurück. Dort hatte sie zwei Freunde, welche jedoch nur in ihren Gedanken existierten. Kilian und Lara waren im gleichen Alter und akzeptierten Mila so, wie sie war. Diese beiden Freunde hatte sie sich schon früh ausgedacht und so detailliert beschrieben, dass sie sogar ein Bild gezeichnet hatte, auf welchem diese Freunde abgebildet waren. In ihrer Gedankenwelt unterhielt sie sich mit ihnen und erlebte einige schöne Abenteuer, dennoch wurde ihre Sehnsucht nach echten Freunden immer mehr. Auch jetzt wollte sie wieder mit ihren erdachten Freunden einen Ausflug machen, doch immer wieder schweiften ihre Gedanken ab und landeten bei der morgigen Aufnahme.
Nach einer Stunde hatte Mila sich so weit erholt, dass sie den Rückweg antreten konnte. Schnell ging sie wieder nach Hause und traf dort ihre Mutter. "Ich habe bereits einen Koffer mit deinen wichtigsten Sachen gepackt", sagte sie, und Mila bedankte sich. Sie wusste nicht, ob sie die Energie für das Einpacken noch gehabt hätte. Schnell kontrollierte sie, was im Koffer lag. Das Meiste war Wäsche, dann lag da noch ihr Tagebuch, welches sie jeden Tag mit einigen Texten oder Bildern füllte. Viel mehr brauchte Mila nicht, und elektronische Geräte waren auf der Station ohnehin verboten.
Kapitel 2: Der nächste Morgen
Am nächsten Morgen war es dann soweit. Mila war nervös und hatte die Nacht zuvor nur wenig geschlafen. Dementsprechend müde war sie nun und gähnte immer wieder. Ihre Mutter fuhr mit ihr zur Station, und Mila sah, wie sie aus der Stadt herausfuhren. Bald schon waren einige kleine Häuser zu sehen, welche mitten im Grünen lagen. Es sah alles gar nicht nach Krankenhaus aus, nur das Schild "Kinder- und Jugendpsychiatrie" ließ sie wissen, dass sie hier richtig waren. Mutter und Tochter stiegen auf und gingen auf das Haupthaus zu, wo sie bereits von einer freundlichen jungen Frau in Empfang genommen wurden. "Guten Tag", sagte sie. "Ich heiße Ina, und ich werde deine Bezugsbetreuerin sein, während du hier auf der Station bist." Dann bedeutete sie der Familie, ihr ins Haus zu folgen. In einem Raum wartete ein älterer Mann auf Mila und lächelte. Sie erfuhr, dass er ihr Psychiater in der Klinik war. "Warum bist du hier, Mila?", fragte der Arzt. Sofort erzählte sie ihm alles, was sie bedrückte. Dass sie sich schon immer anders gefühlt hatte und nie Freunde fand, dass alles um sie herum sie überforderte. Der Psychiater hörte geduldig zu und schrieb etwas in seinen Notizblock. "Danke, dass du so offen warst", sagte er schließlich. "Ich denke, wir werden herausfinden, was mit dir wirklich los ist und dich mithilfe einiger Therapien wieder in ein zufriedenes Leben begleiten. Dafür ist es notwendig, dass du etwa acht bis zwölf Wochen bei uns bleibst." Mila sog scharf den Atem ein. Mit so einer langen Zeit hatte sie nicht gerechnet. "Keine Sorge. Hier sind alle Jugendlichen ebenfalls irgendwie anders. Wir akzeptieren einander so, wie wir sind und leben dies auch vor. Ich denke, du wirst dich hier schnell einleben und eine Art Ersatzfamilie finden."
Mila dachte kurz darüber nach, sah jedoch noch immer etwas skeptisch aus. "Du wirst sehen, bald werden deine Bedenken zerstreut sein", meinte Ina dazu. Nun wurde es Zeit für den Abschied, und sie umarmte ihre Mutter. "Wir sehen uns bald wieder", sagte sie. "Aber erst in zwei Wochen", warf der Arzt ein. "Mila muss sich hier erst einmal eingewöhnen, da wäre Besuch kontraproduktiv. Allerdings kannst du einmal pro Woche mit ihr telefonieren." Mila nickte, und die Mutter verließ den Raum. "Komm mit, ich bringe dich in dein Zimmer", forderte Ina sie auf, und das Mädchen folgte ihr.
Fortsetzung folgt





