Veröffentlicht: 26.10.2026. Rubrik: Unsortiert
Warum Yoga noch beschissener als Meditieren ist
(Sozusagen geradezu Militär-Latrinen-artig)
Früher, als mein Leben noch eher einer Achterbahnfahrt glich, wusste ich noch nichts über Yoga.
Es war eine kleine Achterbahn – eher so bei einer Dorfveranstaltung.
Immerhin ein größeres Dorf, wo schon nicht mehr jeder jeden kennt, aber doch die meisten.
Eine, wo man sich bei stärkerem Wind fragen musste – und es war windig gewesen an jenem Tag –, ob die Aufsteller, die ja wahrscheinlich auch gerne mal einen wegbecherten, was will man auf so einem Dorfplatz auch sonst machen, das Ding so stark den Sicherheitsbestimmungen entsprechend aufgebaut hatten, dass man da relativ gefahrlos mitfahren konnte.
Der Wind klapperte die Reklameschilder durch.
Ich hasste Achterbahnfahrten, es machte mir Angst, aber ich war unter Beobachtung und konnte mir keine Blöße geben.
Außerdem war es ja nur eine Metapher für mein an abrupten Richtungswechseln nicht armes Leben und braucht hier gar nicht mehr weiter verfolgt zu werden, erstmal.
Ja, wie eine blöde, kein Ende finden könnende Parabel mit Größenwahn – so in Richtung steiler Sinuskurve. Aber immerhin: Keine Loopings, bisher.
Ich meinerseits beobachtete einfach zurück.
Was ich außerdem noch hasste, waren Fischbrötchen. Das war bekannt, und mir wurden am Fischbrötchenstand 50 (damals Mark) geboten, eins zu essen. Dem einen konnte mensch ansehen, wie sehr es mal ein lebendiger Fisch war – Hering oder so. Ich wählte das andere. Lachs oder so. Ich habe nie wieder etwas so ekelhaft nach Fisch Schmeckendes gegessen wie dieses Lachsbrötchen.
Das waren meine ersten Erfahrungen mit reiner Prostitution, die wir im Kapitalismus ja alle machen, auf die eine oder andere Art, manche mehr, manche weniger. Ich mehr.
Natürlich werde ich nicht meine ganze Lebensgeschichte ausbreiten.
Viele Jahre nach dem Jahrmarkt zerbrach meine Beziehung an Yoga, was ich ihm vorerst nicht verzeihen konnte. Bis zum holotropen Atmen konnte ich es dem Yoga nicht verzeihen. Aber das war auch nur ein Zwischenstand. Mal konnte ich dem Yoga verzeihen, mal nicht.
Plötzlich aß sie Salat und nahm ab. Nicht, dass sie fett gewesen wäre, aber doch ähnlich undiszipliniert angesichts eines leckeren Eises. Plötzlich: Sehr viel Salat. Aber wen interessieren schon Trennungsanbahnungen? Ich kürze auf Substantive:
Ach was, auf Leerzeichen.
Es ist ja auch egal. Auch, obwohl Kinder involviert waren. Und der andere Typ sicher ein Arschloch war. Der ihr gegenüber sogar mal gewalttätig wurde. Ja, sie konnte einen reizen bis zum Plasma. Er soll sie gewürgt haben (obwohl er ja auch Yoga machte – von ihm hatte sie es ja wahrscheinlich übernommen). Ja, sie reizte ihn (trotz Yoga) und er würgte sie – ebenfalls trotz Yoga. Und phasenweise hasste ich sie und stellte mir vor, wie er sie würgt und ich ihn in Gedanken erreiche und zuflüstere: Ich drück dir die Daumen …
Ja, kann ja sein, dass, wenn ich Yoga gemacht hätte, ich sowas Fieses nicht denken würde – dann wäre ich der Einzige gewesen, bei dem es gewirkt hätte. Aber okay, wir müssen Yoga zugestehen, dass wir nicht wissen, wie schlimm es geworden wäre, hätten sie kein Yoga gemacht.
Mir helfen Mantras. Wenn nichts mehr geht, sage ich dreimal Sackgassenkreisel, Sackgassenkreisel, Sackgassenkreisel. Wenn Sie sich jetzt als Leser*in fragen, ob ich das Wort dreimal oder neunmal sage, ist alles erreicht.
Natürlich helfen Mantras auch nicht immer.
Zurück zum eigentlichen Thema:
Die Trennung zerrüttete mich. Der Streit um die Kinder, Besuchszeiten, meine mangelhafte Resilienz gegen Feindseligkeiten, das unglaubliche Glück meiner Ex, die fieseste Anwältin südlich der Eiszeit zu finden …
Einmal waren wir auf dem Weg zum Amtsgericht. Sie ging ein paar Meter vor mir. Mir wurde gerade der Boden unter den Füßen weggezogen, während vor einem Karstadt kistenweise ausrangierte Kleiderbügel standen.
Sie blieb stehen und nahm sich welche. In aller Seelenruhe.
Ich weiß bis heute nicht, was sie damit vorhatte. Vermutlich Kleider aufhängen.
Ich konnte mich jedenfalls nicht mehr aufraffen, meinen Traum von der Selbständigkeit als Gebrauchtmedienhändler weiterzuverfolgen, sondern rutschte ab in Alkohol und Pillen, die mir Ärzte verschrieben hatten. Und Ärztinnen. Gewissenloses Pack, diese Medics.
Nun, weitere Einzelheiten will ich euch ersparen.
Ich war dann Obdachloser.
In einer Großstadt mit vielen Banken und Finanzwirtschaft.
Ich saß mit zerfledderten Klamotten in einem Viertel hinter einer Mütze mit einem Euro dreißig drin, wo die ganzen wohlhabenden Säcke normalerweise skrupellos über einen drüberstiegen. An jenem Tag blätterte ich aber in einem Buch von Watzlawick und wurde plötzlich angesprochen.
Es war ein überdurchschnittlich begabter Unternehmensberater und Persönlichkeitsentwicklungscoach. Damals waren die noch nicht ganz so verbreitet. Er hatte Watzlawick erkannt und hielt das offenbar für einen ausreichenden Grund, sich mit mir zu unterhalten.
Er lud mich in einen Dönerladen am Bahnhof ein und stellte mir coachmäßige Fragen über mein Leben. Irgendwann erzählte er, dass er mit einem Kollegen eine Schnapsidee entwickelt hatte: Er könne aus jedem Penner einen Multimillionär machen.
Ich fragte, ob ich dafür etwas tun müsse.
Er überlegte kurz. Dann sagte er augenzwinkernd: „Warte hier. Ab morgen hast du mindestens das Doppelte im Hut. Ich gehe nur schnell in einen Copyshop.“
Wenig später kam er mit einem Schild zurück.
„Liebe Geschlechtsgenossen, ich war einer von Euch.
Aber meine Ex hat eine fiese Anwältin, die mich fertig macht.
Bitte spendet, was geht, damit ich mich in die nächste Instanz klagen kann.
Du könntest der Nächste sein. Hab Mitgefühl mit einem Bruder.“
Und was soll ich sagen, es wirkte. Aber nicht nur das Doppelte. Ich musste Scheine rausholen. Sogar viele Bankerinnen spendeten. Zum Glück waren alle zu geschäftig, um irgendetwas zu hinterfragen. Manche zwinkerten mir sogar zu.
Das Schild und Olafs – so hieß mein Coach – Bedingung, dass ich clean werden müsse, brachten mich auf Spur. Mit einer zermürbenden Entziehungskur wurde ich clean. Die sprudelnden Einnahmen waren mein Substitut, und so brauchte ich nicht einmal eine Scheiß-Selbsthilfegruppe, um mich auszuheulen.
Bald konnte ich mir in einem Vorort eine prima Zweizimmerwohnung leisten. Die heruntergekommenen Klamotten brauchte ich nur noch für die Arbeit. Klar, ich musste ab und zu die Viertel wechseln. Das war alles.
Den Coach habe ich nie wieder gesehen und auch nicht erfahren, ob er nur für die Geschichte gebraucht wurde oder was aus ihm geworden ist.
Nun, so richtig gut ging es mir außer finanziell nicht, keine Liebesbeziehung, viel Einsamkeit, Abgegessenheit. Trotzdem war das leider schon wieder mal der Gipfel der Sinuskurve, denn:
Zuerst kamen andere Penner, die meine Methode kopierten. Es war klar, dass das kommen musste. Dramatisch wurde es aber, als die Beggarbots kamen. Erst in einzelnen Vierteln, dann überall. Als sich das rumsprach, spendeten nur noch alte Leute, die nicht sahen, dass es Beggarbots waren.
Manche verbargen ihre technische Herkunft gar nicht, sondern klapperten mit ihren Metallstümpfen oder machten damit metallisch kreischende Geräusche, wenn sie sie an Wänden entlangschleiften. Viele gaben Geld, damit sie damit aufhörten.
Einige von uns besorgten sich Tafeln und Kreide, aber wir erreichten nie die akustische Grausamkeit der Beggarbots.
Initiativen mit den anderen wollte ich nicht machen, da die ja meine Masche geklaut hatten, die Ärsche. Vielleicht hätten wir den einen oder anderen Beggarbot abfackeln können. Aber dann wäre der nächste gekommen.
Ich verlor den Arbeitsplatz, um nicht von Berufung zu sprechen.
Ich suchte mir eine kleinere Wohnung, schmiss die Bettelklamotten weg und ging mit den besten Sachen, die ich hatte, Ladendiebstähle machen. Das war aber nicht so mein Ding.
Einmal sprach mich ein Junkie an, der mir offenbar ansah, was ich vorhatte. Er erzählte, er würde sich selbst nicht trauen, etwas zu klauen, und blickte mich hoffnungsvoll an. Ich sagte, kein Problem, und klaute ihm eine Flasche Korn. Jedenfalls bis zur Kasse, wo der Detektiv schon auf mich wartete.
Erst später wurde mir klar, dass die beiden wahrscheinlich zusammenarbeiteten.
Insgesamt wurde ich ein paarmal erwischt, verlor auch die kleinere Wohnung und landete wieder auf der Straße, wo ich im Müll nach Essbarem suchen musste.
Diese scheiß Beggarbots und ihre hohlen Hände, worin die Münzen verschwanden.
Aber zurück zum Yoga:
Ich schlurfte an einem Plakat mit Abrisszetteln vorbei.
Huren- und Stricheryoga, auch für Penner*Innen.
Die letzten Inseln wurden auch noch vom Yoga geflutet.
Steckte mein alter Coach dahinter?
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Am Ende noch was zum Thema Kapitalismus:
Like die Geschichte und bekomme eine Fortsetzung, die dann endlich den Titel einlöst.


Geschichte Nummer 11173



