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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Rika.
Veröffentlicht: 23.08.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Armut

Ein Thema, welches mich derzeit manchmal beschäftigt, obwohl es mich zum Glück nicht betrifft. Die Personen in der Geschichte sind erfunden, aber die Geschichte selbst ist leider oft traurig, aber wahr.

Der Wecker klingelte um sechs Uhr. Tanja gähnte und erhob sich langsam aus ihrem Bett. Ihre ersten Gedanken betrafen die Geldsorgen, welche sie seit Jahren hatte und nicht los wurde. Ihr erster Blick ging nicht zum Fenster, um den Sonnenaufgang zu genießen, sondern zum Geldbeutel. einhundert Euro zählte sie darin, und auf ihrem Konto herrschte zur Zeit Ebbe. Sie zählte die Tage nach, es waren noch neun bis zum ersten September. Wie sollte sie sich und ihren fünfjährigen Sohn Marco damit versorgen? Tanja war dreißig Jahre alt, alleinerziehende Mutter und arbeitete in Teilzeit als Verkäuferin. Vollzeit war ihr nicht möglich, da sie sich um ihren Sohn kümmern musste, welcher in allen Bereichen entwicklungsverzögert und dazu noch im Verhalten auffällig war, sodass der Verdacht auf Autismus im Raum stand.

Zum Glück konnte sie damals eine Arbeitszeit von 08:30 Uhr bis 13:30 Uhr bei ihrem Chef aushandeln. Jedoch stand dies auf der Kippe, da er sich schon häufig über ihre Unflexibilität beschwert hatte. Allerdings hatte sie niemanden, der Nachmittags länger auf ihren Sohn aufpassen und ihn zu Therapien begleiten konnte, Vormittags war er ohnehin im Kindergarten. Ihr Vater war krank, konnte kaum noch laufen. Er hatte so viel geschuftet, dass sich diese Schwerarbeit auf seinen Rücken ausgewirkt hatte. Zwar bezog er eine Rente, aber das reichte hinten und vorne nicht. Tanjas Mutter war 67 Jahre alt, aber man gewährte ihr keine Rente, da sie nicht genug Arbeitsjahre hatte. Sie war längere Zeit Hausfrau und bei den Kindern geblieben, während ihr Mann das Geld verdienen übernahm. Daher musste sie nun einige Nebentätigkeiten verrichten, um die Familie über Wasser zu halten. Wenn es ihr möglich war, passte sie auf Marco gerne auf.

"Ich wäre so gerne frei", dachte Tanja, während sie ihren Kaffee kochte. Es war ein herrlicher Gedanke, sich endlich alles leisten zu können und nicht jeden Euro dreimal umdrehen zu müssen. Tanja wollte keinen Luxus, nein. Sie wollte nur, dass sie sich die wichtigsten Dinge und vielleicht ein paar schöne Dinge leisten konnte. Als sie noch mit ihrem damaligen Lebensgefährten, welcher zugleich Marcos Vater war, zusammen gewesen war, war alles ein wenig leichter gewesen. Zwar war er arbeitslos und steuerte wenig Geld bei, jedoch konnte Tanja damals vollzeit arbeiten, weil er auf Marco aufpasste. Jedoch wurde dies in den letzten beiden Jahren weniger, da er nicht mit dem Verhalten ihres Sohnes umgehen konnte. Schlussendlich verließ er sie dann vor acht Monaten, und da er noch immer keine Arbeit hatte, war kaum Unterhalt von ihm zu bekommen.

Nun setzte sich Tanja auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen und ihren Kaffee mit Zucker zu genießen. Dies war einer der wenigen Momente, wo sie alleine war und Kraft für schwierigere Situationen tanken konnte. Nach dem Kaffee bereitete sie das Frühstück für Marco zu, bevor sie ihn weckte. Wie an jedem Morgen war es schwierig mit ihm. Meist war Tanja vollkommen fertig und schweißgebadet, wenn sie ihn endlich im Kindergarten abliefern konnte.

Nun fuhr sie in die Arbeit und räumte Regale ein, kassierte oder half Kunden, wenn sie etwas nicht fanden. Nicht alle Kunden waren freundlich zu ihr, was sie meist ganz gut wegsteckte. Heute jedoch war es ihr zu viel, sodass sie leider auch nicht besonders freundlich reagierte. Im gleichen Moment wusste sie natürlich, dass dies ein Fehler war und wollte sich entschuldigen, doch ihr Vorgesetzter hatte alles mitangehört. "Kommen sie bitte zu mir ins Büro", sagte er mit kühler Stimme.

Tanja atmete tief durch und folgte ihrem Chef ins Büro. Als sie sich gegenübersaßen, sah er sie lange an. "Ich möchte mit ihnen ganz offen sprechen", sagte er. "Ich spiele schon seit mehreren Wochen mit dem Gedanken, sie zu kündigen, und diese Aktion gegenüber unserem Kunden gibt mir dabei Recht. Wir brauchen eine Mitarbeiterin, welche durch und durch flexiebel ist. Es tut mir Leid für sie, aber der dreißigste September wird ihr letzter Arbeitstag sein." Tanja zog es den Boden unter den Füßen weg. Sie war gekündigt worden und würde jetzt von Sozialleistungen abhängig sein. "Bitte", flehte sie. "Bitte kündigen sie mich nicht!" Der Vorgesetzte schüttelte mit dem Kopf. "Meine Entscheidung ist fixiert, aber weil ich Mitleid mit ihnen habe, bekommen sie drei Monatsgehälter von mir. Sie haben es auch nicht einfach als alleinerziehende Mutter, das ist mir bewusst." Tanja bedankte sich bei ihm, denn mit drei Monatsgehältern konnte sie zumindest die erste Zeit überbrücken. Da sie zum Glück noch zwei Wochen Urlaub hatte, würde sie nur noch bis Mitte September arbeiten müssen und hatte damit mehr Zeit, um eine neue Stelle zu suchen. Dennoch war sie ziemlich geknickt, denn sie hatte Angst, keinen familienfreundlichen Arbeitsplatz zu erhalten.

In den nächsten Wochen schrieb Tanja unzählige Bewerbungen, erntete leider aber genauso viele Absagen. Manche luden sie nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch ein. Dies frustrierte sie sehr. Inzwischen bekam sie zwar Arbeitslosengeld, doch sie wollte endlich nicht mehr vom Staat abhängig sein. Eines Tages schlenderte sie gedankenverloren durch die Stadt, als jemand sie beim Namen rief. Tanja drehte sich zum Sprecher um und erstarrte, denn vor ihr stand ein früherer bester Freund von ihr. Sie hatten sich leider vor einigen Jahren aus den Augen verloren. Nun lächelte Tanja. "Hallo, David!", rief sie, und sie schüttelten einander die Hand.

Als sie sich in ein Kaffee gesetzt hatten, erzählte ihm Tanja von ihrer verfahrenen Situation. Sie sprachen über Gott und die Welt, bis David ernst wurde. "Am besten, du kommst einmal zu mir ins Büro. Ich hätte vielleicht eine Lösung für dich."

Ein Monat später stand Tanja wieder auf eigenen Beinen. Durch ihren Freund wurde sie Teil eines Netzwerks und fand eine neue Aufgabe für sich. Sie musste zwar mit Kunden sprechen, aber das machte ihr nicht das Geringste aus. Das Beste war jedoch, dass sie sich die Zeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Termine oft selbst einteilen konnte. Endlich war sie wieder zufrieden mit ihrem Leben und konnte sich leisten, was sie gerade brauchte oder manchmal auch wollte, obwohl sie es nicht zwingend benötigte.

Ende

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