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5xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von Dirk Hoffmann.
Veröffentlicht: 22.09.2020. Rubrik: Satirisches


Löhrmann muß entspannter werden

Die Sonne versank langsam aber sicher hinter den Dächern der Stadt und im Kulturzentrum West gab sich Schambala Ratschi, die eigentlich Beate Remsheimer hieß, wirklich alle Mühe eine handvoll Kursteilnehmer in den Zustand totaler Entspannung zu quatschen.

„So, wir atmen tief ein... ja, wunderbar... und ganz langsam und kontrolliert lassen wir die Luft wieder nach außen strömen... ganz prima, wir wiederholen es noch einige Male und nähern uns so ganz sachte und achtsam unserer inneren Mitte.“
Die vier Damen fortgeschrittenen Alters saßen bereits entrückt lächelnd auf ihren Bambusmatten, lediglich Herr Löhrmann, der heute zum ersten mal dabei war, wirkte noch recht verkrampft. Zeit mehr Gas zu geben, fand Beate.
„Ganz entspannt atmen wir weiter und stellen uns dabei nun eine Wiese vor... ganz sachte wiegen sich die Halme und Blumen in einer sanften Brise unter dem wolkenlosen Himmel und wir...“
„Maaaann, nicht schon wieder“, stöhnte der Mann, dessen Halbglatze eher eine Dreiviertelglatze war, frustriert auf.
„Herr Löhrmann, wo den liegt das Problem?“, erkundigte sie sich irritiert.
„Entschuldigen sie bitte, es ist diese blöde Kuh.“ Er zuckte mit geschlossenen Augen die Schultern.
„Welche blöde Kuh?“, fragte Beate mit absolut gerechtfertigter Verwunderung.
„Na, die Kuh, die hier auf meiner schönen Wiese weidet.“
„Es handelt sich hierbei doch lediglich um eine rein spirituell-metaphorische Wiese, sie allein bestimmen, ob sich dort eine Kuh aufhält“, sagte Beate mit sanfter Stimme, aber Löhrmann hielt dagegen:
„Mir müssen sie das nicht erklären, sagen sie das lieber mal der Kuh.“
„Also, wenn sie nicht wollen, dass sich die Kuh auf ihrer...“, setzte sie an, wurde aber unterbrochen.
„Und ob ich das nicht will. Ich meine, ein paar summende Bienchen, oder ein fröhlich flatternder Schmetterling, meinetwegen auch ein niedlicher Hase, alles kein Problem, aber eine Kuh? Mal ehrlich, wie würde ihnen das denn gefallen?“
Beate verdrehte innerlich die Augen und änderte die Taktik.
„Okay, Herr Löhmann, versuchen sie es doch einfach mal anders. Atmen sie ganz entspannt weiter und stellen sie sich dabei vor, wie sie sich zurücklegen und in den blauen Himmel blicken.“
„Auf gar keinen Fall, sie sind wohl verrückt, was? Hier läuft eine Kuh herum, da könnte ich mich ja in wer weiß was legen. Oder noch schlimmer: Während ich so entspannt daliege und in den Himmel schaue, steht sie plötzlich über mir und dann...“
„Ich denke, ich habe verstanden, Herr Löhrmann. Vielleicht ist die Meditation ja nicht das richtige für sie und ein anderer Kurs wäre besser für sie geeignet“, baute sie ihm eine Brücke.
„Naja, ich war vorher schon in einem Workshop angemeldet, bei dem man sein inneres Leittier mit entspannenden Holzarbeiten finden sollte.“ Er hob hilflos die Arme.
„Ach, sie waren bei `Schnitzen statt ritzen`?“
„Ja, genau. Da hatte ich allerdings ein ganz ähnliches Problem und deshalb haben die mich zu ihnen geschickt.“
„Ein... ähnliches Problem?“, hakte Beate unsicher nach.
„Ja, ich wollte eigentlich ein Pferd schnitzen, so einen richtig wilden Hengst, aber, egal was ich auch anstellte, es wurde immer eine Kuh, keine Ahnung warum.“ Hilflos blickte er nun zu ihr herüber.
„Wissen sie, Herr Löhrmann, vielleicht ist die Spiritualität ja einfach nicht so ihr Ding. Hier gibt es doch so viele Angebote, da finden sie bestimmt etwas, das besser zu ihnen passt“, schlug sie ihm vor.
„Klar, ich hätte ja auch viel lieber `Bier brauen für Anfänger` belegt, aber meine Frau meinte, ich müsse dringend entspannter werden.“
„Ihre Frau hat sie hier angemeldet?“
„Ja.“
„Obwohl sie eigentlich keine Lust dazu hatten?“
„Natürlich, sie sagt mir ja schließlich immer, wo es lang geht und was ich zu tun und zu lassen habe. Mir macht das nichts, das bin ich inzwischen gewöhnt.“
„Ihre Frau hat wohl eine... starke Persönlichkeit, was?“, tippte Beate.
„Na, und ob.“ Kräftig nickte er.
„Und wenn sie versuchen zu entspannen, taucht diese Kuh auf?“
„Seltsam, oder?“, fragte er ratlos.
„Merken sie etwas, Herr Löhrmann?“
„Ich habe keine Ahnung, was sie meinen.“ Und ahnungslos blickte er sie tatsächlich an.
„Ich möchte, das sie sich einen anderen Ort vorstellen“, sagte Beate bestimmt. Niemand sollte ihr nachsagen können, sie hätte jemals eine suchende Seele hängenlassen.
„Hauptsache da gibt es keine Kühe“, schränkte Löhrmann ein, aber so einfach würde es auf dem Pfad der Erleuchtung nicht werden, soviel stand für Beate schon mal fest.
„Oh, doch, dort sind sogar sehr viele Kühe...“, zischte sie.
„Oje“, kam es kläglich zurück.
„... und mit unsicheren Schritten staksen sie gerade verängstigt die Rampe eines Viehtransporters herab, denn sie waren stundenlang unterwegs, bis sie endlich hier im Schlachthof ankamen.“
„An mich kommen die Kühe aber nicht heran, oder?“, erkundigte er sich ängstlich und kniff die Augen noch fester zusammen.
„Nein, keine Sorge, Herr Löhrmann, da sind ja überall stählerne Absperrungen, durch die sie getrieben werden, bis... können sie das Knallen der Bolzenschußgeräte hören?“
„Oh,ja, die reinste Musik.“ Ein Lächeln stahl sich auf Löhrmanns Gesicht.
„Sehen sie die ausgebluteten Kadaver, die von blitzenden Messern und kreischenden Sägen grob zerlegt werden?“
„Ein herrlich entspannender Anblick“, schwärmte er leise.
„Atmen sie den Geruch des zu Brei zermahlenen Fleisches, das in anderer Tiere Därme gepumpt und dann gekocht wird.“, behielt Beate unbeirrt die Richtung bei, obwohl drei Damen angeekelt ihre Matten zusammenrollten und eiligst den Raum verließen. Ihr entging auch nicht, dass die noch verbliebene Kursteilnehmerin sich verstohlen über die Lippen leckte und Löhrmann verträumt anschmachtete.
„So friedlich“, flüsterte er.
„Stellen sie sich die saftigen Bratwürste nun auf einem Grill vor, während sie mit einem großen Krug ihres selbstgebrauten Bieres davor stehen und...“ Beate stoppte, denn jetzt drang Löhrmanns leises Schnarchen an ihre Ohren.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Nordlicht am 23.09.2020:
Gute Geschichte. Letztendlich findet jeder wo anders seine Entspannung.




geschrieben von Dirk Hoffmann am 24.09.2020:
Danke Nordlicht... echt mal.




geschrieben von Weißehex am 25.09.2020:
Einfallsreiche Geschichte.




geschrieben von Dirk Hoffmann am 28.09.2020:
Vielen Dank, Weißehex. Ich habe etwas Sorge langsam in den Altherrenhumor abzugleiten und mich erleichtert, wenn die Geschichte zu gefallen weiß.




geschrieben von die Juditha am 29.09.2020:
ich musste ganz schön doll schmunzeln




geschrieben von Dan Prescot am 29.09.2020:
Echt Klasse!

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