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geschrieben 2019 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 25.11.2019. Rubrik: Spannung


Der Sonnabend-Fall

Eigentlich begann alles mit Tante Tine aus Flensburg. Sie war eine ältere Verwandte von Sophies Mutter und besuchte die Familie im Rheinland mindestens einmal jährlich.

Die kleine Sophie liebte Tante Tine, nur fand sie, dass sie etwas seltsam sprach. „Mama, was heißt Sonnabend?“

Die Mutter lachte. „Samstag! So sagt man in Norddeutschland.“

Rund zwanzig Jahre später stutzte Sophie, als sie in der Lokalzeitung die Schlagzeile Das Sonnabend-Rätsel las. Ihr fiel Tante Tine ein, die leider schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilte.

Laut dem Artikel war ein 66-jähriger Rentner namens Peter P. in seiner Wohnung tot aufgefunden worden. Alles deutete auf Suizid hin, vor allem der Abschiedsbrief. Doch gerade dieser sorgte kurz darauf für Wirbel. Die einzige noch lebende Angehörige von Peter P., seine Schwester Ute, hatte sich an die Kripo gewandt: „Die Schrift im Abschiedsbrief ist zwar die von Peter. Aber den Satz ‚An diesem Sonnabend will ich sterben‘ hätte mein Bruder nie so geschrieben. Hier sagt man Samstag.“

Die Kripo befragte einen Linguisten, der bestätigte, dass kein Rheinländer das norddeutsche Wort Sonnabend benutzen würde.

Die Obduktion hatte ergeben, dass der Rentner durch Schlaftabletten gestorben war – eine bei Männern eher ungewöhnliche Methode. Dennoch, und trotz des Wortes Sonnabend, ging die Polizei schließlich von Suizid aus und gab den Leichnam zur Bestattung frei. Soweit der Artikel.

Sophie dachte nach. Langsam formten ihre Gedanken eine Theorie, die jedoch so abenteuerlich klang, dass sie sich genierte, sie der örtlichen Kripo mitzuteilen.

Plötzlich fiel ihr ein, dass eine frühere Schulkameradin von ihr, Diana, dort arbeitete. Kurzentschlossen rief sie sie an und präsentierte ihr ihre Überlegungen:

„Peter hat zwar nie in Norddeutschland gelebt. Aber er könnte Kontakt zu einem Norddeutschen gehabt haben. Dieser könnte ihn gezwungen haben, einen Abschiedsbrief zu schreiben und die Tabletten zu schlucken. Und beim Diktieren hat der Täter nicht bedacht, dass man hier Samstag sagt.“

„Hm“, erwiderte Diana, „die Idee an sich ist ganz toll. Nur: Wer war dann dieser Norddeutsche? Welches Motiv hatte er, Peter umzubringen? Wo hatte er die Tabletten her? Wie konnte er ihn zwingen, den Brief zu schreiben und anschließend das Zeug zu schlucken?“

„Du hast recht“, seufzte Sophie, „Fragen über Fragen…“

„Ich könnte mich bei Peters Schwester erkundigen“, meinte Diana, „ob er einen Norddeutschen kannte und ob dieser als Täter in Betracht käme.“

*

Am nächsten Vormittag war Sophie im Büro, als eine SMS von Diana einging: „Ruf mich bitte in der Mittagspause an! Interessante News!“ Aufgeregt lauschte sie mittags Dianas Bericht:

„Ute meinte zuerst, ihr Bruder hätte nie Kontakt zu Norddeutschen gehabt. Aber dann fragte sie: ‚Ist Jessen ein norddeutscher Name?‘ Als ich das bejahte, sagte sie: ‚So heißt sein Apotheker.‘“

„Wow!“ Sophie war wie elektrisiert. „Ein Apotheker! Der könnte ihm die Tabletten verabreicht haben.“

„Ja, daran dachte ich auch sofort. Die Frage bleibt natürlich, was für ein Motiv dieser Jessen gehabt haben könnte. Und wie die Tat dann abgelaufen ist. Aber jedenfalls hab ich schon mal recherchiert. Die Apotheke in Peters Straße gehört tatsächlich einem Lars Jessen. Ich hab da angerufen, natürlich anonym, und hatte gleich ihn selbst am Apparat. ‚Wann haben Sie am Wochenende geöffnet?‘, fragte ich. Der Idiot tappte sofort in die Falle: ‚Am Sonnabend von dann bis dann.‘ Er sagt also Sonnabend, nicht Samstag!“

„Super! Du hast wirklich den richtigen Beruf ergriffen.“

„Danke, aber die Idee an sich stammt ja von dir. Jetzt müssen wir noch das Warum und das Wie herausfinden.“ Die beiden verabredeten, dass Diana Nachforschungen über den Apotheker anstellen und sich danach wieder bei Sophie melden sollte.

Schon am Abend tat sie dies. „Peters Schwester sagte mir, dass die Lebensgefährtin von Jessen, eine Rita Schmitz – sie ist von hier –, das Haus verwaltet, in dem Peter wohnte! Durch sie könnte er einen Generalschlüssel ergattert haben und in Peters Wohnung eingedrungen sein. Vielleicht haben die beiden ihn sogar gemeinsam umgebracht. Wie das vor sich ging, ist mir allerdings noch immer ein Rätsel. Und das Motiv natürlich auch.“

Sophie bot ihr an, im Netz zu recherchieren. Bereits eine Stunde später berichtete sie ihr voller Finderstolz:

„Peter hat ziemlich viel im Internet geschrieben, und zwar unter seinem Klarnamen. Unter anderem hat er sich über einen Film ausgelassen, in dem einem Apotheker dunkle Geschäfte nachgewiesen worden waren, die sogar zu Todesfällen geführt hatten. Er schrieb, dass dies auch in Wirklichkeit vorkäme und er Namen nennen könne.“

Diana war begeistert. „Da hätten wir ein Motiv! Der arme Kerl, wie kann man nur so dämlich sein.“

„Ja, offenbar hat er seine Dummheit und Prahlsucht mit dem Leben bezahlt. Jetzt bleibt nur noch die Frage, auf welche Weise Jessen ihn gezwungen hat, den Abschiedsbrief zu schreiben und die Tabletten zu schlucken. Könntest du das herausfinden?“

*

Diesmal dauerte es fast zwei Tage, bis Sophie wieder etwas von Diana hörte.

„Wir wissen inzwischen, dass Jessen eine Pistole besitzt. Er könnte zusammen mit seiner Partnerin Peters Wohnung betreten haben. Dort könnte – das ist meine Theorie – der Apotheker die Pistole gezückt und zu seinem Opfer gesagt haben: ‚Sterben musst du auf jeden Fall, aber wenn du schreibst, was ich dir diktiere, gibt Rita dir Tabletten, und du schläfst sanft ein. Weigerst du dich dagegen, dann endet dein Leben im Kugelhagel.‘ Er war sicher, dass Peter das erstere wählen würde.“

„Eine grandiose Theorie!“, sagte Sophie voller Bewunderung. „Ich hatte mich immer gefragt, wie man Peter zwingen konnte, das alles zu tun. Eine Person hätte das tatsächlich nicht geschafft, zwei aber schon.“

„Armer Peter“, meinte Diana nachdenklich, „er hat alles falsch gemacht. Hätte er darum gebeten, erschossen zu werden, dann hätten Jessen und seine Freundin ein Problem gehabt. Wahrscheinlich wären sie schleunigst wieder verschwunden, aus Angst, geschnappt zu werden.“

„Und diese Tat dagegen wäre nie erkannt worden, wenn das Nordlicht beim Diktieren nicht Sonnabend gesagt hätte.“

„Aber“, dämpfte Diana plötzlich die Euphorie, „das Wichtigste steht uns ja noch bevor. Wir müssen Lars Jessen und Rita Schmitz die Tat nachweisen. Bisher haben wir fast nur Theorien. Das einzig Konkrete ist bislang die Aussage des Linguisten über das Wort im Abschiedsbrief. Warte mal… mir fällt da gerade was ein, was ich Peters Schwester noch fragen könnte.“

Eine halbe Stunde später meldete Diana sich erneut. „Es geht voran, Sophie! Ich fragte Ute, ob Peters Schriftbild im Abschiedsbrief genauso aussehe wie sonst. ‚Nein‘, sagte sie, ‚sonst schrieb er irgendwie flüssiger.‘ Daraufhin bat ich sie, ein paar Briefe und Notizen von ihm zusammenzusuchen. Ich hole die nachher ab und lasse sie von einem Schriftsachverständigen mit dem Abschiedsbrief vergleichen. Wenn wir Glück haben, stellt er fest, dass letzterer nach Diktat geschrieben worden sein muss.“

„Tolle Idee! Aber… würde das ausreichen, um die beiden zu überführen? Sie würden vermutlich sagen, Peters seelische Anspannung kurz vorm
Suizid hätte zu dem verkrampften Schriftbild geführt.“

„Sicher, aber wir haben ja auch noch das Wort Sonnabend. Beides zusammen ist schon recht ordentlich. Im Übrigen ahnen die beiden ja auch nicht, dass sie verdächtigt werden. Wenn wir sie festnehmen, sind sie hoffentlich so verdattert, dass sie sich in Widersprüche verwickeln oder gleich alles gestehen.“

*

Tags darauf wurde Sophie von einem grippalen Infekt außer Gefecht gesetzt. Nach vier Tagen hatte sie das Schlimmste überstanden und rief Diana an.

„Sophie! Wo steckst du? Ich mache mir schon Sorgen!“

„Entschuldige bitte! Ich war krank. Aber seit heute geht’s langsam besser. Gibt’s was Neues im Sonnabend-Fall?“

„Ja, und ob! Guck mal auf die Homepage unserer Lokalzeitung! Viel Spaß und weiterhin gute Besserung, ich muss jetzt leider weg!“

Kurze Zeit später las Sophie die Schlagzeile Vermeintlicher Suizid war mutmaßlich Tötungsdelikt – Apotheker und seine Lebensgefährtin in U-Haft. Dem Artikel zufolge war der Schriftsachverständige sicher, dass Peter P.s Abschiedsbrief nach Diktat geschrieben worden war. Auch das norddeutsche Wort war ein Indiz für die Ermittler gewesen.

Voller Begeisterung rief Sophie abends Diana an. „Einfach toll! Das mit dem Schriftsachverständigen war tatsächlich eine Super-Idee.“

„Ja, aber den allerersten Anstoß hast du ja gegeben. Jetzt mache ich erstmal Urlaub.“

„Wohin geht’s denn? Und wann?“, fragte Sophie.

„Nach Schleswig-Holstein! Am Samstag. Oje, ich muss dran denken, dort heißt es ja Sonnabend…“

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Horst Radmacher am 09.01.2022:
Kommentar gern gelesen.
Schön konstruiert. Ja, die Benutzung Sonnabend/Samstag kann richtungsweisend sein. Ich als Norddeutscher bin mit Sonnabend aufgewachsen, benutze aber die südliche Variante auch, natürlich nicht dominierend. Grund: Telefonisch werden Sonnabend und Sonntag oft verwechselt, da phonetisch ähnlich, wenn genuschelt wird. Fazit: Wer mordet und fälscht, sollte, nicht nur hierbei. auf die Sprache achten!




geschrieben von Christine Todsen am 09.01.2022:

Danke für den Kommentar. Es ist schon drollig, dass es sogar innerhalb Deutschlands Unterschiede dieser Art gibt, ganz zu schweigen von den sprachlichen Unterschieden zwischen den einzelnen deutschsprachigen Staaten. Noch bemerkenswerter ist jedoch, dass sogar ein so kleines Land wie Wales eine Menge Unterschiede zwischen Nord- und Südwalisisch kennt. Einige Beispiele: „Opa und Oma“: Norden „taid a nain“, Süden „tadcu a mamgu“; „Milch“: N. „llefrith“, S. „llaeth“; „komm!“: N. „tyrd“, S. „dere“ (beides Formen von „dod“= kommen).

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