Veröffentlicht: 14.08.2026. Rubrik: Aktionen
Angler Latein
Die Planung und Vorbereitung hatte Wochen in Anspruch genommen. Bernd und sein Kumpel Lutz waren unzählige Male zusammengekommen, um ihren großen Fischzug akribisch vorzubereiten. In ihrem Freundeskreis kursierte schon der Verdacht, sie könnten einen Banküberfall oder Schlimmeres austüfteln. Der Grund für solche haarsträubenden Spekulationen lag auch darin, dass die Beiden mit keiner Silbe verlauten ließen, was sie eigentlich planten.
Am Anfang wurden ihre nicht ganz geheimen Geheimtreffen noch belächelt. Im Laufe der Zeit argwöhnten dann einige Typen in ihrem Freundeskreis, es sei etwas Illegales am Köcheln. Zu guter Letzt erwarteten die Meisten, dass auf ihren Handys schon im nächsten Moment die Eilmeldung aufploppen könnte, Bernd und Lutz seien bei … frisch ertappt worden und befänden sich nun in Gewahrsam der Behörden. Die ganz Vorsichtigen legten sich schon Argumente zurecht, mit denen sie sich bis zum nächsten Hahnenschrei mindestens dreimal von den Delinquenten distanzieren konnten.
Dabei heckten Bernd und Lutz etwas völlig Profanes aus. Sie wollten für ein paar Tage gemeinsam zum Angeln fahren. Da sie sich bis dato nie als Petrijünger geoutet hatten und auch nicht bekannt war, dass sie jemals in der Nähe einer „Wasserpfütze“ mit Angel und Köder gesehen worden seien, erachteten sie es für klüger, ihr Vorhaben geheim zu halten. Schließlich kannten sie ihre Kumpels. Die würden sie mit Spötteleien überkübeln, sobald sich herumgesprochen hätte, dass sie als absolute Laien aufbrechen wollten, um die ganz großen Fische an Land zu ziehen.
Hätten sie ihre Absichten an die große Glocke gehangen, wären sie nicht umhingekommen, zu erklären, dass das mit den „ganz großen Fischen“ nicht nur so daher gesagt war, sondern wörtlich zu nehmen sei. Schließlich wollten sie ihr Angel-Debüt nicht an einem kleinen Tümpel geben. Dafür hatten sie sich das große weite Meer, oder wenigstens die Nordsee, auserkoren. Und dort lauerten unter der gischtigen Oberfläche bekanntlich keine Plötzen und Schleien, sondern Schuppentiere von ganz anderem Kaliber.
Das Angeln selber bereitete ihnen kein Kopfzerbrechen. Einen Köder auf einen an einer Schnur befestigten Haken zu stecken, ihn ins Wasser zu werfen und dann darauf zu warten, dass ihn ein kapitales Fischlein verschlang, war ja nun wirklich kein schwieriges „Latein“, obwohl immer ein so großes Gewese darum gemacht wurde. Komplizierter gestaltete sich schon das Drumherum. Also Auswahl des richtigen Ortes, Anreise, Unterkunft und der ganze andere Kram, dem man bei einem solchen speziellen Vorhaben Beachtung schenken musste. Zum Glück waren Bernd und Lutz Organisationsgenies, denen all diese Vorbereitungen leicht von der Hand gingen. Nur ihr Perfektionismus stand ihnen im Wege. Sie gaben sich mit einer Sache erst zufrieden, wenn sie deren Ablauf bis ins winzigste Detail durchgeplant hatten und damit etwaige Überraschungen von vornherein ausschließen konnten.
Da selbst Perfektionisten irgendwann einmal ihr Ziel erreichten, gelang es auch den Beiden, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Bevor sie das jedoch taten, ließen sie die Bombe in ihrem Bekanntenkreis platzen, was sie vorhatten. Die Begeisterung darüber hielt sich allerdings in Grenzen. Nach all der Geheimnistuerei hatte ihr Umfeld wahrscheinlich mit einer Sensation gerechnet. Dass jetzt nur ein Angelausflug ans Licht kam, führte zu einer gewissen Enttäuschung.
Nichtsdestotrotz wurden sie mit einem enthusiastischen „Petri Heil“ verabschiedet und bei ihrer Rückkehr von ein paar Neugierigen erwartet, die wohl darauf spekulierten, ein Mahl aus Meeresgetier kredenzt zu bekommen. In dieser Hinsicht wurden sie leider enttäuscht. Dafür kredenzten ihnen Bernd und Lutz eine Geschichte, die das gewöhnliche Anglerlatein weit in den Schatten stellte.
Bernd beantwortete die kaum überraschende Frage, wie erfolgreich ihr Angelausflug denn nun war mit einer verschmitzten Miene, aber ohne Erklärung.
Dafür kam Lutz zu Wort: „Tja, das war so. Gleich am ersten Morgen bestiegen wir unseren gemieteten Kutter und tuckerten mit ihm zu den ergiebigen Fanggründen, über die wir uns im Vorfeld schlau gemacht hatten. Das waren natürlich ganz andere, als sie uns die Einheimischen empfahlen. Denn die wollten uns dorthin schicken, wohin sich nie ein Fisch verirrte. Als wir also an Ort und Stelle ankamen, warfen wir zuerst den Anker und dann unsere Angeln aus. Und damit nahm der Spaß seinen Anfang. Denn von diesem Augenblick an, waren wir zur Schwertarbeit verdonnert. Die Fische stürzten sich wie verrückt auf unsere Köder. Wir schafften es kaum, sie aus dem Wasser zu hieven, solch Prachtexemplare bissen an. Unsere Setzkescher füllten sich zunehmend und wir machten uns schon Sorgen, was wir mit den vielen Fischen anfangen sollten …“
„… und dann geschah es!“, angelte sich jetzt Bernd den Gesprächsfaden. „Plötzlich biss kein Fisch mehr. Die Setzkescher, in denen es bisher brodelte wie in einem Vulkan, erstarrten zu Stillleben. Selbst die Wogen des Meeres legten sich. Das Schaukeln unseres Kahnes endete abrupt. Doch diese Ruhe währte nur einen Moment. Dann frischte der Wind auf. Die Wasseroberfläche begann sich zu kräuseln. Unsere Fischlein erwachten zu neuem Leben. Allmählich steigerte sich dieser Zustand, bis er schließlich in einem Fauchen des Sturmes, Toben der Wellen und einem Verrücktspielen unserer Beute gipfelte. Unser Kutter wurde vom Orkan hin- und hergeworfen, von Brechern überrollt. Wir fühlten uns wie auf der Titanic …“
Bernd musste keuchen, was Lutz dazu nutzte, die dramatische Geschichte fortzusetzen: „… der ohnehin schon dunkle Himmel verfinsterte sich vollends, als ihn zwei riesige Schwingen verdeckten. Ein Ungeheuer, ein Drachen fegte heran. Er umkreiste uns. Spie Flammen aus seinen Nüstern und senkte sich schließlich auf das Dach unser Steuerhauses herab. Zum Glück, wussten wir sofort, was wir zu tun hatten, um die Kreatur friedlich zu stimmen, um letztlich unser Leben zu retten. Wir schnappten uns unsere Setzkescher und fütterten das Untier. Damit konnten wir ihn besänftigen …“
Jetzt war Bernd wieder am Zuge: „… als er den letzten Fisch verschlungen hatte, fauchte der Drachen noch einmal furchterregend. Anschließend erhob er sich in die Lüfte. Wieder brach ein Chaos aus, dem wir jedoch erneut widerstehen konnten. Nach dieser Apokalypse wagte sich kein Fisch mehr in die Nähe unserer Köder. Wir holten unsere Angeln ein und kehrten an Land zurück. Auch in den nächsten Tagen schien das Meer wie leer gefegt zu sein …“
„… und deshalb sind wir ohne einen einzigen Fisch nach Hause gekommen!“, fügte Lutz als Fazit der Geschehnisse hinzu.
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