Veröffentlicht: 23.09.2026. Rubrik: Unsortiert
Gospelchor
Es war Donnerstag, und es klebte Kaugummi unter der Bank. Dicker, fetter, rosafarbener Kaugummi, Tony Tayler! Diese alte Schnepfe! Wusste sie denn nicht, dass sie es war, die mit Plastikschaber ohne Rillen alle Montage unter den Kirchenbänken und hinter Säulen, ja sogar am Altar, klebte, um diese Scheußlichkeiten zu entfernen, die gelangweilte Teenager ohne Zahnspange und Würde hinterließen? Oh, wie sie ihnen allen eine Zahnspange wünschte! Eine feste, doppelreihige!
Sarah sah auf und deutete ein brennend zeigendes V des Zeige- und Mittelfingers an, das sie zwischen der Augenlinie von Tony Tayler und sich hin und her wandern ließ. Der Chor probte heute länger als sonst, und Sarah hätte langsam gerne ihre Hausaufgaben gemacht, wusste aber, dass das ihren Vater, den Pastor, nicht gefallen würde, also ließ sie es. In einer halben Std. wäre sie ohnehin dran, denn dann würde das Pop-Orgelstück, der Stolz des Jugend-Gospelchors, an die Reihe sein, und Sarah die Orgel spielen.
Wenn da mal kein Kaugummi zwischen den Registern klebte, murmelte sie in ihren nicht vorhandenen Bart. Tony Tayler war ebenfalls im Chor. Sarah musste zugeben, dass es wie ein Goldregen für die Seele war, Tony beim Singen zuzuhören, wenn sie eines ihrer Soli gab. Ihr Gesang hatte etwas zutiefst Reines und Vollkommenes.
Der Kantor kam nun auf die Altarerhöhung und blickte all die Jugendlichen, welche sich inzwischen in der Kirche eingefunden hatten, ermutigend an und winkte sie auf seine typische Art wie ein Fluglotse nach oben zu sich.
Kurz gab es ein Durcheinander, denn heute war gleichzeitig Anprobe der Roben, und so stießen alle unkontrolliert zusammen. Manche versuchten mit ihren Köpfen durch die Arme zu kommen, andere suchten allgemein den Eingang. Sarah hatte gerade den Einstieg geschafft, als sie bemerkte, wie sie deutlich zu nah an einer Person dran stand. Sie lächelte entschuldigend und half ihrem Gegenüber durch die letzten cm Stoff auch dann noch als sie begriff, wen sie da angelächelt hatte, es war niemand anderes als Tony Talyer, die nun selbst mit einem dankbaren Lächeln aus dem Robenkragen erschien.
Bevor sie Zeit hatten, darüber nachzudenken, klatschte der Kantor in die Hände, und Sarah glitt zur Heimorgel, während sich Tony nach vorne in die erste Reihe stellte, bereit für ihren Soloeinsatz später.
Die Probe war zum Niederknien lustig, kaum einer fand seinen Einsatz richtig, und das nach 20 Proben. Der Bass sang schief und schräg, der Stimmbruch war zurückgekehrt, und alle waren mehr an Lebkuchen und Punsch heute interessiert als an der großen Mette, für die sie seit Wochen probten.
Nur Tony Talyer und Sarah waren wie aus einer Harmonie geschnitzt. Der Klang der Orgel und Tonys Stimme flossen gemeinsam so dahin und übertönten alle anderen. Als Sarah nach der Probe als Letzte den roten Teppich entlang zwischen den Sitzreihen Richtung Ausgang ging, wartete Tony etwas verlegen auf sie. Es war, als wäre alle Feindschaft zwischen ihnen, die seit Kindertagen geherrscht hatte, mit weiten Flügeln davongeflogen.
Als sie am Parkplatz standen, verabredeten sie sich für Montags. Sarah wollte nicht verraten, wohin es ging. Sie machten aber einen Treffpunkt an der Fressmeile nahe der Kirche aus. Der Montag war gekommen, und Sarah steckte wie an jedem solchen Tag die 50 Dollar ein, die ihr Vater für sie bereitgelegt hatte, dann fuhr sie los.
Sie traf Tony am "timeela", und sie kauften dort Bagels, ein Päckchen Kaffee und verschiedene Säfte. Dann fuhren sie zur Kirche.
Als sie dort ankamen, brachten sie all die Köstlichkeiten, die sie vor Tony während der gesamten Fahrt hatte verteidigen müssen, in den dafür vorbereiteten Raum, der die restliche Zeit für kleine Bazare genutzt wurde. Als das schließlich erledigt war, gingen sie durch den Seiteneingang in die Kirche, und Sarah wies einladend auf eine Kirchenbank. Tony setzte sich, und Sarah rutschte hinterher, dann sah sie Tony an, ergriff ihre Hand und sprach:
"Nun, Tony Tayler, da wir Freundinnen geworden sind, habe ich ein Geschenk für dich und eine Einladung für jeden Montag deiner freien Montage."
Neugierig packte Tony das schmale, liebevoll eingepackte Päckchen aus, das ihr Sarah nun lächelnd überreichte. In dem Päckchen, wie hätte es auch anders sein sollen, war ein neuer Plastikschaber ohne Rillen.
Wenige Minuten später kam Bewegung in die Kirche. Heute war es wieder mal so weit: gemeinsamer Reinigungstag, mit anschließendem Essen.
Preiset dem Herrn!
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Autorin:Von Gott inspriert, von mir Siela/Herbstsonne, niedergeschrieben.
Meine Geschichten sind auf Rechtschreibung und Grammatik geprüft durch Chatgpt oder Copilot
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