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geschrieben von Kater Moritz.
Veröffentlicht: 03.11.2026. Rubrik: Spannung


Die Vier der Apokalypse

Der Rappe warf sich in Pose. Er wölbte seinen Hals stolz, richtete seinen Kopf majestätisch aus und stellte die Ohre spitz auf. Beim Voranschreiten hob er die Vorerbeine besonders in die Höhe und streckte sie dann weit nach vorn. Bei jedem Schritt bebten seine Nüstern. Immer wieder stieß er ein energisches Schnauben aus, mit dem er wohl verkünden wollte, welch imposante Erscheinung er war.

Dies alles inszenierte er allerdings nicht, um seine eigene Wichtigkeit kund zu tun, sondern um aufzuzeigen, dass er einen Reiter trug, dem solche Ehrerbietungen zustanden. Gleichzeitig sandte er damit die Botschaft an alles Lebende, ob Mensch, ob Getier, ob Pflanze und vielleicht sogar an die Uferfelsen und -steine, dem Reiter ebenfalls zu huldigen. Selbst dem Meer schien er eine devote Geste abzuverlangen.

Der Ritter, dem all dies galt, saß derweil aufrecht im Sattel. Inwieweit er etwas von dem Aufwand, den sein Ross seinetwegen betrieb, mitbekam, ließ er nicht erkennen. Allerdings hatte er es auch nicht nötig, dass sein Eintreffen von einem Herold, zwei- oder vierbeinig, angekündigt wurde. Seine Erscheinung sprach für sich selbst. Wäre er auf einer spindeldürren, dreibeinigen Mähre dahergekommen, der gerade noch so viel Kraft im Leibe steckte, dass sie sich unter der Last auf den Beinen halten konnte, hätte er ebenfalls alle Blicke auf sich gezogen, und das nicht wegen des jämmerlichen Zustandes seines Gaules.

Er mochte vier Ellen messen. Sein Körper wurde von einer Rüstung aus schwarzem Metall geschützt. Dieselbe Farbe hatte auch der Helm. Von seinen Schultern wallte ein schwarzer Umhang herab. Er bedeckte nicht nur den Rücken des Recken, sondern auch die Kruppe des Pferdes. Selbst dessen Schweif war darunter verborgen.

Die Leichtigkeit, mit der er sein mächtiges Streitross seinem Willen unterwarf, verriet die ungeheuren Kräfte, über die er verfügte. Denn der stolze Gang, den das Pferd zelebrierte, war nicht allein dessen Ansinnen, Aufmerksamkeit zu erheischen, geschuldet, auch der Schenkeldruck seines Reiters trieb es dazu.

Die Verwunderung, die von diesem ubeeindruckenden Paar ausging, erhielt durch den Umstand weitere Nahrung, dass der Ritter keinerlei Waffen bei sich trug. Weder pendelte ein Schwert an seinen Hüften, noch ein Schild auf seinem Rücken. Auch eine Lanze reckte er nicht in die Höhe. Außer der schwarzen Rüstung, die sich um seinen Leib schmiegte, schützte ihn keine weitere Wehr vor eventuellen Angriffen. Zwar musste er solche eher nicht befürchten, davor bewahrte ihn sicherlich schon seine wuchtige Statur, aber dennoch war es ungewöhnlich, dass ein Angehöriger seines Standes ohne Hieb- und Stichwaffen daherkam.

Nun mochte es sein, dass dem Ritter ein Knappe folgte, der ein Packtier mit sich führte, auf dessen Rücken sich die unentbehrlichen Utensilien eines Kriegers befanden. Doch wenn dem so war, musste dieser Diener weit zurückgeblieben sein, denn hinter dem schwarzen Duo ließ sich nichts von ihm erkennen.

Wäre er als Vorhut vorausgeschickt worden, hätten Hufspuren den Weg anzeigen müssen, den er genommen hatte. Diese fehlten jedoch. Also existierten weder der Knappe, noch Schwert, Schild und Lanze.

Trotzdem verfügte der Ritter über einen Schutz, der den der stählernen Instrumente in den Schatten stellte. Ihn umgab eine magische Haube, die jegliche Attacken, die sich gegen ihn und sein Pferd richten sollten, von vorherein zum Scheitern verurteilten. Zudem eilte ihm eine Legende voraus. Er war als Unglücks-Bote bekannt. Wo immer sein Weg entlangführte, begleiteten ihn Verwüstung, Not, Elend und letztendlich der Tod. Man nannte ihn den „Schwarzen Reiter der Apokalypse“. Und er hatte drei Gefährten. Sie unterschieden sich von ihm durch die Farbe ihrer Pferde und Rüstungen, besaßen jedoch ähnliche schaurige Eigenschaften wie er.

Einem Reich, das von nur einem dieser Reiter heimgesucht wurde, standen schwere Zeiten bevor. Tauchten sie zu zweit auf, war das zu erwartende Elend noch schlimmer. Zu dritt konnten sie ganze Landstriche für Ewigkeiten verwüsten. Am furchtbarsten wüteten sie jedoch, wenn sie zu viert ihre vernichtenden Kräfte bündelten. Dann gab es für diejenigen, die sich ihren Zorn zugezogen hatten, keine Hoffnung auf Erbarmen. Über sie brach das Verhängnis herein, das unwiderruflich im Untergang endete.

Noch war der schwarze Reiter allein unterwegs, aber der Ruf, der ihn zum Losreiten aufgefordert hatte, enthielt die Botschaft, dass sich ihm seine drei Gefährten bald anschließen würden. Wo das Treffen stattfinden würde, blieb ein Geheimnis. Genauso wie der Namen ihres gemeinsamen Zieles, also der für das Unglück auserkorenen Weltgegend.

Als am mittäglichen Himmel plötzlich die Helligkeit erlosch, als Finsternis das Firmament verhüllte und anstelle des Sonnenballs eine gülden strahlende Scheibe erschien, die nur für sich selbst leuchtete, ohne ihr Licht anderswohin zu spenden, war das für den Reiter das Zeichen, dass sich einer seiner Brüder näherte. Er wusste nicht welcher, was aber keine Rolle spielte. Denn er wusste auch, dass sich dieses Schauspiel noch zweimal wiederholen würde, dann wären sie wieder vereint. Als letztes käme dann ein weißer Rabe geflogen, dem es oblag, den Vieren zu verkünden, welches Reich, welchen Herrscher, welches Volk es zu strafen galt. Sobald sie dieses Wissen besaßen, konnten sie ihre Rösser in die Himmelsrichtung lenken, in der besagtes Ziel lag.

Der von der Finsternis und der güldenen Scheibe angekündigte Reiter saß auf einem weißen Ross. Er trug eine weiße Rüstung und ein weißer Umhang wallte von seinen Schultern herab. Als nächstes schloss sich ihnen ein Ritter an, dessen Rüstung rot zu glühen schien, und dessen Umhang aus feuerrotem Leinen gewirkt war. Er saß auf einem Fuchshengst. Der vierte im Bunde kam auf einem fahlen Ross daher. Das Eisen seiner Wehr schimmerte in einem blassen Grün. Dieselbe Farbe hatte auch sein Umhang. Keiner der Drei hatte Waffen bei sich.

Jetzt fehlte nur noch der weiße Rabe. Der ließ nicht lange auf sich warten. Mit ausgebreiteten Schwingen, einem Adler ähnlich, kreiste er über den Köpfen der Reiter. Seinem Schnabel entstiegen krächzende Laute, denen die Ritter aufmerksam lauschten, schließlich bedurften sie dieser Laute, um in Erfahrung zu bringen, wohin sie sich wenden sollten.

Und irgendwo auf der Welt suchten Leute nach einem beschwerlichen Tagwerk ihre Bettstatt auf, ohne zu ahnen, wie furchtbar das Erwachen am nächsten Morgen sein würde.


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