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2xhab ich gern gelesen
geschrieben von die Juditha.
Veröffentlicht: 14.06.2020. Rubrik: Fantastisches


Eine traumhafte Begegnung

Mai 2020, Leipzig
Was ist das? Wer ist das? Ich bin in einer fremden Stadt. Hier gibt es viele alte Häuser, von denen der Putz abbröckelt. Manche Häuser oder niedrige Mauern sind aus Flusssteinen und Lehm gebaut und scheinen schon tausende Jahre alt zu sein. Es ist in den späten Abendstunden. Die Sonne ist bereits untergegangen und im Schatten so einer niedrigen Mauer kauert ein entsetzlich verängstigter junger Mann. Er kommt mir irgendwie bekannt vor. Er sieht aus wie Oliver, mein Sohn, nur 20 Jahre älter als er zur Zeit ist. Ich hoffe nämlich, dass er mit seinen 10 Jahren friedlich nebenan schläft. Oh! Ich träume. Was passiert weiter? Ich gehe auf den jungen Mann zu. Mit angezogenen Knien hockt er auf der Erde. Seine Arme sind fest um die Knie geschlungen. Er schaukelt sich hin und her. In der Hand hält er ein altes T-Shirt und stopft es sich in den Mund, als könne er so sein Zittern am ganzen Körper unter Kontrolle bekommen. So hat Oliver es jahrelang gemacht. Bis er fünf Jahre alt war, zog er seine Schmusedecke hinter sich her. Ich hocke mich zu ihm runter um ihn anschauen zu können. Augenscheinlich kann er mich nicht sehen und nicht hören. Oh Oliver, wie bist du hierher geraten? Wo bist du hier reingeraten? Was geschieht hier mit dir? Hinter der Mauer höre ich Fußgestrappel und Rufe von vielen jungen Männern. Sie gröhlen Fußballparolen: FC Valencia höre ich immer wieder raus. Die gegnerische Mannschaft muss dann RB Leipzig gewesen sein. Ich setze mich neben ihn und sreichele ihm über den Rücken. Ganz langsam und sachte. Immer wieder in der gleichen Bewegung von oben nach unten, in der gleichen Langsamkeit, so dass meine Hand hauchfein auf seinem Rücken beinahe schwebt. Hier im Traum spüre ich nichts. Ich weiß nicht wieviel Zeit vergangen ist? Ob mein Arm langsam einen Krampf bekommt. Ich sehe nur, dass mittlerweile tiefe Nacht herauf gekrochen kam. Die Schritte haben sich schon lange wieder entfernt. Die Stimmen sind verebbt. Nach und nach gehen die Lichter in den Fenstern aus und Ruhe kehrt ein. Ich streiche weiter so sanft und ruhig es mir möglich ist über seinen Rücken. Ich achte einfach auf ihn. Ich atme für ihn. Und streiche über den Rücken. Allmählich hört sein Zittern auf. Später nimmt er das T-Shirt aus dem Mund. Eine weitere Zeit später schaut er sich suchend um, will sehen, was dort über seinen Rücken fährt. Aber er kann mich nicht sehen. Da steht er auf und geht mit schnellen Schritten weg. Ich wache verwirrt auf.

August 2035, Valencia

Oliver freute sich so lange, bereits Wochen vor dem Kartenverkauf auf das Spiel des FC Valencia gegen RB Leipzig. Seinem Heimatverein reist er zu gerne nach um sich gute Fußballspiele anzusehen und neue Städte für sich zu erobern. Aber damit hatte er nicht gerechnet. Die Leipziger haben verloren, aber mit allen Waffen gekämpft. Es war ein sehr hitziges und aggressives Spiel. Die Hitze scheint sich auf Fans übertragen zu haben. Auf beiden Seiten kämpften die Fans mit. Nach dem Spiel eskalierte es. Feuerwerkskörper landeten auf dem Spielfeld, eine riesige Schlägerei entstand. In ihrem Blutrausch anmutenden Zustand jagten sie jeden, der ihnen über den Weg lief. Einer davon ist Oliver, der noch gar nicht ganz begreift, was hier geschieht. Er weiß nur: erstmal rennen. Um sein Leben rennen. Von drei Seiten wollen sie ihn einkreisen. Mit Rufen, Knüppeln und geballten Fäusten hetzen sie ihn wie einen Hasen. Nach weiteren drei Kurven und geöffneten Haustüren kann er sich in einer Ecke einer niedrigen Mauer verstecken und die Hooligans sich an den Häusern austoben lassen. In jede Tür schauen sie rein, prüfen das Treppenhaus und kommen wieder raus um das nächste Treppenhaus zu durchforsten. Einmal kommen sie ihm gefährlich nahe. Aber wie er da so hockte, hatte er keine Panik mehr. Sein Zittern konnte er noch nicht kontrollieren. Sich auch nicht wirklich bewegen. Ihm war, als wäre er gar nicht wirklich in seinem Körper. Nicht in dieser Situation. Er spürte nichts mehr, wusste nicht, wo er war, was mit ihm geschieht, was wahr ist und was falsch. Da war nur etwas, das seinen Rücken wärmte. Immer wieder fuhr etwas sanft und seicht, fast schwebend über seinen Rücken. Von oben nach unten. Immer nur in die eine Richtung. Wie das seine Mutter gemacht hat, als er noch ein kleiner Junge war. Ganz allmählich, ziemlich langsam fasste er Vertrauen in diese kleine, kurze, immer wiederkehrende, sanft wärmende Berührung. Es musste was Gutes sein. Sehr zögerlich kehrte er in seinen Körper zurück, nahm wahr, was um ihn herum ist, was er gerade tut, wo er sich befindet. Aber hier ist niemand, der mich gestreichelt haben könnte? Überlegt Oliver. Er fragt in die Nacht: „Mama?“ Kurz lauscht er einfach. Er erhält keine Antwort, aber er weiß, dass sie da war! Wie auch immer das gehen konnte. Dann beeilt er sich, dass er ins Hotel kommt.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Dan Prescot am 15.06.2020:
Hat wieder gefallen.




geschrieben von Weißehex am 17.06.2020:
Hallo die Juditha, du schreibst sehr schöne Geschichten! Diese hat auch mir wieder sehr gut gefallen.




geschrieben von die Juditha am 21.06.2020:
Lieber Dan Prescot. Das freut mich sehr.




geschrieben von die Juditha am 21.06.2020:
Liebe Weisehex. Vielen Dank für das Kompliment. So schreibe ich schreibe gerne einfach weiter. ;o)

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