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geschrieben 2010 von Angricolan (Angricolan).
Veröffentlicht: 21.06.2026. Rubrik: Persönliches


1978

Mit bringt bitte mit, fing es an. Die Liste folgte und Bananen waren dabei, wichtiger Nähnadeln und Jeans, die sich gut verkaufen ließen, so meine Kusine Annegret.

Ein Teil meiner Verwandtschaft, zwei Schwestern meines Vaters mit Familie, lebten im DDR-Teil von Berlin, in Köpenick. Kommt uns besuchen. Mit meiner Frau und dem 2-jährigen Sohn begann das Abenteuer in Marienborn an der Grenze. Alles Gepäck aufs Band, musste selbst mit, um den neuen Pamperskarton zu öffnen und alles rausholen. Wir wurden gefilzt, das Auto durchsucht. Einer der Grenzbeamten grinste die ganze Zeit über, beobachtete mich.
Mein Kleiner schrie im Auto und ich hörte wie einer sagte deinen Papa bekommst du wieder. Es zog sich hin, durfte dann endlich weiterfahren.
Im Köpenicker Rathaus anmelden, erst warten sitzend auf einer harten langen Holzbank. Wir gingen einige Schritte, sahen in ein offenes Büro. Gehen sie weiter kam von innen und so blieb ich mit dem Kleinen stehen vor einem großen Foto des damaligen DDR-Diktators. Das Wort Opa kam aus dem Mund des Kleinen, erinnere mich noch daran wie versteinert die Wartenden schauten. In der BRD hätte man gelacht.
Vor dem Haus meiner Tante und Kusine gab es einen eingezäunten Bereich mit Baracken und Stacheldraht. Es war eine Art Gefangenenlager. Morgens wurden Häftlinge, meist politische laut meiner Tante, gebracht unter Bewachung, die Plattenbauten in der Nähe hochzogen für Stasi-Mitarbeiter. Um die Baustelle stand Wachpersonal mit MP.
Hausbuch, ja wir mussten uns eintragen, die Tante es vorlegen im Rathaus jedes Jahr. Unsere Anrufe in die DDR wurden abgehört und in dieser Zeit, es war 1977 gewesen als mein Vater bei einem Besuch vorgeladen wurde. Er lehnte als aktiver Gewerkschaftler ab für die Stasie zu arbeiten. Ich wusste von dem Vorfall. Ab da fuhr er nicht mehr in die DDR.
Brot oder Schrippen holen am frühen Morgen, zeigte mir eine fremde Welt. Vor der Bäckerei stand eine Schlange von Menschen mit Lockenwicklern im Haar, Kitteln an und teilweise in Schlappen ohne Strümpfe. Sag Schrippen, nicht Brötchen hatte meine Tante gesagt, dazu sei still sag nichts zu den Leuten.
Im HO, oh Schreck was für Zustände. Milch schwamm unten, Mehl aus geplatzten Tüten verstreut und fast leere Regale. Für 20 Pfennig Straßenbahn fahren, fette Broiler, ich gab eine Runde Flattermänner aus und wunderte mich nach einigen Tagen nicht mehr.
Wie hält man sowas aus?
Betriebskampfgruppen mit MP auf Motorrädern, Volkspolizei überall zu sehen. Adlershof mit seinen Resten von Ruinen, die Tankstelle mit dem lauernden Typen auf Westautos der was zum Verkaufen hatte gegen Westgeld. Geräucherte Aale für 20 DM, sah sie mir an, lehnte ab denn Aale fing und räucherte ich zu der Zeit selbst. Geschönt mit Öl sehen sie auch alt noch gut aus. Zu ersichtlich waren sie nicht frisch.
Es gab da noch die 2. Tante, ihre Tochter eine Frisöse, die mir gegenüber auf Madam machte. Meine neue Lederjacke gleich anprobiert passte, immer wieder fragte Heide-Verena, ob ich ihr sie schenken würde.

Was nun machen mit dem umgetauschten Geld. Wir kauften Kinderkleidung, verschenkten den Rest.

Willst du mal was sehen, fragte mich an einem Tag der Mann meiner Kusine, bei denen wir wohnten. Es gab einen Ausflug zu zweit mit seinem Auto. So lebten also die Russen, hinter hohen Palisaden standen die Panzer, da leben die Partei-Bonzen. Das war die wirkliche DDR und wenn ich heute durch den "Osten" fahre, ihn bereise, Usedom sehe und die Kaiserbäder, mal wieder Potsdam und das neue Berlin, so fällt mir wieder alles ein von 1978 und 1980, wo wir drüben waren.
1989 Maueröffnung und wir im Urlaub an der Ostsee. Da erlebten wir die nun freien Menschen hautnah. Was wir sahen, hörten, von Vermietern erzählt bekamen war erschreckend teilweise. Wer sich erinnert, versteht was ich meine.

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