Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie Du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
FacebookMenu anzeigenMenu anzeigen
4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2018 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 07.02.2018. Rubrik: Lustiges


Im Professoren-Haushalt

Das Professorenpaar – er Ornithologe, sie Botanikerin – wohnte mit seinen beiden kleinen Kindern, den Zwillingen Falk und Liane, in einem geräumigen Einfamilienhaus mit Garten. Zur Hand gingen ihm dort eine Putzfrau und die junge Haushaltshilfe Kathi.

Kathi mochte die Zwillinge sehr, da sie lieb und relativ pflegeleicht waren. Die Eltern dagegen fielen ihr oft auf die Nerven, was verständlich ist, wenn man die beiden folgenden Beispiele betrachtet…

*

„Herr Professor, im Vogelhäuschen sitzt eine Krähe und lässt keine Singvögel herein!“

„Kathi, Sie müssen sagen: ‚lässt keine ANDEREN Singvögel herein‘. Auch Krähen gehören zu den Singvögeln. Ob Menschen den Gesang eines Vogels schön finden oder nicht, ist dem Ornithologen egal. Übrigens sind Rabenvögel –“

„Entschuldigung, ich bin in Eile! Soll ich die Krähe verjagen oder was?“

*

„Frau Professor, soll ich Erdbeeren oder Himbeeren kaufen?“

„Erdbeeren, Kathi, aber eigentlich sind beide Wörter falsch, denn weder Erd- noch Himbeeren sind botanisch gesehen Beeren. Die Erdbeere ist eine Sammelnussfrucht und die Himbeere eine Sammelsteinfrucht –“

„Verzeihung, ich muss weg, sonst ist der Supermarkt zu!“

*

Nach etwa fünf Jahren im Professoren-Haushalt kündigte Kathi. Nicht nur wegen der ständigen Belehrungen, sondern vor allem deswegen, weil sie ihren Traummann gefunden hatte und eine eigene Familie gründen wollte.

Weitere fünfzehn Jahre waren ins Land gegangen, als Kathi, in Begleitung ihrer beiden Teenie-Töchter, auf der Einkaufsstraße von zwei jungen Leuten angesprochen wurde: „Entschuldigung, sind Sie nicht die Kathi? Wir sind Falk und Liane!“

Kathi traute ihren Ohren nicht. „Was für eine Überraschung! Dass Sie mich erkannt haben! Sie waren doch damals noch klein!“

„Wollen wir nicht ‚du‘ zueinander sagen wie früher?“, fragte Liane. Die nächsten Minuten vergingen damit, dass Kathi stolz ihre Töchter vorstellte und alle von ihrem jetzigen Leben erzählten.

„Und wie geht es euren Eltern?“, wollte Kathi wissen. Falk und Liane wurden etwas verlegen. „Nun ja“, sagte Falk schließlich, „sie haben beruflich umgesattelt.“

Mit wachsendem Staunen hörte die ehemalige Haushaltshilfe, was sich ereignet hatte. Der Ornithologe hatte im Garten eine riesige Voliere für exotische Vögel bauen lassen, deren Verhalten er studierte. Leider kreischten sie ständig so durchdringend, dass die Nachbarn Anzeige erstatteten. Schließlich wurde der Professor gerichtlich gezwungen, die Vögel abzuschaffen, und durfte nur noch Tiere halten, die keinen Lärm machten.

„Vater sann fortan auf Rache“, berichtete Falk. „Nur um es den Prozessgegnern heimzuzahlen, verlegte er sich von der Vogel- auf die Säugetierkunde und macht seitdem im Garten Versuche mit Ratten. Die lärmen ja nicht und sind deswegen erlaubt. Aber die Nachbarn entsetzen sich natürlich.“

Kathi konnte es kaum glauben. „Und eure Mutter?“

„Die ging sogar noch weiter“, erzählte Liane. „Aus Solidarität mit Vater ärgerte sie die Nachbarn, indem sie anfing, Kornnattern zu züchten. Ungiftige Tiere, aber für Laien trotzdem furchterregend. Sie hat sich jetzt auf Schlangen spezialisiert. Da sie vorher Botanikerin gewesen war, war ihr Sprung zur Reptilienkunde ein noch größerer Wechsel als der von Vater, der ja wenigstens innerhalb des Tierreichs geblieben war. Na, beide sind glücklich mit ihren Ratten und Schlangen, und die Nachbarschaft lebt in ständiger Angst davor, dass die Tierchen mal ausbüxen.“

„Mama, dürfen wir Ratten haben?“, bettelte Kathis ältere Teenie-Tochter. „Die sind so süß!“, fügte die jüngere hinzu.

„Nein, wir haben doch schon eine Katze, und die würde die Ratten fressen“, wehrte Kathi ab, wobei sie Falk und Liane zuzwinkerte.

„Tja, so sind unsere Eltern halt“, seufzte Liane. „Wir sagen ihnen immer, sie sollten sich mit den Nachbarn aussöhnen, denn man wüsste nie, wozu man sie mal brauchen würde.“

„Stimmt!“, sagte Kathi. Dann blickte sie auf ihre Uhr: „Oh, wir müssen weiter. Alles Gute euch beiden – und grüßt eure Eltern von mir.“ Winkend zogen sie und die beiden Teenies von dannen.

„Weißt du, was mir gerade einfiel?“, fragte Falk seine Zwillingsschwester. „Wir können froh sein, dass Vater zur Zeit unserer Geburt noch Ornithologe war und Mutter Botanikerin. Deshalb haben sie uns ja Falk und Liane genannt. Hätten sie damals schon ihre heutigen Lieblinge gehabt, hießen wir womöglich Ratto und Serpentina…“

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Weitere Kurzgeschichten von diesem Autor:

Die Sturmmädchen
Māma mà má mǎ ma?
Im Heimatdorf
Der Name der Erbtante
Der Verein der ungünstigen Geburtstage