Veröffentlicht: 18.10.2026. Rubrik: Satirisches
Der Schuhkauf
Ein Tausendfüßler betrat das Schuhgeschäft. Bereits als sein erster Fuß die Schwelle des Ladens überschritt, bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn. Schuhe kaufen – er hatte es noch nie gemacht. Oder besser gesagt: er hatte sich immer erfolgreich davor gedrückt.

Als sich endlich auch der letzte seiner Füße im Ladeninneren befand und die Tür wieder geschlossen werden konnte, atmete er einmal tief durch.
„Bäääh, wie es hier schon riecht“, ging es ihm durch den Kopf. Es war eine Mischung aus Gummi, Leder, Schweiß und billigen Parfums, die die Luft schwer wie Blei machten.
„Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?“, fragte die Verkäuferin, die zwar erfahren in ihrem Fach war, aber so einen Kunden noch gesehen hatte.
Der Tausendfüßler räusperte sich und sagte leicht verlegen: „Ich brauche Schuhe.“
„Aha, und wie viele?“
Der Tausendfüßler drehte seinen Kopf in Richtung Hinterteil und sagte, mit dramatischem Unterton: „Viele, seeeeehr viele.“
Die Verkäuferin zog eine Augenbraue nach oben. „Für… alle… Füße?“
„Ja. Und bitte nichts mit Schnürsenkeln. Ich habe keine Zeit für so etwas.“
Sie führte ihn zu einem Regal, das normalerweise für Großfamilien und Vereine gedacht war. Der Tausendfüßler musterte die Auswahl kritisch. Dann begann er mit der Anprobe.
„Diese hier drücken und die da sind zu laut. Ich will nicht, dass man mich hört, wenn ich unterwegs bin.“
Die Verkäuferin nickte, als wäre das völlig normal, und holte neue Probepaare: Sandalen, Slipper, leichte Sportschuhe, ein Paar elegante Lederschuhe und Stiefelletten. Der Tausendfüßler probierte und probierte - Fuß für Fuß. Es dauerte drei Stunden, vier Tassen Kaffee und unzählige Seufzer, bis er endlich für jeden seiner Füße einen passenden Schuh gefunden hatte. Es war eine wilde Mischung aus Farben und Stilen. Aber jeder Fuß schien glücklich zu sein, so wie der Träger.
„Wie fühlen Sie sich?“ fragte die Verkäuferin.
Der Tausendfüßler strahlte. „Hervorragend. Ein Fuß besser als der andere.“
Stolz begab er sich zur Kasse, schaute nochmals in Richtung Hinterteil, beziehungsweise auf seine neue Errungenschaft und verließ den Laden.
Ein rhythmisches tipp-tipp-tipp-tipp war noch so lange im Geschäft zu hören, bis auch der letzte Fuß die Ladenschwelle überschritten hatte. Dabei seufzte er laut: "Was für eine Geburt! Mensch müsste man sein!“
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