Veröffentlicht: 31.10.2026. Rubrik: Satirisches
Die teuerste Sparmaßnahme
Eine Satire über das deutsche Bildungssystem.

„Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung. Keine Bildung.“ Dieser Satz stammt von John F. Kennedy.
Bei einer Podiumsdiskussion habe ich diesen Satz einem Politiker gestellt. Er machte sich eine Notiz und versprach eine Antwort.
Nachdem einige Expertenrunden und Ausschüsse getagt hatten, lag drei Jahre später das Ergebnis vor: Man werde die Bildungsausgaben überprüfen.
Deutschland überlässt seine Zukunft nicht dem Zufall. In unseren Schulen lernen die Kinder lesen, schreiben und rechnen. Das macht nicht immer Spaß, wenn die Heizung nicht funktioniert, die Fenster und das Dach undicht und die Toiletten versifft sind.
Trotz fehlender Lehrkräfte preisen Politiker das deutsche Schulsystem als eines der besten in der Welt. Im Deutschunterricht werden die Vertretungspläne als Mustervorlage für das Märchenerzählen genutzt.
Die Digitalisierung macht natürlich auch an den Schulen nicht halt. Einige Schulen stellen den Schülern auch Laptops zur Verfügung. Sie sind zwar älter als die Schüler selbst, aber immerhin jünger als die Lehrpläne.
Die Lehrkräfte sind bestens vorbereitet und motiviert. Sie haben studiert, Prüfungen bestanden und gelernt, wie man Wissen vermittelt. Anschließend dürfen sie im Schultag feststellen, dass die Vermittlung von Wissen nur eine ihrer Aufgaben ist. Sie sind zugleich Sozialarbeiter, Verwaltungsangestellte, Konfliktmanager und gelegentlich auch Reparaturdienst für den Kopierer.
Wenn sie sich über die Zustände beschweren, empfiehlt man ihnen Fortbildungen. Dort lernen sie, mit den Zuständen professionell umzugehen.
Die Zustände selbst bleiben davon unberührt.
Besonders beliebt ist in Deutschland die Bildungsreform. Kaum hat man ein System einigermaßen verstanden, wird es reformiert. Neue Begriffe werden eingeführt, Arbeitsgruppen gegründet und Experten befragt. Man diskutiert über Kompetenzen, Lernziele und Bildungsstandards, bis niemand mehr weiß, was ein Kind eigentlich können soll. Das Ergebnis lautet regelmäßig, dass weiterer Handlungsbedarf besteht.
Die Kultusministerkonferenz ist dabei eine bemerkenswerte Einrichtung. Während sich das Leben der Familien längst nicht mehr an den Landesgrenzen orientiert, darf der Schulwechsel von Sachsen nach Bayern gelegentlich den Eindruck erwecken, man habe ein anderes Bildungssystem und versehentlich auch eine andere Zivilisation betreten.
Einheitlich wäre schließlich einfach. Und was einfach ist, kann in Deutschland unmöglich eine Lösung sein.
Bei all diesen Problemen könnte man beinahe vergessen, worum es eigentlich geht: Bildung kostet Geld. Schulen müssen gebaut, Lehrer bezahlt und Lernmittel angeschafft werden. Das ist teuer. Noch teurer wäre es allerdings, wenn wir nichts täten.
Doch die Folgen mangelnder Bildung erscheinen nicht im nächsten Haushaltsplan. Sie stehen auch nicht sofort in der Statistik. Sie zeigen sich erst später, wenn Menschen Schwierigkeiten haben, Informationen zu beurteilen, wenn Fachkräfte fehlen, wenn Unternehmen keine geeigneten Bewerber finden oder wenn Bürger auf einfache Parolen hereinfallen, weil ihnen Wissen fehlt, sie zu hinterfragen.
Dann wird es wirklich teuer.
Man könnte meinen, dass gerade deshalb jeder Euro für Bildung eine Investition in die Zukunft wäre. Doch die Zukunft hat einen entscheidenden Nachteil: Sie fällt nicht in die laufende Legislaturperiode.
Also sparen wir heute und wundern uns morgen über die Rechnung.
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Geschichte Nummer 11238


