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geschrieben von Kater Moritz.
Veröffentlicht: 14.08.2026. Rubrik: Spannung


Weiße Tauben

Am Himmel jagten Wolken entlang. Helle und dunkle Formationen schienen sich in einem Wettstreit miteinander zu befinden. Als ging es darum, wer von ihnen die Oberhand gewinnen sollte, ballten sie sich zusammen, prallten aufeinander, schoben sich beiseite. Schließlich übernahmen die dunklen Formationen das Zepter. Sie überspannten das Firmament mit einem düsteren grauen Tuch, durch das kein Sonnenstrahl zu dringen vermochte. Klirrende Kälte breitete sich aus.

Das Klirren fand einen Widerhall unter sich. Dort zog ein mit grauen, der Wolkenfarbe ähnlichen Rüstungen gewappnetes Heer entlang. Die wuchtigen Werkzeuge des Streites, die es bei sich trug, stießen bei jedem Schritt, den es sich vorwärtsbewegte, klirrend gegen die eiserne Wehr, in die es sich gehüllt hatte. Dieses metallische Klirren im Zusammenspiel mit dem Klirren des Frostes musste jedem zufälligen Beobachter des Heereszuges das Blut in den Adern gefrieren und ihn an Ort und Stelle zur Eissäule erstarren lassen.

Völlig unbeeindruckt von dem zwiefachen Klirren zeigten sich dagegen die zehntausenden Krieger, die sich in dieser gewaltigen Schar zusammengefunden hatten. Sie keuchten unter der Last ihrer Ausrüstung. Das Tempo, in dem sie voranschritten, trieb ihnen den Schweiß aus allen Poren. Sie fürchteten sich nicht vor der Kälte, sondern empfanden sie als erfrischend. Und das Scheppern der aufeinanderprallenden Waffen, das fast wie Kampflärm anmutete, gab den Rhythmus vor, in dem sie ein Bein vor das andere setzten.

Die Reiter, die ihre forsch marschierenden Gefährten flankierten, blieben von den eisigen Fingern des Frostes nicht verschont. Trotz der Wärme, die von ihren Rössern aufstieg, kroch ihnen die Kälte unter die Rüstungen. Zumindest solange, wie sie Schritt reiten mussten. Wurde dagegen das Kommando zum Trab oder gar Galopp gegeben, brachten sie diese Anstrengungen ebenfalls ins Schwitzen.

Ihnen war es auch vergönnt, einen weiteren Blick nach vorn werfen zu können als die Fußtruppen. Deshalb erblickten einige von ihnen jetzt eine Gruppe Kundschafter, die aus einem den Horizont säumenden Wald herangeprescht kamen. Anfangs wirkten sie wie Sinnestäuschungen. Erst als sie sich der Heeresspitze immer mehr näherten, nahmen sie die Gestalt von Reitern an.

Ihr Kommen führte vorn zur Unruhe. Aus der eben noch geschlossenen Reihe der Marschierenden lösten sich mehrere Reiter. Sie galoppierten den Kundschaftern entgegen. Kurz nach dem Zusammentreffen der beiden Kavalkaden glitten alle aus den Sätteln. Einige kümmerten sich um die Pferde, die anderen steckten die Köpfe zusammen.

„Ich habe Gutes zu berichten“, verkündete der Anführer der Kundschafter nach dem er seinen Fürsten, dem Befehlshaber des Heeres, ehrerbietig begrüßt hatte. „Es ist kein Feind in unser Land eingedrungen. Zwar war ein gewaltiges Heer auf dem Weg hier her, aber es kehrte um, bevor es überhaupt in die Nähe der Grenzbefestigungen kam. Aus welchem Grund das geschah, kann ich nicht sagen. Es muss ein Wunder geschehen sein.“

„Das sind wahrhaftig gute Nachrichten.“ Der Fürst nickte dem Kundschafter mit unbeweglicher Miene zu. Entweder wusste er bereits aus anderen Quellen, dass der Feind einem Kampf ausgewichen war, oder er hatte angesichts der eigenen Heeresmacht von vornherein damit gerechnet, dass es zu keinem kommen würde. Egal, welches Wissen er vor seinem Gefolge auch verbarg, hielt er es dennoch für angebracht, dem Kundschafter Dank zu sagen. „Ihr habt Großartiges geleistet und sehr viel Mut bewiesen, Euch in Feindesland so dicht an eine solche Streitmacht heranzuwagen. Nach unserer Heimkehr sollt Ihr dafür Euren gebührenden Lohn empfangen.“

Der Kundschafter neigte sein Haupt. „Es war mir eine Ehre!“

„Nun wollen wir unser Heer und unser Volk an der eben empfangenen frohen Botschaft teilhaben lassen.“ Der Fürst wandte sich einem Diener zu. „Bring die Tauben!“
Es wurde ein Packpferd herangeführt, das zwei Käfige trug. In einem gurrten weiße Tauben, in dem anderen schwarze. Der Fürst trat an die Seite des Tieres, an dem der Käfig mit den weißgefiederten Vögeln hing. Er öffnete ihn und nahm eine Taube heraus. Als er sie mit beiden Händen umfing und die Arme nach oben streckte, brach über ihm die düstere Wolkendecke auf. Die Sonne zeigte ihr Antlitz und schickte goldene Strahlen herab, die den Fürsten in hellem Schein umhüllten. Geblendet musste er die Augen schließen. Als er sie blinzelnd wieder öffnete, öffnete er auch seine Hände.

Die Taube flatterte nach oben. Stieg über die Köpfe der Anwesenden in die Höhe und gewährte dem Heer ihren Anblick. Ihre weißen Federn verkündeten den Sieg. Dass der ohne blutige Schlacht errungen werden konnte, war wirklich ein Wunder. Tausende Schwerter wurden gleichzeitig zischend aus den Scheiden gerissen und nach oben gereckt. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich auf dem Stahl der Klingen und den Rüstungen und gaben ihrem melancholischen Grau einen freundlichen Glanz. Ein donnerndes „Hurra“ entstieg den Kehlen der Krieger, dessen Wucht die Pferde erschrocken steigen ließ und manchen Reiter aus dem Sattel warf.

„Schenkt auch den anderen weißen Tauben die Freiheit“, befahl der Fürst. „Sie sollen zurückfliegen und im ganzen Land davon Zeugnis abgeben, dass wir das Unheil abwenden konnten. Wenn wir selbst heimgekehrt sind, werden die Leute zudem erfahren, dass kein Krieger sein Leben auf der Walstatt lassen musste, um diesen Erfolg zu erringen.“

Es dauerte nicht lange bis alle Tiere befreit worden waren. Erst kreisten sie über dem Fürsten und seinem Gefolge, als erwarteten sie, zurückgerufen zu werden. Dann ließ sie ihr Instinkt sich der Heimat zuwenden.

„Was soll mit den schwarzen Tauben, den Unglücksboten, geschehen?“, wollten die Diener wissen.

„Die werden in ihrem Käfig bleiben bis wir zu Hause sind“, entschied der Fürst. „Es wäre natürlich schön, wenn wir ihre Dienste nicht mehr benötigen würden. Doch meine Erfahrung lehrt mich, dass kein Glück ewig währt. Irgendwann wird es leider auch wieder schlechte Botschaften geben, dann werden sie sich in die Lüfte erheben und von dem Unheil Kunde tun müssen.“

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