Veröffentlicht: 10.10.2026. Rubrik: Unsortiert
Eine Currywurst am Hafen
Er war groß, beige-braun getigert, und außerdem roch er nach Schnaps. Nach gutem Schnaps, zugegeben, am Ende hatte ihm das aber auch nicht geholfen, als er voll wie eine Haubitze an eine Straßenmauer gepinkelt hatte und dabei seine guten Lederslipper besprenkelte. Verdammte Scheiße, jetzt roch er wie ein Maulesel, das seinen eigenen Mist gefressen hatte, dachte Freddie bei sich, als er sich weiter auf den Weg zur Weihnachtsfeier machte. Die eigentliche Party ging erst los, er aber war schon fertig mit der Welt. Nichts Neues in letzter Zeit, seit ihn Clara verlassen hatte. Clara war seine Tochter gewesen, ja, gewesen, verdammte Scheiße. Er donnerte die leere Glasflasche an den nächstbesten Laternenpfahl, doch diese zerbrach nicht, sondern glitt ihm lediglich aus seiner Hand und fiel klirrend zu Boden, was konnte er überhaupt..
Clara und er hatten sich gestritten, und dann war sie gegangen, mit den Worten: "Ich war die längste Zeit meines Lebens deine Tochter gewesen!" Na, was soll's, er grinste süffisant, wünschte er sich eben vom Weihnachtsmann eine neue, oder vom Christkind gleich ganz andere Sachen. Der Schweiß stand ihm im Kostüm, als er die wenigen Stufen zur Vernissage, in der die Party stattfand, erklomm. Das Kostüm war billig und heruntergekommen, wie alles in dieser Zeit, nur das Äußere seines Umfelds, das glänzte, etwas zumindest.
Aufgemacht wurde die Tür von einer dicken Hummel in Pink und Glitzerweiß. Sie summte ihm ein fröhliches Hallo entgegen, hielt aber inne, als sie ihn wohl zu riechen begann, und verließ dann einfach die halb geöffnete Tür, ihm selbst überlassend, ob er eintreten oder auf dem Absatz der Treppe halt machend wieder umkehrend diese hinunterstolpern würde, in den leeren Abend, der sich bald zur Nacht wandelte.
Im Inneren wurde Discomusik gespielt, in blechender Lautstärke. Bilder wurden von bunten Lichtstrahlen im Wechsel angestrahlt, so auch die Gesichter der Gäste, die, wie er fand, selbst verkleidet alle samt recht geldig und gepflegt aussahen. Diese Bonzen, diese elende Schickeria mit ihren Champagnerkorken im Arsch, wer wollte an so einem Ort sein? "Ich war die längste Zeit meines Lebens deine Tochter gewesen!", hallte es in seinen Ohren, und er schnappte sich einen Champagner vom Tablett, das ein Pinguin gerade vorbeitrug, und kippte ihn in einem Zug hinunter.
Was hatte er ihr getan, dass sie so zu ihm war? Ja, Freddie hatte ihr den Geldhahn zugedreht, aber doch nur, weil seine Geschäfte nicht mehr liefen. In letzter Zeit hatte er es mit krummen Dingen versucht. Eine Zeit lang war das noch recht gut gegangen, aber dann flog er auf, und um ehrlich zu sein, er war am Arsch, einfach am Arsch. Nicht mal die Matratze, auf der er abendlich seinen Suff ausschnarchte, gehörte mehr ihm. Wie sollte er da seiner verwöhnten Tochter Clara all ihre Allüren bezahlen? Der Alkohol war schon früher sein Freund gewesen, weit vor der Geburt seiner Tochter. Er war davon losgekommen, als sein Leben anfing, geordnete Bahnen zu bekommen, Familie, Job im Großraumbüro, später eigene Firma. Nun bankrott, kein Job, keine Familie mehr, Frau schon längst weg mit einem Sternekoch, der Molekularküche betrieb, wusste kein Mensch, wofür das gut war. Sein Magen knurrte. Er drehte auf dem Absatz um, nicht ohne noch einmal verächtlich in die Runde zu blicken. Sie alle an, wie sie da standen, die Nase über ihn rümpften, und tippelte die Treppenstufen hinunter, in einer plötzlichen Klarheit, als wäre sein Körper ein konzentrierter Fußballer, der einen Ball vor sich herleitete, kurz vor dem Schuss.
Die Luft war kühl, er atmete tief ein und fragte sich, wohin, da fiel ihm die Currywurstbude am alten Hafen ein, und er setzte sich in Bewegung. Es war Nacht geworden, der Himmel tiefes Schwarz, ein paar gelbgoldene Sterne. Die Kälte klirrte, aber es war schön, sie machte wach und zum ersten Mal seit langem nüchtern. Er sah die einzelnen Blätter an den Baumkronen hängen und dachte: Auch ihr müsst nun langsam loslassen.
Ein Becher heißer Tee und Currywurst mit Gewürzketchup wärmten seinen Bauch und Seele. Es war einer seiner drei letzten Scheine gewesen, die er dafür ausgab, blieben noch zweimal Essen.
Als er so aß und aufs Wasser schaute, kamen ihm plötzlich Gedanken über Müssen und Freiwilligkeiten im Leben. Über Dienen mit Freude und unter Druck oder gar Zwang. Er überlegte wie häufig er wohl in Liebe und aus freien Stücken gegeben hatte und wie oft er wohl aus Liebe und freien Stücken bekommen hatte. War es in Balance gewesen? Gab es Balance überhaupt? Oder hatte er sich nicht eher sehr raffgierig benommen, vor allem in den letzten Jahren? Wie war es seinen Mitarbeitern unter ihm ergangen? Unter wieviel Druck hatten sie Gegeben, wo war ihre Freiwilligkeit geendet? Er beschloss, diese Fragen hinten anzustellen. Wichtig war es, so stand es fest, mit ehrlicher Arbeit auf die Füße zu kommen, fürs Tägliche erst mal. Er wollte nichts Großes, er wollte erst mal für niemanden Verantwortung übernehmen müssen außer für sich selbst, keine Mitarbeiter unter sich, kein Team, das er mit in den Abgrund reißen könnte, wenn er doch wieder soff und es nicht zur Arbeit schaffte und Terminfristen dank ihm nicht eingehalten werden konnten.
Mit den Händen in den Tigerkostümtaschen wanderte er durch den Hafen und die klare Luft, bis es Morgen wurde, seine Blase drückte und er ging in die Hafenmarkthalle, um die Toiletten aufzusuchen, einmal anpinkeln hatte fürs Erste mal wieder gereicht.
Als er saß und der Urin die Keramik entlanglief, sah er sich in der Kabine um, müde vom Abend und der Nacht. Es waren Anschläge an der Tür angebracht, Werbungen zur Markthalle und eine Suche: Toilettenservicekräfte, Tariflohn, Soforteinstellung, keine Erfahrung nötig. Er zog die Spülung, ging nach Hause, brauste sich ordentlich den Dreck vom Körper und schlief vier Stunden, dann rasierte er sich und kämmte sich mit den Fingern durch die Haare. Er nahm das Rad, was ungewohnt war, und er schlenkerte, beinahe wäre er an einem Laternenmast hängen geblieben, an dem eine Flasche den Boden entlangrollte.
Das Hafeninfohäuschen verwies ihn die Gänge hinunter, die er gehen musste, und wie ein Schuljunge, der nicht recht wusste, wie er um eine neue Chance für sein Leben erfragen sollte, stand er vor der WC-Service-Chefin, die ihn musterte. "Hände", sagte sie schließlich. Er zeigte sie ihr, sie zitterten. Sie sah ihn scharf an. "Wie ich sehe, haben Sie in Ihrem Leben wohl noch nicht viel körperlich gearbeitet. Zudem scheinen Sie nicht immer ganz trocken zu sein. Allerdings haben wir alle eine Chance verdient, nicht wahr?" Sein erster Arbeitstag war der folgende Dienstag. Er fuhr wieder mit dem Rad, das Licht ging an und aus und an und aus, der Dynamo schien nicht genügend Kontakt zu finden. Doch er schaffte den Weg durch die spärlich beleuchtete Strecke, an dessen Bäume nun fast kein Blatt mehr hing.
Von seinem ersten Gehalt kaufte Freddie sich eine Matratze, die wieder ihm gehörte. Ab seiner dritten Folgemiete zog er von der Pension in ein Einzimmerapartment. Heruntergekommen? Nun, nicht ganz besenrein, könnte man sagen, doch es machte ihm nichts, wenn er nicht arbeitete, dann renovierte er, so war er beschäftigt.
Er räumte sein Heute auf und damit auch ganz langsam sein Gestern.
Seine Strafe wegen der krummen Dinge, die zuvor eine Zeit lang gelaufen waren, war wegen guten Lebenswandels auf Bewährung ausgesetzt worden. Er wartete noch auf seine Einsatzstelle, um die Sozialstunden abzuleisten, es würden viele sein, doch er würde sie machen, jede einzelne.
Und Clara …? Nun, er hatte einen zweiten Stuhl für sein Apartment gekauft, vielleicht wollte sie ja eines Tages vorbeikommen, nicht wegen Geld, sondern wegen ihm.
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Autorin: Von Gott inspiriert, von mir Herbstsonne niedergeschrieben.
Meine Texte werden von Copilot in Rechtschreibung und Grammatik überprüft.
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