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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 18.02.2020. Rubrik: Unsortiert


Die polyglotte Maria

Maria aus Neustadt liebte Auslandsreisen und Fremdsprachen. Sofern sie die Sprache eines Urlaubsziels nicht bereits beherrschte, eignete sie sich vor der Abreise die Grundkenntnisse an und vertiefte diese dann vor Ort. Außerdem übersetzte sie stets ihren Vornamen in die jeweilige Sprache. In England nannte sie sich Mary, in Frankreich Marie, in Kroatien Marija und so weiter.

Den nächsten Urlaub wollte sie in Irland verbringen. Ihren Vorsatz, das irische Gälisch – Gaeilge – zu erlernen, musste sie leider schon vor Beginn der Reise aufgeben, denn diese Sprache war sogar für sie zu schwer. Zum Glück wusste sie, dass dies auch für die allermeisten Iren gilt, die ihr Schul-Irisch schnell vergessen und nur Englisch sprechen.

Aber zumindest ein paar Wörter und Wendungen auf Gaeilge wollte sie kennen. Dabei erfuhr sie, dass eine irische Grußformel wörtlich übersetzt bedeutet: „Gott und Maria seien mit dir“, wobei Maria = Muire ist. Prima, dachte sie, dann heiße ich also Muire.

Ihre Pensionswirtin in Dublin begrüßte sie unkompliziert. „Hi, I’m Sinéad. What’s your name?”

“Muire”, antwortete Maria stolz und bekam im nächsten Augenblick einen gewaltigen Schreck, denn Sinéad erbleichte und stammelte: „Die Muttergottes…?“

„Wie bitte?“, fragte Maria verwirrt. „Nein, nein, ich hatte bei Ihnen ein Zimmer reserviert. Ich bin Maria Schuster aus Deutschland und dachte, mein Name hieße auf Irisch Muire…“

„Ach so!“ Die Pensionswirtin lachte erleichtert. „Ja, Muire bedeutet Maria, aber nur, wenn die Muttergottes gemeint ist. Der Mädchenname lautet Máire. Ich glaube, Irisch und Schottisch-Gälisch sind die einzigen Sprachen der Welt, die für die Muttergottes eine eigene Namensform haben. In Schottland heißt sie Moire, und der Vorname ist Màiri.“

„Wow! Könnten Sie mir die Namen bitte mal aufschreiben?“

Sinéad erfüllte ihr den Wunsch und erläuterte dabei noch: „Irisch und Schottisch-Gälisch ähneln sich sehr, aber im Schriftbild kann man sie daran unterscheiden, dass Irisch den Akut benutzt und Schottisch-Gälisch den Gravis: Máire / Màiri.“

„Dann lautet mein Name auf Irisch also Máire. Übrigens, Sie sagten ja, dass die beiden Sprachen wohl die einzigen der Welt sind, die für Maria von Nazareth eine eigene Namensform haben. Offenbar soll keine andere Frau so heißen. Das andere Extrem ist dann Spanisch. In spanischsprachigen Ländern heißen unzählige Männer Jesús…“

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Weißehex am 22.02.2020:
Schöne Geschichte, habe wieder etwas gelernt. Nicht nur die Sache mit der Maria, was ich auch noch nicht wusste, sondern dass die Zeichen über den Buchstaben Akut und Gravis heißen. Ich nannte das vorher immer nur "Accon de gue" (was wahrscheinlich gar keinen Sinn macht und auch nur ein Zeichen meinen kann). Mehr ist von meinem Schulfranzösisch nicht hängen geblieben. Aber eines wusste ich schon durch Fußballspiele: Da haben viele spanische Spieler den Vornamen Jesus. Sehr hübsche Geschichte!




geschrieben von Christine Todsen am 24.02.2020:
Go raibh maith agat! (Das bedeutet auf Irisch "vielen Dank", wenn man EINE Person anredet.)




geschrieben von Weißehex am 29.02.2020:
Das muss ich mir merken. :-) Sind manche Sprachen kompliziert...

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