Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2017 von Dirk Hoffmann.
Veröffentlicht: 05.12.2020. Rubrik: Satirisches


Weihnachten mit Pastor Schröder

„Das war wirklich eine ganz wundervolle Probe, ich freue mich schon sehr auf euren Auftritt. Das wird gewiss das schönste Krippenspiel, dass wir jemals hatten.“ Hochwürden Ludger Schröder tätschelte über die kleinen Köpfe der Kindergartenkinder und lächelte den beiden Erzieherinnen selig zu, während er sie aus seiner Kirche begleitete. Als er die Kirchentür hinter der lärmenden Gruppe geschlossen hatte, lehnte er sich ächzend dagegen.
„Macht euch bloß vom Acker, ihr nervenden Scheißblagen, sonst muss ich noch kotzen.“
Jedes Jahr zur Weihnachtszeit der gleiche Wahnsinn. Vor ihm türmte sich ein riesiger Haufen Arbeit und Arbeit war etwas, das er absolut nicht ausstehen konnte. Auf dem großen Adventskranz brannte bereits die dritte Kerze und Pastor Schröder hatte noch nichts erledigt. Jetzt war auch noch der verdammte Küster krank geworden und Ludger musste sich alleine um den ganzen Mist kümmern.
„Please allow me to introduce myself...“, meldete sich Ludgers Handy laut und melodisch. Fahrig kramte er es aus seinem Talar.
„Ja, hallo?“, meldete er sich gereizt.
„Ludger, du kleines Schweinchen, hast du etwa unseren Termin vergessen?“, flötete ihm Chantal ins Ohr.
„Verdammte Scheiße, war das heute?“
„Und ob das heute war, mein Süßer, wir haben unser wöchentliches Schäferstündchen doch extra vorverlegt, weil du dich morgen um die Weihnachtsfeier mit den Obdachlosen kümmern musst.“
Verdammt, das verlauste Pennerpack hatte er komplett vergessen. Früher hatte sich immer Frau Seifert um die Armenspeisung gekümmert und so froh Ludger auch gewesen war, als die humorlose alte Schachtel im Sommer endlich von einem Herzinfarkt dahingerafft wurde, so sehr vermisste er sie in diesem Moment.
„Sollen wir nochmal verschieben, Süßer?“
„Wie sieht es denn übermorgen aus?“, seufzte Ludger Schröder.
„Ist bei mir kein Problem, aber Denise ist da schon ausgebucht, deine übliche flotte Dreifaltigkeit kannst du dann vergessen. Kostet natürlich auch nur die Hälfte.“
„Du machst das schon, Chantal, kein Problem.“ Mist verfluchter! Halber Preis? Bei den ergiebigen Kollekten der Adventszeit war Geld ja nun wirklich nicht das Problem.
„Und ob, du heißer Mann Gottes“, kicherte Chantal, die in Wahrheit Bärbel hieß. Schröder musste es ja wissen, denn schließlich hatte er ihr vor zehn Jahren persönlich die Erstkommunion erteilt.
Er beendete das Gespräch und fischte im Vorbeigehen seine Whiskyflasche aus dem Beichtstuhl. Er nahm einen großen Schluck und wollte gerade noch einmal ansetzen, als sich erneut sein Handy bemerkbar machte.
„Please allow me to introduce myself, I'm a man of wealth and taste...“
„Ja, Pastor Schröder hier?“, meldete er sich.
„Guten Tag Herr Pastor, Liebig von der Förderschule.“
Oh Mann, die frigide Kuh hatte ihm jetzt auch noch gefehlt.
„Ich grüße sie Frau Liebig, was darf ich für sie tun?“, erkundigte er sich charmant und verdrehte die Augen.
„Ich möchte sie nur nochmal an den Gottesdienst in unserer Aula erinnern.“
Ach du heilige Scheiße, die kleinen Schwachmaten von der Mongoschule habe ich total vergessen, dachte Ludger und sagte:
„Selbstverständlich, ich denke pausenlos daran und freue mich schon sehr auf die Messe mit ihren kleinen Gottesgeschenken, Frau Liebig.“
„Das haben sie aber schön gesagt, Herr Pastor Schröder. Bis Übermorgen dann!“
Übermorgen?! Das durfte ja wohl nicht wahr sein, jetzt musste er Chantal doch wieder absagen und auch noch auf die Schnelle eine Predigt für die sabbernden Hohlschädel schreiben. Er zündete sich eine Zigarette an der Altarkerze an, und setzte sich verdrossen auf die Stufen.
„Please allow me to introduce myself, I'm a man of wealth and taste, I've been around for a long, long years...“
 „Ja, bitte, Pastor Schröder hier.“
„Ähh... hier ist der Cedrik, Herr Pastor.“ Hoffnung keimte in Ludger auf, vielleicht hatte der verblödete Bengel ja gute Nachrichten.
„Was gibt es Cedrik?“
„Ja... also, das mit dem Gras so, das geht nicht so schnell,so... der Murat konnte noch nicht liefern, so und jetzt so...“ Nein, das klang doch eher nach schlechten Nachrichten.
„Meine Güte, kannst du mal mit dem bescheuerten Gestammel aufhören? Jetzt noch mal von vorne: Was ist mit meinem Gras, Cedrik?“, knurrte Schröder in sein Telefon.
„Die haben den Murat gepackt, also die Bullen so und jetzt hat der gerade nichts mehr am Start, Herr Pastor.“
„Cedrik, du weißt schon, dass gewisse Fotos aus dem letzten Ferienlager der Messdienerschaft zu deinen Eltern gelangen könnten, wenn du dich nicht an unsere Abmachung hältst, oder?“
„Ja, ist klar Herr Pastor...“, kam es kleinlaut zurück.
„Und genau das wird passieren, wenn ich nicht sehr schnell etwas zu kiffen bekomme, klar?“ Ludger beendete wütend das Gespräch, setzte die Flasche an und blickte zur gewölbten Decke hinauf .
„Oh Herr, bitte lasse ein Wunder geschehen. Nur einmal, ich meine das muss doch mal drin sein, oder etwa nicht?“ Ludger verharrte mit flehend ausgebreiteten Armen, aber nichts geschah.
War ja klar, was konnte man auch schon von jemandem erwarten, der angeblich unbefleckt gezeugt worden war?
„Please allow me to introduce myself, I'm a man of wealth and taste, I've been around for a long, long years, Stole many a man's soul and faith...“
Schon wieder dieses verfluchte Telefon, was war denn los heute? Ludger schüttelte resigniert den Kopf.
„Ja, Schröder am Apparat!“, meldete er sich gereizt.
„Bischof Krämer hier, Herr Pastor Schröder.“ Auch das noch, Ludger stöhnte innerlich auf. Was wollte denn dieser vertrocknete alte Langweiler von ihm?
„Bischof Krämer, welch eine Ehre! Was kann ich für sie tun?“, erkundigte er sich fröhlich und zog eine Grimasse.
„Hochwürden Schröder, ich bin froh, das ich sie erreiche, aber ich habe leider eine sehr schlechte Nachricht für sie“, kündigte der Bischof bedauernd an.
„Du meine Güte, was ist denn passiert, euer Exelenz?“
„Ich weiß, wie wichtig es ihnen ist, das Weihnachtsfest gemeinsam mit ihrer Gemeinde zu feiern und wie aufopferungsvoll sie sich um ihre Schäfchen kümmern...“
„Na und ob! Es ist Jahr für Jahr meine größte Freude. Wissen sie, Exzellenz, ich schreibe gerade die Predigt für die kleinen Racker von der Förderschule. Ich kann ihnen sagen, die reinsten Engelchen sind das.“
„Ihre Begeisterung macht es mir noch viel schwerer, ihnen ihre sehr kurzfristige Versetzung mitteilen zu müssen.“
„Was denn für eine Versetzung, Exzellenz?“ Ludger nahm schnell noch einen Schluck aus der Flasche.
„Wir brauchen ganz dringend für einige Wochen einen fähigen Mann bei einem Hilfsprojekt in Brasilien und sie sind die erste Wahl.“ Moment mal, dachte Ludger, Brasilien klingt doch gar nicht schlecht. Davon abgesehen, ihm war alles recht, was ihn aus dieser miefigen Spießbürgerscheiße hier herausholte.
„Es ist mir wirklich unangenehm, aber ich muss sagen, es ist der reinste Sündenpfuhl dort.“
„Ein Sündenpfuhl?“ Das klang interessant.
„Ja, sie können es sich ja gar nicht vorstellen, Ludger. Ich sage nur: Glücksspiel und Alkohol!“
„Furchtbar! Glücksspiel und Alkohol?“ Zwei Dinge, die ganz hervorragend miteinander harmonierten, fand Ludger.
„...und Prostitution auch, Ludger, jede Menge Prostitution! Von den vielen Drogen ganz zu schweigen.“
„Grauenvoll! Prostitution und Drogen?“ Ludger stieß triumphierend die Faust in die Luft.
„Sie können es sich gar nicht vorstellen, Ludger, Sodom war dagegen ein Hort von Sitte und Moral!“
„Bei allen Heiligen, welch eine harte Prüfung erlegt der Herr mir auf!“, Ludger hoffte, das er trotz seines breiten Grinsens aufrichtig verzweifelt klang.
„Ich weiß, ich verlange ein großes Opfer von ihnen, Ludger, aber an wen soll ich mich wenden, wenn nicht an jemanden, der so tatkräftig und fromm ist, wie sie?“
„Für den Herrn ist mir kein Opfer zu groß, Herr Bischof! Wenn er mich ruft, dann bin ich zur Stelle und verrichte sein Werk, egal wo es auch sei und gleichgültig wie sehr es mich dabei auch schmerzt.“
„Ich danke ihnen für ihren Vorbildlichen Einsatz, Ludger. Ich wusste, auf sie ist verlass. Ich werde das bei der nächsten Bischofskonferenz lobend erwähnen, das verspreche ich ihnen!“
Nachdem er sich vom Bischof verabschiedet hatte, reckte er die Whiskeyflasche erneut zur Decke und jauchzte: „Oh Herr, ich danke dir!“
Pastor Ludger Schröder schnippte seine Zigarettenkippe in das Taufbecken, machte einen kleinen Luftsprung und ging seine Koffer packen.

2xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Isbahan am 30.01.2021:
Kommentar gern gelesen.
Jou. Da kann aber Pastor Schröder fein die Messe lesen: Mit Sex&Drugs&Rock`n Roll ... vielleicht singt ihm Janis Joplin das Ave Maria?;)




geschrieben von Susi56 am 19.03.2021:
Kommentar gern gelesen.
Herrlich übertrieben, schwarzer Humor vom Feinsten... Musste ganz schön grinsen!




geschrieben von Dirk Hoffmann am 19.03.2021:

Ich weiß nicht, was Du mit "übertrieben" meinst, aber schön, das Dir die Geschichte gefallen hat. Gruß, Dirk

Weitere Kurzgeschichten von diesem Autor:

Die Erfindung des Happy-Ends (also... fast jedenfalls)
Oma Bernemann geht einkaufen
Eine nicht ganz so triumphale Heimkehr
Löhrmann muß entspannter werden
Liegengeblieben