Veröffentlicht: 01.10.2026. Rubrik: Aktionen
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„Warum gibt es heute kein Brot?“, fragte Jonas und stützte die Hände auf den Tresen aus recyceltem Verbundstoff. Seine Gelenke schmerzten, wie jeden Morgen. Mit 64 gehörte er in der Megacity zu den Jüngeren.
Die Verkäuferin, eine Frau Mitte achtzig, deren zitternde Hände kaum noch die Tasten des Terminals trafen, sah nicht einmal auf. „Weil kein Mehl geliefert wurde.“
„Warum?“
„Der Autohafen an der Küste steht still.“
„Warum?“
Die Frau neigte den Kopf etwas. „Keine Ahnung, Jonas. Irgendein Software-Protokoll in der Logistikkette hat einen Fehler. Und es gibt niemanden mehr in der Zentrale, der der das in Ordnung bringen kann.“
„Niemanden?“
„Die Abteilung wurde vor drei Jahren aufgelöst. Altersgründe.“
Jonas seufzte. Es gab keinen großen Knall. Keine Bombe, keinen Krieg und kein plötzliches Virus. Nur das kontinuierliche Knirschen eines Getriebes, dem das Öl ausging.
Bei einer weltweiten Fertilitätsrate von 0,8 Kindern pro Familie über zwei Generationen hinweg verschwanden die Menschen nicht schlagartig. Sie wurden einfach weniger. Erst fehlten die Kinder. Dann die Jugendlichen. Dann die Arbeitskräfte. Irgendwann fehlten die Menschen, die wussten, wie die immer komplexer werdenden Systeme funktionierten. Wenn in Shanghai die Wartungstechniker fehlten, kam in Hamburg kein Weizen an.
Es hatte keinen grossen Zusammenbruch gegeben. Es war nur alles zu komplex geworden für die Zahl der Menschen, die noch übrig war.
Jonas verließ den Laden und trat auf die Straße der Megacity. Die Wolkenkratzer ragten wie gläserne Grabmäler in den Himmel. Die Straßen waren seltsam ruhig. Kaum Kinderlachen, dafür die Geräusche von kleinen Elektromotoren der automatisierte Pflegeroboter, die einsame Senioren durch die Stadt schoben.
Jonas beschloss, die Stadt zu verlassen. Nur für einen Tag. Er brauchte frische Luft, weg von den sterbenden Riesen aus Beton. Er nahm die Magnetschwebebahn – eine der letzten Linien, die noch dreimal die Woche fuhr, betrieben von einer staatlichen Restholding.
Je weiter der Zug nach Norden raste, umso eindeutiger bemerkte man die Entvölkerung der Landstriche. Ganze Dörfer waren kollabiert. Die Supermärkte dort waren vor Jahrzehnten geschlossen worden, dann die Arztpraxen, schließlich die Stromnetze. Die Natur holte sich alles zurück. Birken brachen durch den Asphalt verlassener Autobahnen.
An der Endstation, mitten im Nirgendwo des ehemaligen Niedersachsens, stieg Jonas aus. Eigentlich war hier Sperrgebiet – die Regierung nannte es „Unverwaltete Zone“. Doch es gab niemanden mehr, der die Zäune bewachte.
Nach einem kurzen Fußmarsch traf er auf jemanden. Einen Naturburschen, vielleicht Mitte zwanzig oder auch schon über dreißig – Jonas konnte sein Alter kaum einschätzen. Er trug Kleidung aus gegerbtem Leder und grob gewebter Wolle. In der Hand hielt er eine altmodische Sense. Seine Haut war wettergegerbt, seine Augen wach. Keine Smart-Glasses, kein Neuro-Implantat.
„Du riechst nach Stadt“, sagte der Naturbursche, nicht unfreundlich, aber distanziert.
„Ich suche nur etwas Ruhe“, antwortete Jonas und blickte auf das Feld hinter ihm. Dort wuchs Weizen. Echtes, unmodifiziertes Korn. Daneben rauchte ein simpler, aus Lehm gebauter Ofen. Es roch nach gebackenem Brot.
Jonas musste unwillkürlich lachen. Ein bitteres, amüsiertes Lachen über die Ironie der Geschichte.
Vor fünfzig Jahren hatte man diese Regionen abgeschrieben. Zu wenig Menschen, zu wenig Rendite, zu ineffizient. Man hatte die Landwirtschaft industrialisiert, die Produktion in riesige Zentren verlagert und sich auf Globalisierung, vertikale Hydrokulturen und Synthese-Nahrung verlassen.
Was damals als fortschrittlich galt, war heute tot, weil ein einziges Update fehlte und niemand mehr da war, um es zu schreiben.
Und hier standen die vermeintlich Rückständigen. Sie nutzten die Dreifelderwirtschaft, hielten Tiere und wussten, wie man aus einem Stück Erde Nahrung machte. Sie verstanden das Wetter ohne Satelliten-App. Sie überlebten, sie hatten erneut gelernt, was vor Generationen noch jeder wusste, die Handgriffe ihrer Ururgroßeltern.
Hinter dem Haus standen zwei Ochsen und kauten seelenruhig auf einem Bündel Heu.
Jonas deutete auf ihn. „Die gibt es auch noch?“
Der Naturbursche sah ihn an. „Warum sollte es die nicht geben?“
Jonas wusste darauf keine Antwort.
„Hast du Hunger?“, fragte der Naturbursche und deutete auf den Lehmofen.
Jonas nickte. „Mehr als du denkst.“
Der Naturbursche nahm ein noch warmes Stück Brot und reichte es ihm.
Jonas biss hinein. Er kaute langsam.
„Was ist da drin?“
„Mehl, Wasser, Salz.“
Jonas sah ihn an. „Sonst nichts?“
Der Naturbursche zuckte mit den Schultern. „Was sollte sonst drin sein?“
Jonas antwortete nicht. Er blickte über das Feld, auf den Ochsen, die Sense und den Lehmofen.
Vor fünfzig Jahren hatte man diese Menschen als rückständig betrachtet.
Doch sie hatten Brot.
Jonas nahm noch einen Bissen.
Es schmeckte nach,... er musste weit zurück in seinem Gedächtnis graben. Es schmeckte wie Brot , ja das wars Brot, echtes frisch gebackenes Brot, nicht das Zeugs das er in der Stadt bekam und nach nichts schmeckte ausser nach dem Kunststoff der Verpackung.
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