Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
hab ich gern gelesen
geschrieben von Kater Moritz.
Veröffentlicht: 12.10.2026. Rubrik: Spannung


Teuflisches Tal

Wilbourg stand kurz davor, laut aufzuschreien. Nur mit Mühe konnte er sich beherrschen, es nicht zu tun. Nichts hatte darauf hingedeutet, dass der Weg an dieser Stelle abrupt endete und ein Weitergehen zu einem Absturz in eine schwindelerregende Tiefe führen würde. Ein kurzer Blick in das unter ihm liegende Tal genügte Wilbourg, um ihn erst einmal zurückspringen zu lassen. Mehr als zwei Schritte entfernte er sich dadurch nicht von dem Abgrund, aber dieser Abstand ermöglichte es ihm, sich ein wenig von seinem Schreck erholen zu können.

Er atmete tief durch. Zwang seine flatternden Nerven zur Ruhe. Dann legte er sich auf den Bauch und kroch vorsichtig vorwärts. Als er seinen Kopf über die Felskante schob und einen zweiten Blick nach unten warf, versetzte das sein Inneres schon nicht mehr in Aufruhr. Es kam ihm fast so vor, als würde ihm gerade ein alltägliches Bild gezeigt, das eigentlich keine besondere Beachtung verdiente.

Wilbourg fragte sich, wie das sein konnte. Er gehörte nicht zu den Menschen, die die Gabe besaßen, Gefahren mit einem Schulterzucken einfach abtun zu können. Wenn er in Schwierigkeiten geriet, dauerte es meistens Tage bis er innerlich über diese Ereignisse hinwegkam. Manchmal beschäftigten sie ihn auch wochenlang. Und jetzt, da er fast in den Tod gestürzt wäre, ließ ihn das kalt. Irgendetwas stimmte nicht!

Vielleicht lag es an dem Tal, dass er von seinen Gewohnheiten abwich? Es war in keiner Karte verzeichnet und schien seine Existenz einem Hieb mit einer überdimensionierten Axt zu verdanken, der die Felsen an dieser Stelle aufgespalten und zur Seite gedrängt hatte. Für das gewaltige Bergmassiv, dem diese Wunde zugefügt worden war, konnte sie natürlich nicht mehr als ein kleiner Kratzer sein. Für Wanderer wie Wilbourg und möglicherweise auch für in diesem Gebirge lebende Tiere stellte sie aber eine tödliche Falle dar, sollte sie auf der Route liegen, die sie eingeschlagen hatten.

Dieser Gedanke lenkte Wilbourgs Aufmerksamkeit auf den Talgrund. Wenn das Tal tatsächlich eine so große Unglücksstelle wäre, müssten sich dort unten die ausgebleichten Knochen und Überreste unzähliger abgestürzter Kreaturen übereinander türmen. Davon konnte er jedoch nichts entdecken. Stattdessen bot sich seinen Augen der Anblick einer idyllischen Wiese. Saftiges Grün bedeckte den Boden, drängte bis an die Felswände heran.

Das Einzige, was die Harmonie dieses nahezu perfekten Stilllebens störte, war ein dunkler kreisrunder Fleck inmitten der Wiese, der von seltsamen Stelen eingefriedet wurde. Von hier oben ließ sich für Wilbourg nicht erkennen, um was es sich dabei genau handelte. Gesetzt dem Fall seine Theorie vom Tierfriedhof enthielte ein Quäntchen Wahrheit, wäre es möglich, dass er die riesigen Rippenbögen einer urzeitlichen Echse, vielleicht sogar eines Drachens, vor sich hatte. Der dunkle Fleck könnte eine morastige Stelle oder die Öffnung eines Loches sein.
Das waren lediglich Vermutungen. Die Wahrheit würde er nie ergründen, denn jetzt wurde es für ihn Zeit, sich zu erheben und nach einem Weg zu suchen, der ihn um das eigentümliche Tal herumführte. Vielleicht bestand die Chance, am Ziel seiner Wanderung auf Einheimische zu treffen, die ihm mehr über diesen Ort berichten konnten? Dann wäre es wohl am Klügsten, seine Theorie von dem Drachenskelett zu verschweigen. Sie würde ihn wohl nur zum Gespött machen und er verspürte keine große Lust, damit in die Rolle eines Narren zu schlüpfen.

Er rappelte sich auf, kehrte dem Tal den Rücken. Bevor er sich jedoch drei Schritte von seinem Aussichtsplatz entfernt hatte, ließ ihn ein Geräusch innehalten. Es klang wie ein Ruf. Er lauschte ihm nach. Als er sich schon sicher war, sich das Ganze nur eingebildet zu haben, hörte er es wieder. „Wilbourg!“, rief eine Stimme. Und gleich darauf noch einmal.

Er hielt nach dem Rufer Ausschau, allerdings vergeblich. Erst als sein Name erneut zwischen den Felsen erhallte, war er sich sicher, wo er nach ihm suchen musste.

Wieder näherte er sich dem Abgrund. Diesmal jedoch aufrecht, nicht auf dem Bauch kriechend. Er blieb erst stehen, als seine Stiefelspitzen über die abfallende Felswand hinausragten. Frei von jeglichem Schwindelgefühl widmete er seine Aufmerksamkeit erneut dem Tal. Alles schien unverändert geblieben zu sein. Doch dann entdeckte er etwas, was neu war. Die Rippenbögen hatten sich aufgerichtet, ragten jetzt wie kerzengerade Pfähle empor. Und der kreisrunde Fleck erwies sich eindeutig als Öffnung eines Loches. In ihm huschte ein glühendes Lichterpaar umher. Wilbourg glaubte sogar zu erkennen, dass es sich dabei um die erleuchteten Augenhöhlen eines Totenschädels handeln musste. Diese Vermutung verstärkte sich als das nächste „Wilbourg!“ erklang. Es kam eindeutig aus dem Loch und konnte nur den bleichen Kiefern des Schädels entsprungen sein.

Obwohl lediglich sein Name gerufen wurde, empfand Wilbourg das als Aufforderung, an der Felswand hinabzuklettern, um dem Rufer gegenüberzutreten. Zugleich wollte er in Erfahrung bringen, was es mit dem mysteriösen Orte auf sich hatte, der sicherlich große Geheimnisse in sich barg. Die warnende Stimme, die sich leise aber eindringlich in seinem Inneren zu Wort meldete, brachte er sofort wieder zum Verstummen.

Er machte sich an den Abstieg. Wie durch ein Wunder gelang es ihm tatsächlich, unversehrt auf dem Talgrund anzukommen. Beim Blick nach oben fragte er sich kurz, wie er es wieder dort hinaufschaffen sollte. Der „Wilbourg“-Ruf enthob ihn einer Antwort.

Er eilte zu den Knochenstaketen und dem Loch. Von oben hatte es so ausgesehen, als wären beide nur eine Steinwurfweite von den Felswänden entfernt. In Wirklichkeit lag jedoch eine weite Strecke dazwischen. Außer Atem kam Wilbourg dort an. Die doppelte Anstrengung, Klettern und Laufen, machte sich bemerkbar.

Trotzdem zögerte er nicht, sich zwischen den Rippen hindurch zu schlängeln, um endlich ergründen zu können, was in dem Loch vorging. Er trat an dessen Rand. Ein tiefes Schwarz empfing ihn, aus dem kein „Wilbourg“ herausgerufen wurde. Stattdessen erklang ein Bersten und Krachen. Das Knochengerüst brach zusammen.

Die erste Rippe, die Wilbourg traf, stürzte mit ihm gemeinsam in die Tiefe. Die anderen legten sich wie eine Abdeckung über das Loch. Anschließend drängten die Felswände aufeinander zu. Als sie einander berührten, war das Tal verschwunden. Niemand hatte es je gesehen oder von ihm gehört.

Scheinbar war es nur erschienen, um Wilbourg zu verschlingen.

******************************************************
Weitere Fantasy-Geschichten von mir gibt es auf meiner Webseite:

https://katermoritzspricht.de/fanatasy-stories

Viel Spaß beim Stöbern und Lesen!

counterhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Mehr von Kater Moritz:

Woodstock-Feeling
Jeremie Schadnost - Ab und auf
Sägende Ignoranten
Angler Latein
Weiße Tauben