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geschrieben 2026 von Karolina Ka.
Veröffentlicht: 03.09.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Die Froschkönigin, zweiter Teil

Die Nachmittage verbrachte der Prinz im Schlossgarten. Er genoss die warme Luft des Spätsommers und sah zu, wie die Sonnenstrahlen durch die Blätter der Walnussbäume fielen. Er freute sich über die Schmetterlinge und Libellen am Teich. Diesen Teich liebte er. Der sanfte modrige Geruch beruhigte seine angespannten Sinne, der Blick auf das Wasser und die Seerosen entschädigte ihn für das staubige Halbdunkel im Arbeitszimmer seines Vaters. Das leise Glucksen ließ ihn mitunter einschlummern. Dann vergaß er die Not des Königsreiches, und dass er noch keine Berechtigung hatte, sie zu mildern.

Platsch… ein Frosch war in die Höhe gesprungen und wieder auf der Wasseroberfläche gelandet. Das Wasser spritze hoch und kam genau über Lukas wieder herunter. Erst schüttelte er sich, dann bemerkte er den Frosch, der auf einem Seerosenblatt saß und ihn ansah.
„Na, Kleiner, wolltest du dich bemerkbar machen?“
Lukas streckte den Arm aus, und der Frosch sprang auf die nach oben gedrehte Handfläche.

Der alte König saß auf einer der Steinbänke und lehnte seinen Rücken an die von der Sonne gewärmte Hauswand. Er sah zu seinem Sohn hinüber und wieder einmal schüttelte er den Kopf. Erst dieses lächerliche Auto, dann verstand er den Sinn seiner Politik nicht, und jetzt sprach er mit einem Frosch. Und noch während er Lukas und seinen kleinen grünen Freund beobachtete, fasste er einen perfiden Plan.

Noch am gleichen Abend rief er seinen Sohn zu sich.
„Lukas, deine Mutter und ich haben beschlossen, dich zu verheiraten. Denn wenn du König wirst, brauchst du eine Frau an deiner Seite. Und das Königreich braucht einen Erben.“
Lukas versuchte sich seinen Schrecken nicht anmerken zu lassen und verneigte sich vor seinem Vater.
„Wir haben eine passende Partnerin für dich gefunden und schon am Samstag wird die Hochzeit sein.“
Lukas fluchte leise vor sich hin. Was sollte er jetzt mit einer Ehefrau? Es war doch noch viel zu früh… und dann die überstürzte Hochzeit… ihm war klar, dass da irgendetwas nicht in Ordnung war. Doch wollte er erst einmal abwarten. Zur Uni zurückkehren konnte er immer noch.

Als am nächsten Samstag Prinz Lukas in seinem Hochzeitsanzug auf seinen Platz am Kopfende der Tafel zuging, saß auf dem Platz der Braut… ein Frosch. Sein kleiner Freund aus dem Teich.
„Das arme Tier…“
dachte er spontan. Doch dann hörte er die hämischen Bemerkungen der Hochzeitsgäste, sah das boshafte Lächeln seiner Mutter und das dümmliche Grinsen seines Vaters. Er begriff… und reagierte sofort.
Mit den Worten
„Seid gegrüßt, meine Königin…“
verbeugte er sich tief vor dem Frosch.
Dann richtete er sich hoch auf und ließ seinen Blick über die Hochzeitsgäste gleiten. Über all die Tanten und Onkels, die drei Großelternpaare, deren Verwandtschaft mit dem Königshaus Lukas schon als Kind angezweifelt hatte. Die sogenannten Würdenträger, deren Aufgaben so geheim war, dass sie hohe Gehälter aus der Staatskasse bezogen. Da saßen sie alle und grinsten schadenfroh. Nur die Vertreter der Bürger schauten Lukas betroffen an, da sie nicht genau wussten, was vor sich ging.
Er klopfte mit der Gabel an sein Glas und es wurde still im Saal.
„Verehrte Hochzeitgäste…“
begann er, bevor er sich noch einmal räusperte.
„Habt Dank, dass ihr gekommen seid, um mich und meine…“
er schaute liebevoll auf den Frosch…
„meine Froschkönigin in die Ehe zu geleiten. Der Frosch ist ein starkes Symbol. Er steht für Veränderung. Für eine Zeit des Umbruches und aus dem Alten etwas Neues entstehen zu lassen.“
Lukas machte eine Pause und die Zuhörer im Saal schauten sich irritiert an. Worum ging es hier? Dem alten König lief der Schweiß den Rücken herunter.
„Dass sich in unserm Königreich vieles ändern muss, dass wisst ihr selbst. Die Stadt braucht neue Fußwege und eine neue Kanalisation. Ihr braucht ein Krankenhaus mit einer Kinderstation, einen Fußballplatz und eine Bibliothek. Ein Gymnasium, damit ihr die älteren Kinder nicht fortschicken müsst. Der See ist verschmutzt, weil alle Abwässer des Schlosses ungefiltert hineinfließen. Es wird ein hartes Stück Arbeit, unser kleines Königreich wieder herzurichten. Damit das Königshaus und auch ihr das Ziel nie aus den Augen verliert, hat mein weiser Herr Vater mich heute mit einem Frosch vermählt. Dieses kleine Tier ist sein Versprechen an euch, liebe Bürger und Bürgerinnen, den Staatshaushalt neu zu ordnen, damit genug Gelder für die Baumaßnahmen frei werden.
Und damit hebe ich mein Glas auf König Heinrich, meinen Vater. Möge er noch lange gesund bleiben, und mich lehren, wie man ein Land regiert und es zum Blühen bringt. Denn nur, wenn die Bürger zufrieden sind, hat auch das Königreich Bestand.“
Lukas setzte sich, zum Zeichen, dass er geendet hatte. Einen Moment lang war es völlig still im Saal. Jeder musste erst einmal einordnen, was er soeben gehört hatte.

Dann brach der Jubel los.
„Es lebe König Heinrich! Es lebe Prinz Lukas!“ und…
„Es lebe die Froschkönigin!“
Die Bürgervertreter sprangen von ihren Stühlen und das Volk, das den Thronsaal sonst nicht betreten durfte, strömte zu den Terassentüren herein. Sie beglückwünschten Lukas und schüttelten dem alten König die Hand, der starr vor Entsetzen alles wortlos über sich ergehen ließ. Die Kapelle stimmte eine Polka an. Der Bürgermeister zog die Königin von ihrem Stuhl und wirbelte mit ihr über die Tanzfläche.
Prinz Lukas aber beugte sich über den Frosch.
„Es wird Zeit, dass du in deinen Teich zurückkommst.“
Vorsichtig nahm er das Tier auf die flache Hand und legte die andere darüber, damit ihm nichts geschah. So durchquerte er den Saal und schlüpfte zu einer der Terassentüren hinaus. Mit großen Schritten überquerte er die Wiese. Am Schlossteich kniete er nieder und ließ den Frosch vorsichtig ins Wasser gleiten. Der tauchte unter, kam wieder hoch und schwamm ein paar Runden. Dann drehte er sich auf den Rücken und plantschte mit den Hinterfüßen. Lukas sah ihm zu und lächelte. Vom Schloss her klang der Jubel. Die Hochrufe auf den König und die Königin nahmen kein Ende.
„Ich bin raus…“ dachte Lukas, „vorerst.“
Dann legte er sich ins Gras und schlief ein.

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