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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Phoberos (Phoberos).
Veröffentlicht: 03.11.2026. Rubrik: Menschliches


Das Glänzen in seinen Augen

Drrring…Drrring…. Ich gucke aufs Smartphone, dann zu Cindy. «Was luegsch mii so aah?», sie hat ebenfalls draufgeschielt. «Jetz mach mal, nimm ab, isch diis Mami.»

Ich nehme das Telefon, streiche mit dem Finger und hoffe, dass es auch abnimmt. Ich hasse diese Scheissdinger. Mindestens jedes zweite Telefonat verpasse ich. Entweder bin ich zu langsam und die Combox übernimmt, oder ich drücke irgendetwas und würge das Gespräch ab.

«Da isch dä Scharly», melde ich mich. «Din Sohn, werum, wer häsch erwartet? ... Dä Heiri?» Cindy guckt mich verwundert an. Ich setze kurz das Telefon ab. «Isch dä Papi.» Jetzt hat Cindy noch mehr Fragezeichen in den Augen. Logisch, Papi ist vor 2 Wochen notfallmässig ins Spital eingeliefert worden. Ich mache Cindy ein Zeichen, dass ich mich auf das Gespräch konzentrieren möchte. «Nei i bi nöd din Brüeder, i bi din Sohn. … sicher. Also wämmer Verbindig grad händ, gimmer doch schnäll s’Mami. … Nöd da? Wo isch sii? … Was heisst du weisches nöd? … Aber dir gaht’s guet? … Ahh, häsch der grad en Kafi gmacht. Wart doch no es bizeli, i lueg mol öb i s’Mami finde. … ja genau bis spöter. Tschüss Papi.» Ich hänge auf. Sagt man das so? Ich streiche mit dem Finger den roten Hörer und hoffe, dass die Verbindung getrennt ist. Wenn’s kein Schalter hat glaub ich nie, dass aufgelegt ist.

«Schatz? Cindy wo bisch?» Keine Antwort, vermutlich rauchen gegangen. Ich geh zur Terrasse. Da ist sie ja. «Ääh, los mal, i muess schnell s’Mami finde.»
«Wieso isch dine Papi Diheime gsi?»
«I vermuete, dä hät d’Kurve kratzt und isch usem Pflägheim usbüxt.» Da war er nun, seit sie ihn im Spital nicht länger wollten.

«Weisch du s’Numero vo mim Mami?»
«Isch nöd gspeicheret?»
«Isch zäme mit 50 andere Nummere uf dä kaputte Sim gsi.»

Ich hasse diese Scheissdinger wirklich.

«Gib mal s’Phone.» Cindy streckt mir die Hand entgegen. «Du häsch doch vor eme Jahr mal mit ihre über WhatsApp chattet. Luege mer emol ob sii da no drin isch.»
Whats, … was? furchtbarer Gedanke, wann hat mich die Technik dermassen abgehängt. 58, mit Cindy Geschäfte aufgebaut, später Immobilien, aber ein Telefon war für mich immer nur Kommunikationsmittel.

Aber meine Mutter, 82, chattet mit ihren Enkeln und Urenkeln über WhatsApp und versendet auch noch Filmchen.
«Da isch si jo.»
«Und stoht da s’Numero?»
«Ja scho, aber chasch ja über WhatsApp alüte.» Sie stellt mir die Verbindung ein und ich nehme das Telefon entgegen.

Es klingelt, «Mami. Bisches du?» Blöde Frage, wer sonst. «Ja i lüte nu aa will dä Papi … was? … aha die händ gmerkt dass er fählt. Aso, er isch dihei … bi dir diehei … sicher … kei Idee wie ner inecho isch, mit em Schlüssel vermuetli … ahh het er gar nöd, dänn kei Ahnig. … Dänn luegsch du das er wider id Pflägi goht? … Guet. Ja d’Cindy und i gönd am Mittwuch uf en Bsuech verbi. … Guet, wänn susch öppis bruchsch oder i der öppis hälfe cha seisch es. Tschüss Mami.»

Ich lasse nochmals die Tage von vor 2 Wochen Revue passieren. Meine Schwester hatte angerufen, Vater gehe es schlecht, aber er weigere sich, einen Arzt zu sehen. Diese Familie mit ihren harten Schädeln. Zum Arzt, geht’s noch? Vielleicht wenn ein Finger ab ist. Essen wollte er nicht mehr, trinken schon. Am Schluss war er kaum ansprechbar und erkannte fast niemanden mehr. Dabei waren wir noch drei Wochen zuvor in der Waldhütte grillen gewesen, er hatte zwei Würste verdrückt, ein Rosé getrunken und zum Dessert ein Vanille Cornet gemampft, oder Eitertüte wie er es nannte.

Dann die Stationsärztin: Ein Medikament sei falsch eingestellt, eine Achse sei schief. Wie bitte? Einerseits war ich erleichtert, aber auch stinksauer, nur auf wen? Auf Papi, der die Tabletten vergessen hatte, mit seinem beginnenden Alzheimer kein Wunder? Auf den Hausarzt? Auf Mami?

Ich muss mich ablenken, sonst drehen sich die Gedanken wieder die ganze Nacht um etwas, das ich nicht ändern kann.

Am Mittwoch, Cindy ruft: «Scharly, häsch es, bisch pront?» Jetzt beginnt sie auch noch mit Ladin, klares Zeichen, dass sie etwas genervt ist. «Ha nu no schnäll s’Mail-Account tschägged.» Ich geh zur Tür, zieh die Schuhe an, streife die Jacke über. Cindy schaut mir zu, hält den Kopf etwas zur Seite geneigt und tippt mit dem Schuh auf den Boden. «So, scho fertig. I lin cumo?» sage ich und setze ein spitzbübisches Grinsen auf. Ein paar Brocken Ladin habe ich gelernt, man weiss nie.

«Wie isch das eigentli mögli, dass i immer vor dir fertig bin?»

Ich zucke mit den Schultern, noch eine Binsenwahrheit, lieber keine Antwort als eine schlechte.

Unterwegs zum Pflegeheim machen wir schnell halt beim Snäck-Beck, kaufen Croissants und etwas Süsses. Wieso müssen die Croissants sagen, klar ist es ein Unterschied zum Buttergipfeli, aber, …

Als wir das Pflegeheim betreten, gehen wir geradeaus in die Cafeteria. Wir sehen meinen Vater an einem Tisch, ihm gegenüber sitzt Fritz Meyer.
«Kännsch dä?», fragt Cindy «Ja das isch de Fritz, dä isch 8 Jahr mit em Papi im Gmeindrat ghocket. S’Mami hätt mer verzällt, sini Frau hei ihre verzällt, …»

«Chum uf de Punkt und fang nöd wieder bi Jesus a mit dine Erchlärige.»
«Ja okay, also schiints ischer sit eme halbe Johr hie, a Demänz erchrankt.»

Mein Vater winkt uns zu, ich gehe zu ihm, umarme ihn und sage hallo. Dann wende ich mich Fritz zu und begrüsse ihn. Dement oder nicht, der hat damals 8 Jahre lang die Geschicke der Gemeinde geleitet und auf Milizbasis für 10'000 Einwohner Verantwortung getragen. Derweil begrüsst Cindy meinen Vater und gibt ihm drei Küsschen auf die Wangen. Drei das gibt es auch nur in der Schweiz und kein Mensch weiss auf welcher Seite beginnen.

Cindy setzt sich neben meinen Vater, ich frage: «Wer nimmt no öppis?». «En Moscht», sagt mein Vater. « Es Kafi Crème», sagt Fritz. «Dir en Cappuccino?», frage ich Cindy, obwohl ich ihre Antwort schon kenne.
Kurz darauf geselle ich mich zu den dreien und verteile die Getränke. «Was schuld i dir?», fragt Fritz. «Nix», antworte ich. Noch sowas typisch schweizerisches, die wollen dir nie was schuldig bleiben.

«Häsch gwüsst Scharly, dine Papi isch ufem Matterhorn gsi?» Das war jetzt etwas unvermittelt von Fritz. «Ääh ja, i bi debi gsi, dä Papi hett mer da uf de foifezwänzigscht gschänkt. I bi det … autsch.» Etwas ist mir unter dem Tisch ans Schienbein geknallt. Ich seh mich um, mein Blick bleibt an Cindys hängen, sie hebt nur eine Braue. Ich weiss genau was das heisst.

Es ist die Geschichte deines Vaters, lass ihn erzählen.

Mein Vater beginnt zu erzählen: «Ja das isch scho lang her, fascht eso lang wie wo mi Grossmueter und i no Buebe si gsi.» Seine Standarderöffnung für etwas das lange zurückliegt. «Aso mir händ dä Willy in Zermatt troffe und sind id Hörnlihütte ufgstiege. Det hämmer dä, wie hätt er no gheisse?» Mein Vater schaut mich hilfesuchend an. «Dä Jean-Jacques.» sage ich. «Richtig, dä Jean-Jacques, dä isch scho dobe gsi, isch grad miteme Gascht vom Horu abecho.» Er erzählt weiter, erinnert sich sogar an die Spaghetti des Nachtessens von vor 33 Jahren.

«Ja wüsset er, dä Hörnligrat isch scho de eifachschti Uufstieg, aber es verstiiged sich immer wieder Seilschafte i d’Nordwand use, es gseht halt us, als obs det duregaht.»

Er erinnert sich, dass wir an einer weiteren Hütte, eher an einer Biwakschachtel vorbeigeklettert sind, aber nicht an ihren Namen. «Solvayhütte», helfe ich aus. Dann kommt der obligate Witz über den Bergführer und die hübsche Blondine.

Wie er so erzählt, merke ich, dass ich die Geschichte immer wieder gerne höre, obwohl ich sie sicher schon hundertmal gehört habe. Ich sehe meinen Vater an, sehe das Glänzen in seinen Augen und lasse mich noch so gerne 33 Jahre in die Vergangenheit mit zurücknehmen. Er erzählt wie wir noch am selben Tag nach Zermatt runter sind und die Besteigung des Horu ausgiebig gefeiert haben. Er kann sich an so viele Details von diesem Tag erinnern, aber er erinnert sich nicht mehr daran, dass er an diesem Tag zum zweiten Mal Grossvater wurde. Natürlich kennt er seinen Enkel Markus, aber die Verbindung zwischen seiner Geburt und dem Matterhorn ist gekappt.
Ich werde meinen Vater nächsten Samstag wieder besuchen. Er wird die Geschichte vom Matterhorn wieder erzählen. Fritz und ich werden begeistert zuhören, Fritz weil er sie bis dahin wieder vergessen hat, ich, weil ich sie nie genug oft hören kann.

counter2xhab ich gern gelesen
Geschichte Nummer 11280

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von MannLiebtRegen am 03.11.2026:
Kommentar gern gelesen.
Hey
Mag es. Mit Lokalkolorit, Schwwyzerdütsch und Ladin. Als Süddeutscher bin ich da im Boot, und hoffe, alle anderen können der schönen Geschichte in aller Substanz folgen. LG MLR

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