Veröffentlicht: 17.10.2026. Rubrik: Unsortiert
Popeys Zeitreisen 3 Ein Besuch bei Karl May
Popeys Zeitreisen 3 Ein Besuch bei Karl May
Die sächsische Nacht war tief und still. Nur das rhythmische, fast meditative Kratzen einer stählernen Feder auf schwerem, handgeschöpftem Papier durchbrach die andächtige Dunkelheit in der Arbeitsstube der Villa „Shatterhand“. Karl May saß an seinem massiven Eichenschreibtisch, die Stirn in tiefe Falten gelegt, während das sanfte Licht einer Petroleumlampe lange Schatten an die Wände warf, die mit indianischen Decken und Jagdtrophäen geschmückt waren. Doch in dieser Nacht erfand der berühmte Schriftsteller seine Abenteuer nicht allein.
Auf der Kante des Tisches, die linke Pfote elegant auf ein gläsernes Tintenfass gestützt, thronte Käpt’n Popeye – der prächtigste Heilige Birmakater, den das Universum je gesehen hatte. Sein dunkelblaues Kapitänsjacket mit den goldenen Ärmelstreifen war tadellos gebügelt, die weiße Schirmmütze saß keck und schief zwischen seinen dunklen Point-Ohren, und eine kleine, hölzerne Pfeife steckte lässig in seinem Fangzahn. Seine tiefblauen Augen, die die Farbe des tiefsten Ozeans widerspiegelten, folgten aufmerksam jeder Bewegung von Karls Hand.
Dass ein sprechender Kater im Kapitänsanzug ausgerechnet im Jahr 1894 im sächsischen Radebeul gelandet war, verdankte er einem genialen physikalischen Geniestreich: Daniel Düsentriebs hochentwickeltem Zeitantrieb. Diese meisterhafte Apparatur war ein wildes, faszinierendes Wirrwarr aus polierten kupfernen Zahnrädern, sanft pulsierenden Vakuumröhren, Hebeln und einem ununterbrochen tuckernden Chrono-Katalysator. Düsentrieb hatte den Antrieb fest im Maschinenraum von Popeyes stolzem Segelschiff, der Ms. Makrele, verbaut. Ein unvorsichtiger Pfotendruck auf den großen, roten Hebel während eines Sturms hatte den Dreimaster mitsamt seiner Crew mitten durch das zerrissene Raum-Zeit-Kontinuum katapultiert. Statt im sicheren Hafen des 21. Jahrhunderts materialisierte sich das Segelschiff mit einem gewaltigen Wasserschwall mitten auf der Elbe – direkt vor den Toren von Radebeul.
Karl May hatte nicht schlecht gestaunt, als er bei seinem morgendlichen Spaziergang ein hochmodernes Segelschiff im Fluss verankert sah und kurz darauf von einem hochdekorierten Birmakater begrüßt wurde. Doch statt in Panik zu geraten, erkannte der Visionär im Kater sofort einen verwandten Geist. Zwischen den beiden Weltenbummlern – dem Schriftsteller, der ferne Länder in seiner Fantasie bereiste, und dem Kater, der dank Düsentriebs Technik die Epochen wechselte – entstand eine außergewöhnliche Symbiose. Sie beschlossen, gemeinsam an einem neuen, monumentalen Werk zu arbeiten: Old Surehand.
Ihr Arbeitsrhythmus war so exakt aufgeteilt wie die Wachen auf einem Schiff:
Am Tag gehörte die Feder ganz Karl May. Wenn das Sonnenlicht warm durch die großen Fenster fiel, webte der Autor die dramatischen Handlungsstränge. Er erfand moralische Dialoge über Recht und Gerechtigkeit und ließ Old Shatterhand und den edlen Apachenhäuptling Winnetou in gewohnter Pracht durch die weite, staubige Prärie reiten. Er legte das Fundament für die Tragik um die Herkunft des geheimnisvollen Westmanns Old Surehand.
In der Nacht jedoch änderte sich das Regiment in der Villa. Sobald die Standuhr im Flur Mitternacht schlug und Karls Augen müde wurden, übernahm Käpt’n Popeye das Kommando. Der Birmakater tauchte die Feder mit erstaunlichem Geschick in die dunkle Tinte. Mit der unbändigen, farbenfrohen Fantasie eines echten Seemanns schrieb er die actionreichen Jagdszenen, die kniffligen Fährtenlesereien und die humorvollen Einlagen der skurrilen Westmänner wie Dick Hammerdull und Pitt Holbers.
„Weißt du, Karlchen“, miaute Popeye mit seiner rauen, vom Meersalz gegerbten Stimme und blies einen kleinen, perfekt geformten Rauchring aus seiner Pfeife, der langsam zur Decke schwebte. „Dein Old Surehand braucht mehr Biss, mehr Instinkt! Der Mann darf nicht nur grübeln. Er muss das Visier seines Gewehrs so scharf und unbestechlich im Blick haben wie eine Katze das leiseste Rascheln im Unterholz. Und verpass ihm diesen unerschütterlichen Optimismus. Einen Glauben daran, dass am Ende das Gute siegt – genau wie der Wind, der meine Ms. Makrele immer sicher durch jeden Sturm nach Hause treibt.“
Karl May hielt inne, strich sich nachdenklich durch den Schnurrbart und blickte auf die frisch geschriebenen Zeilen des Katers. Er lächelte breit und nickte tief beeindruckt. „Ein phantastischer Einfall, mein haariger Freund. Ein echter Westmann braucht in der Tat die Sinne eines Raubtiers und das Herz eines Kapitäns.“ Er nahm die Feder wieder auf, um Popeyes schwungvolle Gedanken in den Haupttext einzuflechten. Durch diesen einzigartigen Einfluss bekam die literarische Figur des Old Surehand eine völlig neue, tiefgründige Facette: die messerscharfe Intuition einer Katze gepaart mit dem unbestechlichen Ehrenkodex der Meere.
Während draußen im Garten die Ms. Makrele im sächsischen Nachtwind leise im Flussbett der Elbe schaukelte und der Zeitantrieb von Daniel Düsentrieb tief im Rumpf des Schiffes ein leises, beruhigendes und fast magisches Summen von sich gab, schufen der Birmakater und der Schriftsteller Seite für Seite Weltliteratur. Es war eine Sternstunde der Kreativität – eine Zusammenarbeit über die Grenzen der Jahrhunderte hinweg, ermöglicht durch ein technisches Wunder und die unsterbliche Liebe zum Geschichtenerzählen.





