Veröffentlicht: 01.10.2026. Rubrik: Unsortiert
Jeremie Schadnost - Ab und auf
Jeremie Schadnost wartete bis seine drei Mitfahrer, Yvonne, die Nachbarin und Sir Alfried im Auto verschwunden waren, dann schloss er die Hoftür ab und stieg ebenfalls ein. Yvonne saß auf dem Beifahrersitz, die Nachbarin und Sir Alfried auf der Rückbank. Obwohl der Platz hinten locker für drei wohlgenährte Passagiere ausreichte, rutschte die Nachbarin so dicht an den Ritter heran, als wolle sie es damit zwei weiteren Leuten ermöglichen, mitfahren zu können.
Jeremie Schadnost beobachtete ihr Tun im Rückspiegel. Er sagte nichts dazu, aber auf seinem Gesicht breitete sich ein Grinsen aus, das Yvonne, die es sah und wahrscheinlich richtig deutete, dazu veranlasste, ihn in die Seite zu knuffen.
„Konzentriere dich auf die Straße und fahr endlich los!“, wies sie ihn an und gleichzeitig zurecht.
„Alle anschnallen! Die Reise beginnt“, ließ Jeremie Schadnost seine Mitfahrer wissen. Diese Ankündigung richtete sich natürlich hauptsächlich an das Pärchen auf den hinteren Plätzen. Dann gab er kräftig Gas und spielte ein bisschen mit der Kupplung, sodass die Vorderräder einige Umdrehung lang quietschend den Asphalt malträtieren konnten bis der Wagen mit einem Satz nach vorn schoss.
„Spinner!“, quittierte Yvonne das Manöver.
Die Nachbarin kreischte ihm ihren Schreck von hinten in die Ohren.
„Mylord Jeremie“, empörte sich auch Sir Alfried, „seid Ihr nicht mehr Herr über euer vierrädriges Ross. Wenn dem so ist, bringet Ihr uns alle in Gefahr, denn niemand kann erahnen, was ein Pferd, das seinem Reiter den Gehorsam verweigert, anstellen mag. So Euch die Autorität fehlt, diesen Zossen zu bändigen, will ich gerne die Zügel in die Hand nehmen und Euch vorführen, wie man die Dominanz zurückerlangt.“
„Spar dir mal deine Dominanz für das Pferdchen auf, das neben dir hockt!“, ätzte Jeremie Schadnost daraufhin den Ritter an. Dafür fing er sich einen weiteren Ellenbogencheck von Yvonne ein und die Nachbarin zischte ihm eine Verwünschung ins rechte Ohr, die die Funktionsfähigkeit des Hörorgans während der ganzen Fahrt stark beeinträchtigte.
Sir Alfried gab nur ein Grunzen von sich, das offenbar seine Missbilligung zum Ausdruck bringen sollte.
Nach diesem kurzen Wortwechsel herrschte Ruhe im Wageninneren. Da die Reise aber als Einkaufsbummel geplant war, endete sie bereits nach zehn Minuten auf dem Parkplatz des örtlichen Einkaufcenters. Hier musste das Schweigen gebrochen werden, weil das nachfolgende Vorgehen einer Koordination bedurfte.
Nach einem gewissen Hin- und Her hatten sich Yvonne und die Nachbarin darauf geeinigt, wie es weitergehen sollte. Jeremie Schadnosts und Sir Alfrieds Vorstellungen blieben unberücksichtigt, was dem Umstand geschuldet war, dass die beiden Herren gar nicht erst in die Planung einbezogen wurden. Das machte sie ungewollt zu Leidensgenossen und damit gewissermaßen zu Verbündeten, für die die vorangegangenen Kalamitäten jetzt keine Rolle mehr spielten.
Das Quartett zog los. Vorneweg mit hocherhobenen Häuptern die Damen. Die Herren schlurften hinterher wie Knappen, die lediglich zum Bezahlen und zum Schleppen der erbeuteten Waren angeheuert zu sein schienen.
Im Eingangsbereich des Konsumtempels beförderte ein Fahrstuhl die Kunden in die oberen und unteren Etagen. Yvonne und die Nachbarin steuerten zielstrebig auf ihn zu. Als sie davorstanden und sich Sir Alfried offenbar der Zweck dieses Vehikels erschloss, streckte er die Hände von sich, als wolle er ein Übel daran hindern, sich seiner zu bemächtigen. „Niemals werde ich die Pforte dieses Teufelkorbs überschreiten! Ich lasse mich von keinem solchen bösen Magierwerk in die Hölle zerren! Fahret Ihr nur dahin. Geduldig will ich Eurer hier harren.“
Bevor das ritterliche Gezeter Aufmerksamkeit erregen konnte, reagierte die Nachbarin mit einem beherzten Schubser, der Sir Alfried in den Fahrstuhl beförderte. Er stolperte hinein und hatte Mühe und Not, auf den Beinen zu bleiben. Nur seine ausgestreckten Hände bewahrten ihn vor einem Sturz. Unglücklicherweise touchierte er dabei mit ihnen alle Etagenknöpfe gleichzeitig. Der Aufzug rumorte kurz, dann führte er den ungewohnten Befehl aus. Er war allerdings so gnädig, die Nachbarin ebenfalls einsteigen zu lassen, dann ging die Reise los.
Jeremie Schadnost und Yvonne beobachteten wie der Fahrstuhl bis in die oberste Etage fuhr. Von dort kehrt er ohne Halt zurück und tauchte zu den unteren Geschossen hinab. Das wiederholte sich mehrere Male. „Du oben! Ich unten!“, rief Yvonn Jeremie Schadnost irgendwann zu und er verstand denn Sinn ihrer Worte. Beide hetzten zu den Treppen. Jeremie Schadnost verfolgte die Kabine auf ihrem Weg nach oben. Yvonne jagte ihr in die Untergeschosse nach.
Da sie beide über ausgezeichnete Konditionen verfügten, schafften sie es eine ganze Weile, mit dem durchgeknallten Aufzug Schritt zu halten. Aber immer, wenn sie sich während ihrer Extremdisziplin begegneten, sahen sie sich gegenseitig an, wie sehr sie das Treppauf-Treppab schlauchte. Ihre Gesichter glühten. Die Haare klebten klatschnass an den Köpfen. Und sie keuchten nach Luft als wären sie kurz vor dem Ersticken.
So eine Tortur hält natürlich kein Organismus auf Dauer aus. Zumal das Rennen dem Wettlauf zwischen Hase und Igel sehr ähnelte. Wenn Jeremie Schadnost ganz oben und Yvonne ganz unten angekommen waren, schien die Kabine ihnen immer entgegen zu höhnen: „Ich bin all hier!“ und läutete damit sogleich die nächste Etappe der Tour ein.
Als das Rennen sich fast schon dem dramatischen Ende der Fabel näherte, allerdings mit zwei kollabierten „Hasen“, gab die Fahrstuhltechnik den Geist auf. Mit einem Ruckeln kam die Kabine im Erdgeschoss, in dem die beiden Verfolger gerade eintrafen, zum Stehen. Zischend glitten die Türen auseinander.
Was Jeremie Schadnost und Yvonne danach erblickten, verschlug ihnen die Sprache. Obwohl das Fahrstuhlinnere auf eine Wohlfühltemperatur heruntergekühlt worden war, unterschied sich das Aussehen der Nachbarin und Sir Alfrieds nicht einen Deut von dem ihren. Die beiden erweckten den Eindruck, ebenfalls einen Triathlon hinter sich zu haben. Verschwitzt. Zerzaust. Nach Luft ringend. So schleppten sie sich aus der Kabine heraus.
Was mochte ihnen nur widerfahren sein …
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Viel Spaß beim Stöbern und Lesen!
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