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geschrieben von Pierre 64.
Veröffentlicht: 13.10.2026. Rubrik: Unsortiert


Popey, Grumpy Cat und der Sirtaki des Gottes Pan

Popey, Grumpy Cat und der Sirtaki des Gottes Pan

Die Sonne stand tief über dem Indischen Ozean, als die MS Makrele mit ruhigem, fast meditativem Seegang nach Westen glitt. Auf dem Achterdeck mischte sich die salzige Brise mit dem süßen Aroma von getrockneter Katzenminze und einer herbsüßen Note von bestem Pfeifentabak. Käpt’n Popey, ein prachtvoller Birma-Kater in einer tadellosen, schneeweißen Uniform, lehnte mit lässiger Eleganz an der hölzernen Reling. Seine Kapitänsmütze saß verwegen schief, die hölzerne Pfeife ruhte fest im Maul, und sein Blick schweifte stolz und weit über die unendliche Weite des Wassers. Er genoss den Moment der absoluten Kontrolle über sein Schiff.

Neben ihm saß Grumpy Cat.

Wobei „sitzen“ eigentlich das falsche Wort war. Er thronte eher wie ein mürrischer, flauschiger Felsbrocken. Er saß nicht aus Vergnügen; er saß dort, weil das Deck nun einmal unter ihm existierte und das Aufstehen eine völlig unnötige Verschwendung von Lebensenergie bedeutet hätte. Seine Mundwinkel zeigten so steil nach unten, als wollten sie den Meeresboden berühren, und seine Augenbrauen waren tief in die Stirn gezogen. Selbst das spektakuläre Abendrot, das den Himmel in ein Meer aus Purpur und Gold tauchte, schien ihn ganz persönlich zu beleidigen.

„Schönes Wetter heute, Nummer Eins“, meinte Popey schmunzelnd und blies einen perfekten, kleinen Rauchkringel in die Luft, der sich im Wind kurz zu einem winzigen Anker formte, bevor er verging.

Grumpy Cat starrte ungerührt auf die Wellen und knurrte etwas, das ungefähr klang wie: „Wetter ist auch nur verdampftes Wasser. Und überhaupt: Optimismus ist der Anfang vom Ende.“

Genau in diesem Moment geschah etwas Unerwartetes. Aus den alten, etwas blechernen Lautsprechern der MS Makrele drang ein erster, metallisch-warmer Ton einer Bouzouki. Er vibrierte in der Abendluft. Dann folgte ein zweiter, schnellerer. Und plötzlich brach ein ganzer Schwarm von Tönen hervor – flink, sonnenbeschienen, unverkennbar griechisch, als hätte jemand die gesamte Ägäis mit all ihrer Lebensfreude direkt in die Musikanlage gekippt.

Popey spürte sofort, wie das Rhythmusgefühl in seine Pfoten schoss. Er nahm die Pfeife aus dem Maul, klopfte sie bedächtig aus und stellte sie vorsichtig auf eine messingglänzende Relingklampe.

„Grumpy“, sagte der Kapitän mit feierlichem Ernst in der Stimme, „heute erfinden wir das Rad nicht neu. Heute erfinden wir den Sirtaki.“

Grumpy Cat blinzelte. Langsam. Unendlich misstrauisch. Es war exakt derselbe Blick, den er auflegte, wenn ihm jemand vorschlug, ein freiwilliges Bad in der Badewanne zu nehmen. „Tanz ist die logische Konsequenz von zu viel Freizeit“, brummte er.

Doch bevor er sich wegdrehen konnte, geschah das Unmögliche.

Zwischen zwei tiefen Sonnenstrahlen, genau neben dem roten Rettungsring, materialisierte sich flimmernd ein Wesen. Es hatte die behaarten Beine und Hufe einer Ziege, geschwungene Hörner auf dem Kopf, ein Lächeln so breit und berauschend wie ein ganzer Weinberg im Spätsommer und eine hölzerne Panflöte in den Händen. Es war der Gott Pan höchstselbst – sonnenverbrannt, wild, fröhlich und intensiv nach Waldboden, wildem Thymian und Meersalz riechend.

„Ah! Katzen auf hoher See!“, rief Pan mit einer Stimme, die wie Donnergrollen klang, und lachte so schallend, dass ein Schwarm schlafender Möwen erschrocken vom Schornstein aufflog. „Das fehlte mir noch in meiner jahrtausendealten Sammlung!“

Ohne Vorwarnung setzte er die Flöte an die Lippen. Die Töne, die er hervorbrachte, waren hell, albern, uralt und besaßen eine magische Schwerkraft, der man sich nicht entziehen konnte. Die Bouzouki aus den Boxen und Pans mythische Flöte fanden sich augenblicklich. Es war ein wildes Duett aus Holz, Metall und antiker Magie.

Käpt’n Popey machte den ersten Schritt.

Er breitete die Arme aus, setzte die Pfoten im perfekten Takt auf das Teakholz-Deck. Der Sirtaki begann langsam – mit diesem berühmten, wiegenden, fast nachdenklichen Schreiten, bei dem man erst die Balance prüft, bevor man beschließt, dass die Schwerkraft ab sofort nur noch eine unverbindliche Empfehlung ist.

Und Grumpy Cat? Niemand weiß bis heute, welche urzeitliche Kraft ihn packte, aber er wurde mitgerissen.

Nicht aus plötzlicher Freude, bewahre! Sondern aus reinem, purem Trotz. Wenn er schon gezwungen war, an diesem interdisziplinären Wahnsinn teilzunehmen, dann würde er verdammt noch mal der grimmigste und präziseste Tänzer auf diesem Ozean sein.

Sie stellten sich Schulter an Schulter auf – so gut es eben ging, wenn ein stolzer Birma-Kapitän und eine weltberühmte, griesgrämige Internet-Ikone nebeneinanderstanden. Popey führte die Schritte mit eleganter, majestätischer Pfotenarbeit an. Grumpy Cat hingegen stampfte auf das Holz mit der Miene eines Katers, dem man gerade die letzte Dose Thunfisch vor der Nase weggeschnappt hatte – aber er traf jeden einzelnen Beat mit chirurgischer Präzision.

Pan hüpfte auf seinen Hufen im Kreis um sie herum. Seine Flöte trillerte in schwindelerregenden Höhen, die Bouzouki raste im Tempo eines Expresszugs, und die MS Makrele schien im Takt der Musik sanft von links nach rechts zu schaukeln. Plötzlich fingen die Deckscheinwerfer an, im Neonrhythmus zu pulsen, obwohl sie niemand eingeschaltet hatte. In der Ferne tauchten am Horizont die Umrisse einer felsigen Insel auf; dort saßen Sirenen auf den Klippen, die diesmal keine Seefahrer ins Verderben locken wollten, sondern begeistert im Takt Beifall klatschten.

Der Tanz erreichte seinen Höhepunkt. Das Tempo war atemberaubend.

Popeys Kapitänsmütze wirbelte durch die Luft. Grumpy Cats Schnurrhaare zitterten vor maximaler Anstrengung und eisernem Prinzip. Sie drehten sich im Kreis, sie stampften, dass das Deck bebte, und dann machten sie ihn: den großen, legendären Sirtaki-Sprung.

Für einen winzigen, magischen Herzschlag verließen alle vier Pfoten beider Katzen gleichzeitig den Boden. Der Kapitän, der Griesgram und der antike Gott schwebten im exakten Gleichklang über dem Indischen Ozean, silhouettiert gegen die untergehende Sonne.

Mit einem letzten, glückseligen und langgezogenen Lauf seiner Flöte beendete Pan das Stück.

Plötzlich herrschte Stille.

Nur noch das gleichmäßige Rauschen der Wellen war zu hören. Und das schwere, keuchende Atmen zweier Katzen.

Popey fing seine Mütze aus der Luft, setzte sie auf, fischte ein Streichholz aus seiner Uniformtasche und zündete seine Pfeife wieder an. Er stützte sich auf die Reling, atmete den Rauch aus und grinste breit.

„Na, Nummer Eins?“, fragte er mit funkelnden Augen. „Wie war ich?“

Grumpy Cat setzte sich schwerfällig hin. Er strich sich mit einer Pfote über ein unsichtbar verschobenes Haar am Bauch, blickte starr und ungerührt auf das nun dunkler werdende Meer hinaus und schwieg einen Moment.

„War mittelmäßig“, sagte er schließlich mit seiner gewohnt rauen Stimme.

Aber ganz, ganz kurz – so flüchtig, dass es wirklich nur der Gott Pan und das Holz der alten MS Makrele bemerken konnten – zuckte sein linker Mundwinkel. Nicht nach oben, das wäre zu viel verlangt gewesen. Aber er zeigte für den Bruchteil einer Sekunde auch nicht mehr nach unten. Er war einfach... neutral.

Pan verbeugte sich tief und voller Respekt vor den beiden Stubentigern, steckte seine Panflöte ins dichte Fell und löste sich mit einem leisen Lachen im letzten Abendgold des Horizonts auf.

Die MS Makrele setzte ihre Fahrt in die Nacht fort. Und irgendwo tief unten im Maschinenraum, zwischen dem Stampfen der Kolben, summte immer noch ganz leise eine Bouzouki, als hätte das Schiff selbst beschlossen, den Sirtaki der Katzen niemals ganz zu vergessen.

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