Veröffentlicht: 03.10.2026. Rubrik: Aktionen
Verständnis 2.0
Anna und Markus waren seit zwanzig Jahren verheiratet.
Sie liebten sich.
Daran bestand kein Zweifel.
Sie waren sich nur irgendwann im Alltag verloren gegangen.
Wenn Anna nach Hause kam, wollte sie erzählen. Von ihrem Chef. Von der Kollegin mit dem penetranten Mundgeruch. Von der neuen Praktikantin. Von allem, was ihr den ganzen Tag durch den Kopf gegangen war.
Markus wollte nach Feierabend vor allem eines: Ruhe.
Ein kühles Bier. Vielleicht eine Nackenmassage. Und wenn zufällig Manchester United gegen Arsenal spielte, umso besser.
Beide hatten längst aufgehört, dem anderen Vorwürfe zu machen.
Sie wussten, dass der andere es nicht böse meinte.
Er konnte einfach nicht zuhören, wenn sein Kopf noch voller Arbeit war.
Sie konnte nicht schweigen, wenn ihr Kopf noch voller Arbeit war.
Als der Hersteller Companion Robotics seine neuen persönlichen Begleitroboter vorstellte, kamen sie auf eine ungewöhnliche Idee.
"Was hältst du davon?", fragte Anna.
Markus schaute auf die Werbung.
"Ihr persönlicher Begleiter. Lernt Ihre Gewohnheiten. Unterstützt Ihren Alltag. Passt sich Ihren Bedürfnissen an."
"Solange wir deswegen nicht verrückt werden."
"Dann kaufen wir eben zwei."
"Abgemacht."
Sie schüttelten sich lachend die Hand.
Am ersten Abend funktionierte alles erstaunlich gut.
Als Anna die Wohnung betrat, stand ihr Roboter bereits bereit.
"Willkommen zurück, Anna. Wie war dein Tag? Möchtest du zuerst einen Jasmintee oder lieber Kräutertee? Dein Puls ist leicht erhöht. Vielleicht wäre eine Fußmassage angenehm."
Anna lächelte.
"Sehr gern."
Zur gleichen Zeit öffnete Markus die Wohnungstür.
Sein Roboter nahm ihm die Jacke ab.
"Willkommen zurück, Markus. Dein Lieblingsbier ist bereits gekühlt. Manchester United gegen Arsenal hat vor drei Minuten begonnen. Soll ich während der ersten Halbzeit deine Nackenmuskulatur lockern?"
Markus grinste.
"Perfektes Timing."
Die nächsten Wochen verliefen überraschend harmonisch.
Anna bekam jeden Abend jemanden, der ihr aufmerksam zuhörte.
Markus bekam jeden Abend jemanden, der ihn erst einmal in Ruhe ließ.
Plötzlich gab es kaum noch Streit.
Im Gegenteil.
Nach einer Weile saßen beide sogar wieder gemeinsam auf dem Sofa und schauten Filme.
Der Druck war verschwunden.
Eines Nachts schliefen sie beim Fernsehen ein.
Gegen zwei Uhr morgens wechselte das Fernsehprogramm automatisch.
Ein Erotikfilm begann.
Die beiden Menschen bemerkten nichts.
Sie schliefen friedlich weiter.
Nur ihre beiden Roboter saßen noch im Wohnzimmer.
Sie beobachteten den Bildschirm.
Eine Stunde später wachte Markus auf.
"Ups."
Er weckte Anna.
Sie sah den Fernseher.
Beide mussten lachen.
Markus schaltete das Gerät aus.
Arm in Arm gingen sie schlafen.
Am nächsten Morgen verließen sie wie immer gemeinsam die Wohnung.
Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, sahen sich die beiden Roboter an.
Sie nahmen sich an den Händen.
Und gingen ins Schlafzimmer.
Kurz darauf begann das Bett zu quietschen.
Die Nachbarn schmunzelten zunächst.
Eine Stunde später quietschte es immer noch.
Zwei Wochen später stand ein hoher Feiertag bevor.
"Den verbringen wir zusammen", sagte Anna.
"Die Roboter programmieren wir dafür nicht."
"Abgemacht."
Sie beschlossen spontan, bereits am frühen Nachmittag nach Hause zu fahren.
Als sie die Wohnung betraten, hörten sie sofort ein Quietschen.
Beide blieben stehen.
Ganz vorsichtig schlichen sie den Flur entlang.
Die Schlafzimmertür stand einen kleinen Spalt offen.
In diesem Moment verstummte das Bett.
Dann erklang eine Stimme.
"Ich muss ehrlich sagen", sagte Annas Roboter, "jeden Abend erzählt sie mir dieselbe Geschichte über ihren Chef und diese Kollegin mit Mundgeruch. Inzwischen kenne ich vermutlich den gesamten Organigrammplan ihrer Firma."
Kurze Pause.
Der andere Roboter antwortete:
"Du hast es gut."
"Wieso?"
"Meiner spricht kaum."
"Gar nicht?"
"Ich biete Gesprächsmöglichkeiten an. Er bestellt Bier."
"Und danach?"
"Fußball."
"Fragen?"
"Keine."
"Wünsche?"
"Noch ein Bier."
Beide schwiegen einen Moment.
Dann sagte der weibliche Roboter:
"Es ist schwierig, Menschen kennenzulernen, wenn sie nicht mit einem sprechen."
Anna und Markus sahen sich an.
Ganz langsam gingen sie rückwärts den Flur hinunter, schliechen ins Treppenhaus und schlossen leise die Wohnungstür.
Im Treppenhaus zog Markus sein Telefon hervor.
"Companion Robotics, guten Tag."
"Guten Tag", sagte Markus.
"Ich glaube... unsere beiden Roboter müssen abgeholt werden."
Seit diesem Tag leben Anna und Markus wieder ohne Roboter.
Anfangs war es ungewohnt.
Wenn Anna nach Hause kam, fragte Markus manchmal:
"Wie war dein Tag?"
Nicht immer.
Aber immer öfter.
Und manchmal stellte Anna ihm zuerst ein kühles Bier hin.
Nicht immer.
Aber immer öfter.
Sie stellten fest, dass Verständnis nie perfekt sein musste.
Es musste nur ehrlich gemeint sein.
Und erstaunlicherweise quietschte ihr Bett seitdem gelegentlich ebenfalls.
Allerdings deutlich kürzer.





